diese Sprache zulässt: Sie haben mir aber nie eine Antwort erteilet, die von aller Zweideutigkeit wäre frei gewesen. Dieses hat mich berechtiget, zu der Feder meine Zuflucht zu nehmen, um Ihnen, wem die Sprache meiner Augen nicht wäre redend gnug gewesen, Ihnen durch die Feder das geständnis deutlicher zu wiederholen, dass ich Sie anbete. Es stehet in Ihrer Hand, mich zu den glücklichsten Bewohner der Erden zu machen, wenn Sie meine Wünsche nicht ganz unerhört sein lassen. Doch bin ich nicht zu unbescheiden, mich in Ihre Gewogenheit eindringen zu wollen, ehe ich Ihnen Beweise meiner Aufrichkeit aufgestellet habe? Es ist mir genug, wenn ich nur von Ihnen die erlaubnis erhalte, die Zahl Ihrer Verehrer vergrössern zu dürfen, alsdenn will ich sehen, ob ich andre in dem Eifer, Dero Gunst zu verdienen, übertreffen kann. Und wie sehr wünschte ich, dass diese durch eine unverletzliche Treue und Beständigkeit könnte erlangt werden: so dürfte ich an der Erfüllung meiner Hoffnung nicht einen Augenblick länger zweifeln. So begierig ich schon der Erklärung von Ihnen, über den Antrag meines Herzens, entgegen sehe: so sehr habe ich Ursache zu wünschen, dass ich diese nicht mündlich erhalte, damit meine Base, die Frau v.W. nichts davon erfahre. Der geringste Wink, den sie von meiner Absicht bekäme, würde mich des angenehmen Umganges mit Ihnen berauben, und den Zutritt zu Ihrem haus, das durch Sie, vortrefliches fräulein, für mich zu einem Louvre wird, auf einmal versperren. Ich weiss, dass das fräulein von S. Ihr ganzes Vertrauen besitzt; allein sollte sie auch wohl verschwiegen genug sein, dass Sie ihr das geheimnis, das für mich so wichtig ist, anvertrauen könnten? Doch ich will Ihrer bekannten Klugheit nichts vorschreiben. Sie kennen den Ueberbringer dieses Briefes, und wissen, dass er ein redlicher Mann ist, wollen Sie ihm ein paar Zeilen anvertrauen, die mein Schicksal bestimmen, so werden Sie dadurch unendlich verbinden
Dero
untertänigen Diener
und Verehrer,
v. Ln.
XXVII. Brief.
fräulein Amalie v.S. an das fräulein v.W.
Den 2 Nov.
Schon wieder ein Brief von Schöntal, werden Sie sagen, und das noch so spät, was hat das zu bedeuten? Eben nichts sonderliches, vielleicht aber auch etwas, das nicht ganz unbeträchtlich ist. Es ist mir allemal sehr angenehm, wenn ich mich mit Ihnen unterreden kann, es sei nun mündlich oder schriftlich. Ich habe verschiedene Entdeckungen gemacht, die ich Ihnen doch in der Geschwindigkeit mitteilen muss, wenn sie auch gleich nicht so gar wichtig sind. Ich bin jetzt ganz ruhig, mein Affekt hat sich geleget. Da ich meinen Brief fortgeschickt hatte, trat ich wieder vor den Spiegel, und tat mir allen möglichen Zwang an, um eine philosophische Mine zu machen. Wenn ich nur die äussere Seite einmal in meiner Gewalt habe, und so scheinen kann, wie ich scheinen will; so bringe ich es hernach bald dahin, dass ich auch in der Tat so sein kann, wie ich sein will. Ich bildete wir ein, dass mein Vorhaben ziemlich gelungen wäre, und warf nun einen philosophischen blick auf den fatalen Brief. Ich nahm mir vor, ihn nochmals mit kaltem Blute zu lesen. Ehe ich mich aber recht daran wagte, fing ich an, um mein Blut nicht wieder in Wallung zu bringen, ihn von aussen eine zeitlang zu betrachten. Das Siegel zog zuerst meine Aufmerksamkeit auf sich. Das Wappen war mir unbekannt. Es fielen mir schon vorher einige seltsame Gedanken ein, und ich weiss selbst nicht, wie ich auf den wunderbaren Zweifel geriet, ob der Herrn v. Ln. auch der Verfasser von diesem Briefe wäre. Um mir alle gelegenheit zu benehmen, ihn für unschuldig zu erkennen und ihm gegen mich selbst das Wort zu reden, schnitt ich das Siegel von dem Umschlag und ging damit zum Baron. Ich fragte, ob ihm dieses Wappen bekannt wäre, er sagte nein. Ich erkundigte mich, ob er des Herrn v. Ln. Wappen kennete, ich hätte von dem fräulein v.W. einen Brief bekommen, der dieses Siegel gehabt hätte, und vermutete, dass Sie es von dem Major entlehnt hätten, weil Sie bei Ihren Briefen sonst ein andres Siegel brauchten. Er versicherte, dass dieses des Herrn v. Ln. Wappen nicht wäre, und hätte auch nicht die geringste Aehnlichkeit damit, jenes wäre ihm sehr genau bekannt. Es befremdete mich dieses in etwas, ich dachte, wenn der Herr v. Ln. kein Bedenken getragen hat, seinen Namen unter die Briefe zu sehen, warum sollte er sein Wappen verleugnen wollen? Doch ich sehe selbsten ein, das hieraus nichts zu machen war, es konnte zufälliger Weise geschehen sein, dass er ein andres Siegel gebraucht hatte. Wenn man sich aber einmal etwas in den Kopf setzt, so hält es schwer, dass man sich von diesen Gedanken sogleich wieder lossmachen kann; wenn man auch wahrnimmt, dass sie keinen Grund haben. Ich wollte es nun einmal so haben, dass der Major die Briefe nicht geschrieben hätte, und diesen schwankenden Vorstellungen gab das fremde Siegel, so geringe dieser Umstand auch an sich war, eine ziemliche Festigkeit; wenigstens fiel doch mein Verdacht nicht mehr auf den Major alleine, ich teilte ihn schon unter mehrere aus. Nun war meine Neugier so rege gemacht, dieser Sache weiter nachzuforschen, dass