1747_Gellert_024_9.txt

gestorben!" rief ich aus. "So hat er die traurigen Zubereitungen zu einem gewaltsamen tod, welche ärger als der Tod selber sind, nicht mitansehen dürfen! Nunmehr bin ich ruhig!" Ich fragte, ob man ihn ohne Schimpf zur Erden bestattet hätte. Er sagte mir, dass dieses gar nicht hätte geschehen können, weil in der Nacht, da er gestorben wäre, die Feinde das Dorf angefallen und das Bataillon, bei dem mein Gemahl gefangen gesessen, genötiget hätten, sich in der grössten Eil' und mit Verlust zurückzuziehen. In ebendieser Unordnung wäre er mitgewichen, und der Feldprediger von meines Gemahls Regiment hätte ihm gelegenheit geschafft, mit einem Detachement zurückzugehen und mir die Nachricht und etliche Kleinodien von meinem Gemahle zu überbringen.

Der Feldprediger hatte selbst an mich geschrieben und mir in meines Gemahls Namen geraten, Schweden so bald zu verlassen, als es möglich wäre, damit ich nicht der Rache des Prinzen oder seiner Wollust weiter ausgesetzt sein möchte. Der Befehl wegen der Einziehung unserer Güter war, wie ich erfuhr, schon vor meines Gemahls tod unterzeichnet worden. Ich entschloss mich also zur Flucht und bat den Herrn R..., Schweden mit mir zu verlassen. Wir gaben in unserm haus eine Reise auf die andern Güter vor und nahmen nichts als die Schatulle, in welcher etwa tausend Dukaten waren (denn mein Gemahl hatte sein bares Vermögen der Krone vorgestreckt), nebst dem Geschmeide und den Kleinodien mit uns. Alles Silbergeschirr liessen wir im Stiche und kamen in Begleitung des vorhin gedachten Reitknechts und des Bedienten des Herrn R..., glücklich über die Grenzen. Wir erfuhren bald darauf, dass man die Güter eingezogen, und dass man mir etliche Meilen hatte nachsetzen lassen. Wir waren nunmehr in Livland; allein ich war deswegen noch nicht sicher. Der Prinz wollte mich in seiner Gewalt haben. Mein Vetter, der mich nach Schweden gebracht hatte, war tot, und ich wusste nicht, welches Land ich zu meinem Aufentalte aussuchen sollte. Mein getreuer Begleiter sollte mein Ratgeber werden. Er schlug mir Holland vor, weil er in Amsterdam Freunde hatte, und er versicherte mich, dass es mir an diesem Orte gefallen würde. "Hier können Sie sich", sagte er, "ein paar Jahre aufhalten, bis sich die Umstände in Schweden ändern. Vielleicht glückt es Ihnen, dass Sie durch Vorbitte mit der Zeit einen teil von Ihres Gemahls Vermögen zurückbekommen."

Die Furcht, in des rachgierigen Prinzen hände zu fallen, machte mir alle Länder angenehmer als mein Vaterland. Ich entschloss mich also, mit ihm nach Amsterdam zu gehen, und ich wünschte, dass mich die ehemalige Geliebte meines Gemahls dahin begleiten möchte. Wir waren etwa achtzehn Meilen von ihr entfernet; denn wir bildeten uns ein, dass sie noch auf meines Gemahls Gütern wäre, die er in Livland hatte. Herr R... reisete also dahin ab, um sich nach ihr zu erkundigen. Er war kaum weg, so brachte mir der Reitknecht die Nachricht, dass er Karolinen in der Kirche des Dorfes, in welchem ich mich ingeheim aufhielt, gesehen, aber nicht gesprochen hätte. Ich schickte ihn fort, und binnen wenig Stunden sah ich sie zu meinem grössten Vergnügen bei mir. Sie hatte binnen den acht Jahren, da ich sie nicht gesehen, etwas von ihren äusserlichen Reizungen, doch nichts von ihrer Annehmlichkeit im Umgange verloren. Ich erzählte ihr mein Schicksal und fragte sie, ob sie mit mir nach Amsterdam gehen wollte. Sie vergoss tausend Tränen über mein Unglück und über die Liebe, die ich noch gegen sie hatte. "Sie verfahren", sprach sie, "gar zu liebreich mit mir. Sie bezeigen mir die stärkste Gewogenheit und hätten doch vielleicht Ursache, mich zu hassen. Ich halte es für mein grösstes Unglück, dass ich Ihnen nicht folgen kann; allein ich bin seit einem Jahredenn so lange ist es, dass ich mich von Ihres Gemahls Gütern an diesen Ort begeben habesehr krank gewesen, und Sie werden mir es leicht ansehen, dass es mir unmöglich ist, eine so weite Reise mit Ihnen zu tun. Indessen schwöre ich Ihnen zu, dass mich, wofern ich wieder gesund werde, nichts in der Welt abhalten soll, Ihnen nachzufolgen. Und damit ich Sie von der Gewissheit meines Versprechens desto stärker überführe, so will ich Ihnen meinen Sohn mitgeben, wenn er Ihnen nicht zur Last wird. Er ist bei mir. Ich habe mir für das Geld, das der Herr Vater Ihres Gemahls zu meiner und meines Kindes Erhaltung ausgesetzt hat, ein kleines Landgut hier in diesem dorf gekauft, und ich biete es Ihnen nicht allein zu ihrem Aufentalte, sondern mit dem grössten Vergnügen zu Ihrem Eigentume an. Wollte Gott! Sie blieben unerkannt bei mir, wie ruhig wollten wir nicht leben! Das Verlangen, Ihnen zu dienen, sollte mich wieder gesund und munter machen."

Ich wagte es, mich auf ihren kleinen Rittersitz zu begeben. Ich traf keinen Reichtum, keinen Überfluss da an; aber Ordnung und Bequemlichkeit, die von dem guten Geschmacke der Besitzerin zeugten. Ich fand eine Menge schöner Bücher in ihrer besten stube. Und sie war so bescheiden, dass sie sagte, sie gehörten ihrem Sohne, da ich doch leicht merken konnte, dass sie ihr selber zugehörten. Es waren fast alle die französischen und schwedischen Bücher, welche mein Gemahl hochzuhalten pflegte, und ich konnte leicht erraten