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dieses merkwürdigen Tages, mein Gemüte würde nicht stark genug sein, eine lebhafte Vorstellung der zärtlichen Trennung von so vielen verehrungswürdigen Freunden noch einmal zu ertragen. Gnug, am 30 October verliess ich unsern gemeinschaftlichen gönner. Meinem Charakter, als einem Abgesandten von Ihnen, gemäss, erhielt ich eine öffentliche Abschiedsaudienz. Die ganze Gesellschaft hatte das gesicht in weisse Schnupftücher versteckt, welche seit der Trauer um die selige Frau Shirlei nicht waren gebraucht worden, um bei meiner beweglichen Abschiedsrede die Tränen damit aufzufangen. Sir Carl und seine würdige Gemahlin befahlen mir an Sie tausend Komplimente, und baten sich sehr angelegentlich die Unterhaltung eines Briefwechsels mit Ihnen aus. Der Doctor Bartlett versicherte, dass ihm nichts angenehmer sein würde, als wenn er sich mit Ihnen durch den Mund seines Freundes, des weisen Herrn Magister Lamperts, unterreden, und Sie von der Hochachtung seines Gönners schriftlich versichern dürfte. Er brachte zugleich feine Dinge von der nutzbaren Erfindung des Schreibens vor, und rühmte die Vorteile der Neuern, die sie in dieser Kunst über die Alten erlangt hätten. Diese, sagte er, hätten sich mit Baumrinde, Eselshaut und Wachstäfelgen behelfen müssen: da hingegen die edle Schreiberei ein weit besseres Ansehen erhalten hätte, seitdem das Pappier wäre erfunden worden, und die Gänse uns ihre Kielen zu den nötigsten Werkzeugen dieser Kunst geliehen hätten. Die ganze Grandisonische Familie segnete mich und Sie zugleich in meine Seele. Lady G. warf mir noch, da ich auf den Wagen stieg, einen sanften Kuss zu, um Ihnen solchen zu übersenden; allein solche Kleinigkeiten lassen sich nicht wohl einpacken, ich habe solchen also alleine genossen. Lady Beauchamp sah aus, als wenn sie den Schnuppen bekommen hätte, so dicke rote Augen hatte sie sich geweint. Alle Herren umarmten mich, und die Ladys winkten mir Abschiedsküsse zu. Meine Ohren gellen noch von dem Lebewohl, welches mir aus verschiedenen Tönen akordweise nachgerufen wurde. Ich glaubte, mein Gemüte würde in etwas wieder aufgemuntert werden, wenn sich in den Dörfern, in welchen ich vor wenig Tagen bei meiner Herreise nach Grandisonhall einen solchen Aufstand erreget hatte, wiederum ein Haufen Volk, mich zu sehen, um meinen Wagen versammlen würde; ich hatte zwar jetzt nicht das ansehnliche Gefolge bei mir: ich machte aber doch noch eine ganz ansehnliche Figur. Allein dismal erfuhr ich, dass nichts unbeständiger als der Pöbel. Obgleich in Sir Carls Dörfern mir zu Ehren alle Glocken geläutet wurden, und das Glockenspiel in Grandisonhall die beweglichsten Melodien hinter mir her spielte; ungeachtet ich auch meinen Postillion aus allen Kräften blasen liess: so wollte doch Niemand zum Vorschein kommen, der mich zu sehen verlangte, einige Bauern ausgenommen, die das Fenster halb aufschoben, und mit ihrem spitzigen abgegriffenen Hüten mir unter das gesicht guckten, ohne dass einer so höflich gewesen wäre, seinen Deckel abzunehmen, oder seine Tobakkspfeife zu verstecken, wenn ich vor seinem haus vorüber zog.

Den 31. traf ich wieder in Londen in meinem ordentlichen Quartiere ein. Ich machte dem ehrlichen Herrn Nerves meinen Abschiedsbesuch und hernach liess ich mich auch noch zum Vetter Eberhard bringen. Seine runde dicke gebieterische Frau empfing mich mit einer mittelmässigen Höflichkeit und er erschien einige Zeit hernach im Schlafrocke. Seine Gebieterin schliesst ihm, wie man sagt, oftmals die Kleider ein, und macht ihn auf diese Art zum Arrestanten, damit er ihr nicht unversehens entwischt, und sie ihn hernach auf einem Coffeehause auslösen muss. Er schien sehr bestürzt über meinen unerwarteten Besuch und glaubte vielleicht, ich wäre kommen, meine zwanzig Guineen wieder abzuholen. Es war dieses auch allerdings ein Bewegungsgrund bei mir, ihn zu besuchen. Ich dachte, er sollte sich selbst seiner Schuld erinnern, und mir solche abtragen: an dessen Statt aber fing er an lateinisch zu reden, damit es seine Frau nicht verstehen sollte. So viel ich einsehen konnte, wollte er mich ersuchen, mich nichts gegen sie merken zu lassen, dass er mein Schuldner wäre; er gab mir aber seine Meinung so undeutlich und stammlend zu verstehen, dass ich nur raten musste, was er ungefehr haben wollte; das Latein stunde ihm gar nicht zu Gebote. Ich versicherte ihn in eben dieser Sprache, dass ich mir eine Ehre daraus machte, ihn in meinem Schuldregister zu finden, er könnte mir das Geld abtragen, wenn es ihm am bequemsten wäre, ich würde ihn disfalls nie bei seiner Liebste verklagen. Die Absicht meines Besuchs wäre auch nicht, ihn an meinen Vorschuss zu erinnern, sondern nur von ihm Abschied zu nehmen, weil ich gesonnen wäre, in wenig Tagen England zu verlassen. Er stellte sich sehr betrübt an, dass er mich, wie er sagte, als seinen besten Freund verlieren sollte: ich konnte es ihm aber ansehen, dass er über meine Abreise sich heimlich sehr erfreute: weil mir dadurch die gelegenheit abgeschnitten wurde, ihn öfters zu mahnen. Er wollte durchaus noch nicht völlig von mir Abschied nehmen, und versprach noch einmal selbsten in meinem Quartiere mich zu besuchen: seine Frau benahm ihm aber alle Hoffnung, sein Versprechen zu erfüllen. So gesund er auch aussahe, so schützte sie doch eine Unpässlichkeit vor, sie würde nicht zugeben, sagte sie, dass er sobald an die Luft ginge, damit er nicht wieder ein Recitiv bekäme. Ohne Zweifel hat er etwas grosses verbrochen, dass sie ihn mit einen so langen Arreste bestraft. Ich werde nun wohl die zwanzig Guineen aus Bein streichen müssen.

Vorgestern erhielt ich das Schreiben von Ihnen, Hochgeehrtester