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sie wünschet: sie hat sich aber doch vorgesetzt, den äusserlichen Frieden mit ihm wieder herzustellen. Der Major hat das meiste dazu beigetragen, sie wieder zu besänftigen. Der Hr. v.N. hat zum Beweiss seines Verlangens, sie wieder zur Freundin zu haben, sich auf morgen bei uns zu gast gebeten, um von ihr vielleicht eine mündliche Versicherung zu erhalten, dass sie ihm alles vergeben habe. Mich dünkt ich habe bei diesem Besuche nichts sonderliches zu fürchten. Ich befinde mich sehr ruhig, und hoffe, der Hr. v.N. wird sich nicht so viele Freiheiten bei mir heraus nehmen, als das letzte mal, er muss ein wenig schüchtern tun und sich in einer gewissen Entfernung halten, morgen wird er gleichsam als ein Fremder in unserm haus eingeführet, der erst Bekanntschaft sucht, und dem die kleinen Freiheiten noch nicht verstattet werden, die eine lange Freundschaft erlaubt. Ich wollte, dass Sie ihm dieses könnten zu verstehen geben, so wohl meinet wegen, als um der ganzen Gesellschaft willen. Die Frau v.W. würde, wenn er zu vertraut tun wollte, dieses als eine neue Beleidigung ansehen, und wohl gar wieder einen neuen Streit erregen, der allen verdrüsslich sein würde. Die Zeile die ich in seinem Briefe unterstrichen habe, versichert mich, dass er noch immer eine gefährlich Absicht auf mich hat. Wenn ich jetzt nicht befürchte, dass er sie erreichen wird: so habe ich doch immer Ursache zu fürchten, dass er eine andere Ausführung gegen mich beobachtet, als ich wünsche. Wenden Sie doch Ihre guten Bemühungen an, ihn dahin zu bringen, dass er morgen gar nicht tut, als wenn ich gegenwärtig wäre. Ein Mann, der dem Grandison nachahmen will, muss ein Philosoph sein, es wird ihm also nicht viel Mühe kosten, dieses von sich zu erhalten. Doch ich sehe, dass ich mich schon zu weitläuftig über eine Sache heraus gelassen habe, die ich nur mit zwei Worten gedenken wollte. Meine Absicht bei diesem Briefe war allein diese, Ihnen das merkwürdigste zu erzählen, was in unserm haus seit meinem letzten Schreiben sich begeben hat, und insonderheit Sie von den Gesinnungen meiner Mutter, die sie gegenwärtig von Ihnen hegt, zu unterrichten, damit Sie wissen, was Sie für eine Stellung gegen diese anzunehmen haben. Legen Sie morgen Ihre gewöhnliche Munterkeit nicht ab, und lassen Sie nichts zurückhaltendes an sich blicken. Sie wissen, dass sie jede Mine, die ihr nicht natürlich genug scheinet, wider sich deutet und als eine Beleidigung annimmt. Wenn Ihnen etwas an der Gunst der Frau v.W. gelegen ist, ich sag es Ihnen zum Troste, dass Sie diese ganz wieder besitzen, so erscheinen Sie ja recht heiter. Es ist ein seltner Fall, dass man Sie zur Fröhlichkeit ermuntern muss, Ihr Gemüt ist immer aufgeräumt: aber Sie können dadurch nur selten so viel Gutes, stiften, als ich mir morgen davon verspreche. Der Major hat viel dazu beigetragen, dass sie wieder vorteilhaft von Ihnen urteilet. Er hat Sie gelobt. So ungern sie es sonst verträgt, dass jemand in ihrer Gegenwart gelobt wird, so willig hat sie ihm doch hierinn Beifall gegeben. Sie wollte Ihnen zwar Schuld geben, Sie hätten eine unüberwindliche Neigung, immer allerlei kleine Leichtfertigkeiten auszuüben; sie wollte Ihnen diese als einen Fehler anrechnen: da sie aber der Major nicht dafür erkannte, so änderte sie dieses Urteil, und fing an, ihre Leichtfertigkeit zu entschuldigen und bald hernach zu verteidigen; ja sie munterte ihre kleine Tochter auf, von Ihnen immer etwas zu lernen, um mit der Zeit so artig zu werden wie Sie. Wenn es der Herr v.N. nicht mit ihr verdorben hätte, so will ich eben nicht gut dafür sein, dass sie so bald wieder Ihre Freundin worden wäre. Der Zwist mit ihm hat, wie es scheint, auch keinen geringen Anteil an der geschwinden Aussöhnung mit Ihnen. Er wird es aber sobald nicht dahin bringen, dass sie ihm vollkommen wieder günstig wird, sie ist indessen ganz wohl zufrieden, dass der Streit mit dem Major sich ohne Zwiekampf geendiget hat. Ich denke, hiervon habe ich Ihnen schon vorläufig Nachricht gegeben, und jetzt kann ich dieses bestätigen. Die Frau v.W. schreibt sich einen vollkommenen Triumph in dieser Sache zu, und glaubt, dass ihre Ehre dergestalt gerettet, und ihr eine Satisfaction wäre verschafft worden, dass es der Herr v.N. so leichtlich nicht wagen würde, sie wieder zu beleidigen. Der Major hat mir eine Beschreibung von dem ganzen Vorgange der Sache in Schöntal gemacht, er hat ihr auch seinen Rapport disfalls schon einige mal wiederholen müssen, der aber von dem, was er mir erzählte, sehr unterschieden war. Mein Vater gab ihm in allem Beifall, ich weiss also nicht, ob er mich oder die Frau v.W. hintergangen hat. Er besitzt die Gabe, alles sehr lebhaft vorzustellen; ich zähle es unter seine Fehler, Sie tun es gewiss auch, ich weiss es, sollten Sie es guteissen können, dass er die Reden und Stellungen der Personen, von welchen er spricht, bosshaft nachzuahmen sucht? Er ist in dieser Kunst ein Meister, ich gestehe ihm dieses zu: aber er verdient niemals meinen Beifall, wenn er Beweise davon gibt. Der arme Herr v.N., ich bedaure ihn! Doch er würde selbst mit haben lachen