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Dauer sein, wenn sie inne wird, dass ihn nicht die persönliche Hochachtung, sondern Klugheit und Vorteil reizen sich ihr gefällig zu beweisen. Herr Lampert würde ihn einen schlauen Gast nennen, wenn er ihn genugsam kennte, ich will diesen Ausdruck von ihm entlehnen, um den Charakter des Herrn v. Ln. damit zu bezeichnen. Er hat, wie es mir vorkommt, eben nicht die besten Begriffe von seiner Frau Base; er kennt ihre Fehler und besitzt Herzhaftigkeit genug, ihre diese vorzurücken. In der Tat gibt er bei ihr einen Sittenlehrer ab, ohne dass sie es merkt, nicht in der Absicht sie zu bessern, sondern sich und andern etwas dadurch zu lachen zu geben. Das war der boshafteste Einfall, den man erdenken kann, dass er sie in der gestalt der bösen westphälischen Wirtin auftreten liess, von der er einen Haufen erzählte, und darunter niemand anders als die Frau v.W. selbst vorgestellt war. Entsetzten Sie Sich nicht über die Kühnheit des Mannes? Ich wunderte mich nur, dass die person, die am meisten getroffen war, und die doch sonst ziemlich fein ist, nicht das geringste davon merkte. So geht es, wenn wir einmal glauben, dass jemand vorteilhaft für uns denkt, so darf er sagen was er will, er meint uns niemals und wenn er auch mit dem Finger auf uns deuten sollte. Es ist gut für den Hrn. v. Ln., dass ich nicht an der Stelle der Frau v.W. bin, ich kündigte ihm von stunde an mein Kapital auf, so schlimm wäre ich, und wenn er das Geld bei den Juden borgen sollte. Wer weiss, was noch geschiehet, wenn sie einmal auf ihren Kopf kommt, so wird der Herr v. Ln. für alle Schelmereien büssen müssen. Das Vergnügen möchte ich haben, diese beiden Leute mit einander streiten zu sehen, sie ist eine Meisterin darinne, spitzige und beissende Reden auszuteilen, und er sieht mir so aus, als wenn er mit lachendem mund alles zwiefach zurück geben könnte. Die Frau v.W. hat doch mit keinem Worte an das Protokoll gedacht, vielleicht hat sie es vergessen. Wenn sie es auch erinnert hätte, so würde der Baron sie auf eine andere Zeit vertröstet haben, und diese Vertröstungen sollen so lange fortgesetzt werden, bis sie sich dabei beruhiget oder das Protokoll mit Ungestüm fordert, alsdenn soll sie eine Abschrift erhalten, die ihrer Neigung gemäss eingerichtet ist, und hierbei wird sie sich schon zufrieden stellen lassen. Wenn Sie das genuine Exemplar, das ich Ihnen gestern heimlich zusteckte durchgelesen haben, so schicken Sie mir es wieder zu. Um mich recht sehr zu verbinden, fügen Sie ihre Anmerkungen darüber zugleich mit bei, ich habe es so oft mit Vergnügen durchlesen, dass ich es beinahe auswendig kann. Gestern machte ich mir ein eigenes Geschäfte daraus, wie ich Ihnen schon gesagt habe, auf die merkwürdigsten Personen aus unsrer Gesellschaft aufmerksam zu sein, und allerlei Betrachtungen über sie anzustellen, diese will ich Ihnen im Voraus als eine Vergeltung der Ihrigen über das Protokoll mitteilen. Ich suchte einen sonderbaren lustigen Zeitvertreib dadurch, die Verhältnisse und Stellungen der Personen unserer Gesellschaft gegen einander zu beobachten. Damit war ich noch nicht zufrieden, bald beschäftigte sich meine Einbildungskraft, die ganze Gesellschaft sich im grossen vorzustellen, und da machte ich lauter Prinzen und Helden daraus; bald liess ich sie wieder ins Kleine fallen und schuf sie zu Bauern, Schulzen und Gastwirten um, hierzu gab mir die Erzählung des Majors von der westphälischen Wirtin Anlass. Ich stellte noch allerlei andere Vergleichungen unter ihnen an, und wenn ich sie auch die sein liess, die sie wirklich waren, so verschaffte mir auch dieses mancherlei Vergnügen. Sie wundern sich ohne Zweifel über meine Ausschweifungen: aber was tut man nicht, um in einer Gesellschaft, wo man sich unter einem gewissen Zwange befindet, die Zeit hinzubringen! Doch ich war nicht die einzige person aus der Gesellschaft, die nicht frei genug war: die meisten andern liessen aus ihren Bezeigen etwas fremdes und ungewöhnliches hervor blicken. Einige schienen zurückhaltend, sie dachten alles, wie der Papogei, der nicht reden konnte, und spielten stumme Personen. Andere, die sprechen wollten, wogen jedes Wort auf der Goldwaage ab, als wann sie Leib und Lebensgefahr davon zu befürchten hätten. Mich befremdete dieses sonderbare eben nicht; ich hatte es schon vermutet. Notwendig musste das neue Bündniss der Freundschaft zweier der vornehmsten Glieder einer geschwornen Gesellschaft als diese war, die durch einen unglücklichen Zwist bald wäre getrennt worden, wunderbare Erscheinungen hervor bringen. Alle nahmen gewissermassen teil daran. Ich bemerkte, dass einige ganz geheimnissvoll aussahen, da mein onkel kam, man zischelte einander ins Ohr, dass die Frau v.W. oder ihr rechtlicher Beistand der Major und der Hr. v.N. neue Händel bekommen würden. Der Hr. v.H. hatte diesen nicht so bald erblickt, da er gleichsam in einer kleinen Begeisterung zu sich selber sagte: ja, ja, das wird eine feine Hetze werden, heute geht der Tanz wieder an. Der Baron, der meinen onkel abgeholet hatte, musste diesen so viele Lectionen geben, wie er sich den Tag über verhalten sollte, dass er, um diese Regeln genau zu beobachten, sichs gar zu sehr merken liess, dass ihm welche waren eingeschärfet worden. Herr Lampert hatte den Befehl erhalten, seinen Mund und