1760_Musus_076_100.txt

schieben und ins kleine bringen kann; Sir Carl aber, der nicht alleine künstlich, sondern auch dauerhaft bauen wollte, hat diesen Vorschlag verworfen und es bei dem alten gelassen. Demohngeachtet ist dieses Gebäude prächtig und kunstreich. Der Knopf wurde unter Trompeten und Pauckenschall hinaufgezogen, er ist so gross, dass er zu einer Vorratskammer könnte gebraucht werden. Der Baronet will mit seinen besten Sachen darauf flüchten, und sich daselbst verstecken, wenn etwann bei jetzigen Kriegszeiten ein feindlicher Einfall geschehen sollte. Er ersuchte mich, den Herrn Magister Lampert zu bitten, nebst einem Verzeichnisse von allerlei Merkwürdigkeiten zu verfertigen, um beides wie gewöhnlich in dem Knopfe dieses Turms für die Nachkommen aufzubehalten. Sir Carl hatte zwar im Anfang dem Doctor diesen Auftrag getan: er entschuldigte sich aber und schlug seinen Freund den Magister Lampert dazu vor, welcher Vorschlag auch sogleich gebilliget wurde. Wegen der vortreflichen Aussicht speisten wir dismal auf der Sternwarte. Die speisen wurden mit einer unglaublichen Geschwindigkeit, vermöge einer besonderen Maschine, aus der Küche hinaufgezogen, dass also die Bedienten keine Beschwerung davon haben, wenn es ihrem Herrn beliebt, auf dem Turme zu speisen. Wir liessen es uns allen auf dem Welschen Turme recht wohl schmekken; ich glaube dass die reine Luft, welche man oben empfand, vieles dazu beitrug. Weil man nicht so viele Erddünste verschlucken durfte als in den untern Zimmern: so konnte man desto mehr Speise genüssen. Ich konnte mich nicht gnug darüber verwundern, dass alle Gerichte zum Fenster hinein gebracht wurden, und auf eben diese Art trug man sie auch wieder ab, die leeren Buteillen flogen zum Fenster hinaus, und einige Augenblicke hernach erschienen sie wieder gefüllt. Es kam mir nicht anders vor als wenn ich mich in dem Zauberpallaste befänd, von welchen ich ehemals fast eben dergleichen Wunderdinge gelesen habe. Ein irrender Wandrer, erzählt man, lagerte sich, da ihm die Nacht in einem wald übereilte, unter einen Baum, um den Tag daselbst zu erwarten. Er wunderte sich ungemein, dass er in einer kleinen Entfernung ein vortrefliches Schloss mit hohen Türmen erblickte, welches er vorher nicht bemerket hatte. Erfreut über diesen unerwarteten Anblick, nahm er sein abgeladenes Bündel wieder auf den rücken und seinen Stab in die Hand, und eilte darauf zu, um in solchem eine bequemere Herberge zu finden. Er war nicht so bald an das Tor gelanget, als sich solches öffnete, er ging mit einer demütigen Stellung hinein, um sich bei den Bewohnern desselben eine Nachterberge zu erbitten: allein wie erstaunte er nicht, da er keine lebendige Seele darinne antraf. Es lief ihm ein kalter Schauer nach dem andern über die Haut, endlich fasste er doch einen Mut und nahm das beste Zimmer, welches mit den herrlichsten Meubles versehen war, und von einer grossen Menge Wachslichtern erleuchtet wurde, für sich ein. Wie glücklich wäre man hier, sagte er zu sich selber, wenn man in einem so prächtigen Pallaste auch eine gute Mahlzeit zu erwarten hätte. Er hatte dieses kaum gesagt, so öffnete sich das Fenster und eine Menge vortreflich zugerichteter speisen kamen in eben dem Augenblicke durch solches, gleichsam auf den Flügeln des Windes getragen, zu ihm hinein. Er nahm dieses für eine Einladung zum Genuss derselben an, setzte sich an eine Tafel und liess es sich wohl schmecken. Nachdem er die besten Weine versucht und sich mit dem schmackhaftesten Leckerbisslein gesättiget hatte, erhob sich alles wieder zum Fenster hinaus und verschwand. Ich dachte in der Tat auf der Sternwarte Sir Carls mehr als einmal an diesen Wandrer und freuete mich, dass ich beinahe ein gleiches Wunderwerk gesehen hatte. Nach der Tafel liess das Glockenspiel zum ersten male die vollkommenste Uebereinstimmung seiner Silbertöne hören. Bei der Melodie einer italiäschen Arie sang Sir Carl den Text dazu mit einer sehr anmutigen stimme und vieler Geschicklichkeit ab. Nachdem Tische und Stühle aus der astronomischen wohnung waren weggebracht worden, hatte ich die Ehre, Lady Grandison zum Tanze aufzuziehen. Dieses ist das erste mal, dass ich nach dem Klange der Glocken getanzet habe. Um nicht eine Treppe von drei hundert Stufen abzusteigen, fuhr die ganze Gesellschaft eins nach dem andern, vermittelst der Maschine, durch welche die speisen waren heraufgezogen worden, unter Trompeten und Pauckenschall von dem Turme herab. Da ich dieses Luftschiff bestieg, gedachte ich an die Wunderkiste mit welcher ein morgenländischer Kauffmann, welcher den Mahomed vorstellen wollte, in den stählernen Pallast schiffte, worinne ein alter argwöhnischer König seine schöne Tochter verschloss. Ich wünschte, dass diese, worinn ich mich befand, eben so beschaffen sein möchte, ich hätte sie dem Baronet gewiss entführt, und wer weiss, an was für einem guten Orte ich mich jetzt befänd. Dieser Tag endigte sich also mit allgemeinen Vergnügen; ich konnte aber nicht ohne Grauen an den folgenden gedenken, den ich zum Abschiedstage bestimmt hatte. So wie ein armer Päbstler, der sich mitten im Genuss der Güter dieses Lebens zur Abreise in jene Welt anschicken muss, mit Schrecken dem Feuermeere des Fegefeuers entgegen siehet, auf welchem er Jahrhunderte hindurch herumschiffen soll: so sah ich mit bestürztem Augo dem Tage entgegen, welcher mich des Vergnügens in dem glänzenden Grandisonhall berauben und aus der Gesellschaft tugendhafter Weisen in das Geräusche der Welt zurück bringen sollte – –. Abermals ein poetisches Bild! Der Abschied in Grandisonhall hat einen solchen Eindruck bei mir gemacht, dass mein Gemüte noch voll Bewegung ist.

Den 30 Octobr. Erwarten Sie nicht von mir, hochgeschätzter Herr onkel, einen vollständigen Bericht der begebenheiten