müssen, wenn er seine und des Herrn v.H. person so natürlich hätte spielen sehen. Der böse Mann! Er schonte sogar meinen Vater nicht, ob er gleich gegenwärtig war, ich ärgerte mich im Herzen sehr darüber, doch machte er es noch so, dass es jener nicht merkte, wenn er ihn agirte. Die Frau v.W. war von dieser Scene ganz eingenommen. Da er seine Verdienste gegen sie durch verschiedene kleine Nebenumstände in der Erzählung zu erhöhen wusste: so musste sie immer eine Danksagung und einen Lobspruch über den andern parat halten, um ihn damit zu belohnen. Mein Vater hat ihr etwas von einem Protokoll gesagt, das in Schöntal über die Händel der beiden Herren soll sein verfertiget worden. Sie bezeigt ein grosses Verlangen, dieses zu sehen, es scheint aber, dass es nicht dazu bestimmt ist, ihr vorgelegt zu werden. Ich bemerkte dass der Herr v. Ln. meinem Vater mit den Augen winkte, da er etwas davon gedachte, und dass dieser sein Wort gern wieder zurück genommen hätte. Ich muss gestehen, dass meine Neugierde dadurch sehr ist rege gemacht worden, bringen Sie es doch mit, wenn ich es sehen darf, oder sagen Sie mir wenigstens, was es damit für eine Bewandtniss hat. Lassen Sie unsern Briefwechsel ja nicht aufhören, wir können keine bessere gelegenheit finden vertraut mit einander zu sprechen, und Sie können nicht glauben, wie sehr Sie das durch verbinden
Ihre
Juliane v.W.
XXI. Brief.
Das fräulein v.S. an das fräulein v.W.
den 1. Novembr.
Sie verlangten gestern Abend bei unserm Weggehen meine kritischen Betrachtungen über unsere Gesellschaft. Ich versprach Ihnen dieses sehr gerne, denn ich hatte in der Tat einige gemacht und ich bin allemal sehr unzufrieden, wenn ich meine Gedanken bei mir behalten muss, ohne sie an Mann bringen zu können, Sie sehen also hier die Erfüllung meiner Zusage. Ich liess mich mit Fleiss nicht in ein Spiel ziehen, und setzte mich nur als eine Zuschauerin zum Spieltische, um auf die ganze Gesellschaft desto aufmerksamer zu sein, und über ein und andere Personen, die sich darinnen besonders ausnahmen, meine Anmerkungen zu machen. Doch dieses war nur eine Beschäftigung, wenn ich sonst nichts zu tun hatte. Ich setzte mir schon zu haus vor, hauptsächlich zweierlei zu beobachten, teils mich um die Wiedereroberung der Gunst der Frau v.W. zu bewerben; teils die wahren Gesinnungen des Majors gegen dieselbe so viel möglich auszuforschen. Nun werden Sie mich schon vor eine Kundschafterin halten. Woher habe ich denn einen Beruf, mich um die gute Freundschaft des Majors und der Frau v.W. zu bekümmern? Sein Sie vor jetzt mit der Antwort zufrieden, dass ich allerdings meine Ursachen dazu hatte. W e n n ich mir nicht selbst zu viel schmeichle, so denke ich, dass ich in meinen Unternehmungen nicht ganz unglücklich gewesen bin. Sie haben es ohne Zweifel bemerket, dass ihre Frau Mutter sich rechte Mühe gab, mich von ihrer Gewogenheit zu überzeugen, sie war so freigebig mit Freundschaftsversicherungen, dass ich nicht beredt genug war, sie alle zu erwiedern. Wir hatten uns ganz ausser Atem komplimentiret, und ich fand mich genötiget die Unterredung auf etwas anders zu lenken, damit ich nicht endlich zum Stillschweigen gebracht würde. Zum Glück fiel mir ihre Katze, die sich unter den Ofen hingestreckt hatte, in die Augen, ich lockte diesen Murner zu mir und fing ihn an zu loben. Hierdurch eröffnete ich ein weites Feld, unsere Unterredung fortzusetzen, und diesen Lobreden schreibe ich auch grössten Teils die wiedererlangte Gewogenheit der Frau v.W. zu. lachen Sie nicht, es ist mein Ernst. Sie erzählte mir die ganze Lebensgeschichte ihres Lieblings mit dem freundlichsten gesicht, das sie machen kann. Die Tugenden und Künste desselben beschäftigten uns ziemlich lange, und Murner schnurte dazu, als wenn er es verstünde, dass er gelobt würde. Endlich sehnte ich mich wieder nach der Gesellschaft und wollte mir lassen ein Pfötgen geben, um diesem Gespräch ein Ende zu machen und von dem geliebten Vieh freundlich Abschied zu nehmen; aber das garstige Tier war so unbescheiden und häckelte mich mit den scharfen Krallen dergestalt in die Finger, dass ich hätte schreien mögen. Davor bekam die Katze von der Frau v. W eine derbe Maulschelle, und mich bat sie so ängstlich um Vergebung, dass ich ihr würde verziehen habe, wenn sie mich auch selbst so hämisch gekratzt hätte. Es darf mir leicht jemand ein gut Wort geben, so verwandele ich das schlimmste Urteil, das ich von einer person fällen kann, in ein sehr gutes. Es sind noch nicht vierzehn Tage, da ich sie für die schlimmste person aus unserm Geschlecht hielt. Ich las das Leben des Sokrates von neuem, um einen Vergleich zwischen der Frau v.W. und der Gemahlin dieses Weltweisen anzustellen. Diese schien mir in einigen Stücken noch erträglicher, und jetzt wundere ich mich, nie ich nur die geringste Aehnlichkeit zwischen beiden Damen habe finden können, ich bitte es nun der Frau v.W. in meinen Gedanken ab, dass ich sie so beleidiget habe. Sie ist in der Tat nicht so arg, als Sie und ich denken. Sie hat schlimme Zufälle, das ist nicht zu läugnen: wenn aber ihre gute Stunde kommt, so ist sie leidlich. Die Freundschaft mit dem Major dürfte wohl von keiner allzulangen