schon einen günstigen Augenblick ablauren, ihr das Briefgen unvermerkt zuzustecken. Ich hoffe nicht, dass er Schwürigkeiten machen wird, der Besorgung der Briefe auf sich zu nehmen. Ich gebe ihm mein Wort, dass ihm daher nicht die geringste Gefahr erwachsen kann, und will er sich dabei nicht beruhigen; so hat er ja wohl so viel Verstand in seinem kleinen Finger, um selbst zu urteilen, dass man an junge Schönen keine Halsbrechenden Dinge zu schreiben pfleget, und dass der Briefträger also auch nichts zu befürchten hat. Was ich oben gesagt habe, dass er um seines Besten willen bei Bestellung der Briefe alles wohl in Acht nehmen sollte, und wenn er durch seine Unachtsamkeit etwas versehen würde, dass dieses für ihn unangenehme Folgen haben könnte; so ist dieses nicht zu verstehen, als ob man ihn deswegen würde stöcken und pflöcken lassen: sondern er würde sich dadurch um eine sehr gute Belohnung und wohl gar um eine baldige Versorgung bringen. Vielleicht bin ich selbst nicht weit entfernt, wenn er seinem Auftrage Genüge leistet. Er ist eine kluge Mann und kann nun schon erraten, wie viel es geschlagen hat, indessen will ich mich nicht weiter verraten. Mache er sich keine unnötige sorge deswegen, dass ich diesmal meinen Namen unter die gewöhnlichen Buchstaben verstecke.
N.N.
XXIII. Brief.
Das fräulein v.W. an das fräulein v.S.
den 2 Novembr.
Ich bitte Sie tausendmal um Vergebung, mein Schatz, ich habe Sie wider meinen Willen schrecklich beleidiget, oder glaube doch, dass Sie es leichtlich als eine Beleidigung ansehen könnten: ich habe einen Brief erbrochen, der Ihnen zugehöret. Verdammen Sie mich aber nicht durch ein übereiltes Urteil, ich bin unschuldig! die Aufschrift ist an mich. Sehen Sie? Vermutlich rührt dieses aus einem unglücklichen Versehn des Verfassers her. Doch das ist nicht mein Verbrechen alleine, über so etwas, daran der Zufall Anteil hat, können Sie mit mir nicht zürnen: aber was werden Sie sagen, wenn ich gestehe, dass ich den Brief auch gelesen habe, vom Anfang bis zu Ende? Verfahren Sie billig mit mir, am Ende bin ich erst meinen Fehler inne worden, und da warf ich den Brief voller Bestürzung von mir, aber zu spät. Ich will mich Ihrer Verzeihung durch ein offenherziges geständnis meines Irrtums würdig machen. Ich könnte mein versehen dreuste leugnen, ich könnte sagen, dass ich gleich bei den ersten Zeilen wäre inne worden, dass mich der Innhalt des Briefes nicht anginge; ich hätte so viel Gewalt über mich gehabt, den Brief wieder zu siegeln, ohne weiter zu lesen. Was wollten Sie machen? Glauben müssten Sie mir es doch, so wenig Lust dazu Sie auch bezeigen möchten. Ich will sehen, ob ich meinem Fehler noch gar ein Verdienst beilegen kann: ich will Ihnen aus aufrichtigen Herzen zu Ihren neuen Anbeter Glück wünschen. Habe ich es nicht schon oftmals gesagt, dass Sie in den Augen des Majors eben das sind, was ich bin in den Augen des Herrn v.N.? Sehen Sie nur, wie meine Vermutungen so richtig eingetroffen sind. Wenn ich nicht wüsste, dass Sie sich nur so gestellet haben, als wenn Sie die Absichten des Majors nicht merkten: so würde ich stolz darauf sein, und mich für ein sehr kluges Mädchen halten, auf die Art könnte ich weiter sehen als Sie. Machen Sie mich nur in Zukunft zur Vertrauten bei Ihrer Liebe, einmal weiss ich doch um Ihr geheimnis, und wenn Sie mich auch überreden wollten, dass Sie gegen den Major unerbittlich wären; so glaubte ich Ihnen dieses eben so wenig, als Sie es tun würden, wenn ich Ihnen sagte, ich hätte innliegenden Brief nicht ganz gelesen. Brauchen Sie ja nicht ein so geringes versehen, als das ist mit der Addresse des Briefes, zum Vorwande, gegen mich über den Hrn. v. Ln. sich erzürnt anzustellen, ich werde doch nicht glauben, dass es Ihnen von Herzen geht. Ueberhaupt lege ich diesen Fehler zu seinem Vorteil aus. Ich habe zwar von den Empfindungen der Liebenden sehr undeutliche Begriffe: so viel sehe ich aber doch ein, dass seine Neigung eine der heftigsten sein muss; seine Gedanken mussten sich ganz in Sie verlohren haben; er befand sich ohne Zweifel in einer Art von Entzückung, da er die Aufschrift auf den ersten Brief an seine Göttin machte. Sein Sie ja nicht unbarmherzig gegen einen so eifrigen Liebhaber. hören Sie, was ich sage! Ich will Sie nicht länger von dem Vergnügen abhalten, das zärtliche Briefgen Ihres Verehrers zu lesen, vermutlich haben Sie mein Schreiben zuerst in die Hand genommen. Wenn Sie in Ihrem Herzen noch ein klein Plätzgen übrig haben und sich Ihr Freund darinne nicht schon gar zu breit macht, so heben sie solches auf für
Ihre
ergebenste
Jul. v.W.
XXIV. Brief.
Einschluss des vorigen.
An das fräulein v.W.
den 1 November.
Gnädiges fräulein,
Sie mögen es nun billigen oder nicht, so wage ich es doch, Ihnen mein Herz zu entdecken. Einem Soldaten ist eine kleine Freiheit anständig, die ein andres ungestraft sich nicht heraus nehmen darf. Ich verehre Sie. Dieses haben Sie aus meinem Bezeigen gegen Dero vortrefliche person bereits schliessen können: ich fand aber nötig, Ihnen dieses Geständnis auch einmal deutlicher zu tun. Mündlich würde es mir unendliche Mühe gekostet haben, ich bin in gewissen Fällen sehr zaghaft