Zunge den ganzen Tag über zu nichts anders als zum Essen und Trinken zu gebrauchen und im höchsten Notfall nicht mehr als ja oder nein zu sagen. Er hat wider seine Gewohnheit dieses Gebot sehr genau befolgt. Der Baron hat viel Mühe gehabt, den onkel dahin zu bringen, an den Zwist mit der Frau v.W. und dem Major nicht zu gedenken. Er hat mit ihr durchaus eben die Procedur wie mit dem Major vornehmen und sie bekehren wollen, Lampert hat bereits ein dickes Buch geheftet gehabt, um alle Reden der Frau v.W. und seines Gönners nachzuschreiben, und nach seinem Ausdruck mit diesem neuen Kleinod den Wert der glänzenden Tugenden desselben noch mehr zu erhöhen, und die Siege der Grossmut für die Nachwelt schriftlich aufzubehalten. Das gesicht der Frau v.W. verriet auch einigen Zwang, es kostete ihr Mühe, den Anblick meines Oncles zu ertragen; es wurde ihr aber alsdann unleidlich, wenn Grandison aus ihm sprach. Sie verdient indessen allerdings ihr Lob, dass sie diesmal vollkommen von sich Meister blieb, und äusserlich alles beobachtete, was man von ihr verlangen konnte. Diese verschiedene Charaktere, welche die vorzüglichsten Personen aus der Gesellschaft an sich nahmen, und die so vielen Zwang und Verstellung verrieten; die Bedachtsamkeit der Uebrigen, nicht etwas vorzubringen, wodurch von neuem Oel ins Feuer könnte gegossen und der Groll der streitenden Mächte wieder erreget werden, breitete über die ganze Versammlung ein gewisses steifes Wesen aus, das mir desto lächerlicher vorkam, je ungewöhnlicher es sonst bei derselben anzutreffen ist. Dieses veranlasste mich, Ihr Schloss in das Escurial und uns alle in Grands voll Spanien zu verwandeln, ich wünschte nur noch, dass sich die Herren bedecken möchten. Es wurde von nichts als von Ahnen und Stammregistern gesprochen; lauter Dinge, die zu meiner Vorstellung überaus wohl passten, und sie so lebhaft machten, dass wenig fehlte, dass ich nicht meinen onkel ihr Majestät genennt hätte. Doch da er hernach im Begriff war, einen seiner Vorfahren bei der Zerstöhrung Jerusalems Hand anlegen zu lassen, so verschwan den diese schönen Vorstellungen. Der Herr von H. der keinem onkel einige Zweifel hierüber machte, zog meine Aufmerksamkeit auf sich; doch dieser wusste sie so geschickt aufzulösen, dass ihm der Herr v.H. Recht lassen musste. Ich weiss selbst nicht, durch was für einen Zufall die gespräche so geschwind wechselten, dass man von den Archiven der Ahnen in die Vorratskammer kam; man sprach von der Oeconomie; es wurden fette und magere Jahre prophezeiet, die Speicher wurden angefüllt und ausgeleert, beiläufig wurde das Kapitel von Knechten und Mägden auch abgehandelt; alles, was sich von trägem Gesinde sagen lässt, das wurde angebracht. Eine solche Unterredung schickte sich nicht für die Grossen eines Reichs, der Schauplatz hatte sich geändert, und es gefiel mir, ihn in die Schenke zu versetzen. Nun stellte ich mir die Herren als lauter ehrbare Männer aus der Gemeinde vor. Weil ich immer bemerkte, dass sie, ungeachtet der gleichgültigen Materie, davon gesprochen wurde, doch die gewöhnliche Vertraulichkeit diesmal bei Seite setzten: so kam mir das nicht anders vor, als wenn ich unsere Gerichtsschöppen und Nachbarn mit einander reden hörte. Diese sprechen nicht mehr vertraut mit einander, seit dem einer, der seinen Witz zur Unzeit über die schwarzen Frohnsemmeln ausgelassen, und von andern ist verraten worden, hat in den Turm kriechen müssen. Jeder sieht jetzt seinen Nachbar als seinen Verräter an, wenn er ihm auch gleich eines zutrinket. Es ist Zeit, dass ich meinen Vergleichungen ein Ende mache, um Ihnen noch etwas wichtiges zu sagen das ich bis hieher versparet habe. Wissen Sie, dass mein onkel auf den Major höchst eifersüchtig ist? Seine guten Grundsätze wollen nicht zulangen, ihn gegen diese Schwachheit zu schützen; ja ich befürchte schon, dass er ihnen eine Zeitlang Abschied geben wir, um den Major heraus zu fordern; jetzt ist die Reihe an ihm. Der Herr v.N. hatte sich eigentlich das Plätzgen auf dem Kanape beim Koffee ausersehen, das für meine Schwester bestimmt war. Er wachte Mine, davon Besitz zu nehmen, da ihm der Major zuvor kam und es hernach an meine Schwester überliess. Ich merkte, dass der alte Liebhaber sehr unzufrieden war, sich von dem jüngern verdrungen zu sehen. Er würde ihn auf eine freimütige Art darüber zur Rede gesetzt haben, wenn ihn nicht der Baron zurückgehalten hätte. Das war nicht der einzige Verdruss, den er empfand, er wollte dem Major auch nicht die Ehre gönnen, im Spiel mit Ihnen Moitié zu machen. Wenn er nur einiger massen billig gesinnt wäre, so würde er daraus nichts machen, Sie liessen ihn ja an Ihrem Spiele gewissermassen auch Anteil nehmen, dass Sie ihm erlaubten, Ihnen den Daumen zu halten. Schenken Sie mir einen teil des Dankes, den Sie denen willig erteilen, die es dahin gebracht haben, dass Sie jetzt über einen Freier lachen können, der Ihnen noch vor kurzer Zeit so furchtbar war. Denken Sie aber nicht, dass ich diesen Dank fordere, Sie daran zu erinnern, dass ich mich um Sie verdient gemacht habe, Sie würden sich sehr irren, wenn Sie dieses dächten. Ich verlange keinen andern Dank von Ihnen, als die Fortsetzung Ihrer Freundschaft und Gewogenheit gegen mich, diese gibt mir den schönsten Beweiss, dass Sie mich für die halten, die ich wirklich bin, für
Ihre
ergebenste Freundin und Dienerin
A.v