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XXII. Brief.
Herr Bornseil,
Er ist ein ehrlicher Mann, das ist ausser allem Zweifel, und wenn er es auch nicht wäre, so könnte er dennoch den Gefallen erweisen, darum ich ihn geziemend hierdurch ersuche. Ich weiss, dass er ehedem bei dem Herrn v.W. als Verwalter in Diensten gestanden hat, und ich habe ihn da wohl gekannt, er trug immer einen grünen Rock mit spitzigen silbernen Knöpfen und einen blauen Brustlatz. Ob er nun gleich nicht mehr in Wilmershausen wohnet; so hat er doch noch, wie ich höre, einen freien Zugang auf den Edelhof. Denn er ist nicht wie ein Schelm fortgejaget worden, sondern böse Leute haben ihm eines bei dem gnädigen Herrn versetzt, dass er sein Stückgen Brod verlohren hat. jetzt hält er sich, sagt man, zu Schöntal auf, und der Herr Baron v. F. gibt ihm seinen notdürftigen Unterhalt, folglich hat er auch daselbst im schloss einen Zutritt. Ich kann mich daher zu Niemand füglicher wenden als an ihn, um innliegende Briefe sicher an Ort und Stelle zu bringen. Ich hoffe, dass er französisch lesen kann, wo nicht, so gebe er nur den grössten Brief an das fräulein v.W. in Wilmershausen, und den kleinem an das fräulein v.S. in Schöntal es ist mir an der richtigen Besorgung dieser Briefe sehr vieles gelegen. Wenn er diese Commission wohl ausrichtet, kann er auf ein gutes Trankgeld Rechnung machen. Er hat nicht das geringste bei Bestellung der Briefe zu befürchten, vielmehr wird er beiden Fräuleins willkommen sein, und vielleicht von ihnen eine Vergeltung seiner Mühe erhalten. Ich glaube, dass es nicht undienlich sein wird, in ein und andern Stücken ihm einigen Unterricht zu erteilen, damit dieser Auftrag der Absicht desto gemässer vollbracht werde. Nehm er folgende fünf Regeln deswegen wohl in Acht: 1.) Wenn er einem fräulein ihren Brief einhändiget, so lasse er sichs nicht merken, dass er auch an die andere einen zu bestellen hat. 2.) Darf kein Brief einer andern person in die hände fallen, als der, an welcher er gerichtet ist, daher wird er am besten tun, wenn er das Sprichwort beobachtet: selber ist der Mann.
3.) Diesen Punkt merk er sich ja fein, soll er keinen Brief eher weggeben, bis er gelegenheit findet, eine von den Fräuleins alleine zu sprechen. Wenn sie beide in Schöntal oder in Wilmershausen beisammen sind; oder wenn jemand anders gegenwärtig ist: so lass er sich von seiner Commission ja nichts merken, sonst wollte für ein und andere verdrüsslichen Folgen, die leichtlich für ihn daher entstehen könnten, nicht Bürge sein.
4.) Wenn man etwann fragen sollte, wo und von wem er die Briefe erhalten: so kann er nur sagen, es hätte jemand des Abends an sein Fenster gepocht und sie seiner Tochter hinein gegeben; sich aber sogleich wieder entfernt. Vermutlich wird er sie auch wirklich auf diese oder eine ähnliche Art erhalten. Er kann noch dazu dichten, er hätte den Ueberbringer derselben nachlaufen wollen, um zu sehen, wer er wäre: da er aber unglücklicherweise über einen Stein gestolpert, so wäre jener entwicht. So viel er bei Mondenschein wahrnehmen können, wäre der Ueberbringer ein langer Mensch gewesen, der das Ansehen eines Jägero gehabt hätte, dieses und noch mehreres von diesem Schlag kann er nach Beschaffenheit der Umstände hinzu fügen, es ist ihm unverwehrt.
5.) Sollte er wieder Briefe von den Fräuleins an jemand zu bestellen kommen, so hüte er sich ja, dass er sie nicht der person selbsten überbringt, an die solche gerichtet sind. Ich sage ihm dieses zu seinem eigenen Besten. Sobald er einen Brief empfängt, so stecke er solchen in seine tasche, er darf ihn so wenig von sich legen, als er gewohnt ist, seine Tobacksdose wegzulegen, damit er ihn gleich aushändigen kann, wenn er abgefodert wird. Diejenige person, die dieses zu tun berechtiget ist, wird ihm einen versiegelten Zeddel geben, in welchen weiter nichts als das einzige Wort Barocco zu lesen ist; keine andere Seele aber darf die Briefe zu sehen bekommen, als diese. Damit er nun die obigen fünf Punkte wohl ins Gedächtnis fasst und genau beobachtet, will ich ihm ein Hülfsmittel bekannt machen, sie desto leichter zu behalten. Er hat an jeder Hand fünf Finger, nehm er also die fünf Finger seiner linken Hand, die rechte braucht er vermutlich die Briefe zu übereichen, präge er sich bei jedem Finger einen Punkt ins Gedächtniss. Vermässe dieser Metode wird er so leicht nichts vergessen, und wenn er nur genau auf seine Finger achtung gibt, seine Sache wohl ausrichten. Noch eins habe ich zu erinnern. Es dürfte vielleicht schwer Halten, das fräulein v.W. alleine zu sprechen, sie muss immer um ihrer Frau Stiefmutter sein, ihr die Zeit zu kürzen, ich habe auch hier ein gutes Mittel ausfündig gemacht wie er sie besonders sprechen kann. Die Katze der Frau v.W. hat der fräulein ihr Rotkehlgen gefressen, sie will gern ein anders haben, nehm er also das erste das beste und mache er ihr damit ein Geschenke. Er mag nun versichert sein, dass es singt oder nicht, so lobe er den vortreflichen Gesang seines Vogels, und unter dem Vorwande, solchen selbst auf ihr Zimmer zu bringen, um ihm da die Flügel zu stutzen, wird er