seine ärgsten Feinde. Und er glaubte, dass diese Leute der Wahrheit und den guten Sitten mehr Schaden täten als alle Ketzer und Freigeister. Einem geringen mann diente er mit grösseren Freuden als einem vornehmen. Und wenn man ihn um die Ursache fragte, so sagte er: "Ich fürchte, der vornehme möchte mich bezahlen und durch eine reiche Belohnung mich zu einem Lastträger seiner Meinungen und zu einem Beförderer seiner Affekten erkaufen wollen." Er hatte einen geschickten Bedienten, der ihm aber des Tages nicht mehr als etliche Stunden aufwarten durfte. Als er seinen Herrn in unsrer Gegenwart einmal fragte, ob er nichts zu tun hätte, so sagte er: "Denkt Ihr denn, dass Ihr bloss meinetwegen und meiner Kleider und Wäsche wegen in der Welt seid? Wollt Ihr denn so unwissend sterben, als Ihr geboren seid? Wenn Ihr nichts zu tun habt, so setzt Euch hin und überlegt, was ein Mensch ist, so werden Euch Beschäftigungen genug einfallen." Er gab ihm verschiedene Bücher zu lesen. Und wenn er ihn auskleidete, so musste er ihm allemal sagen, wie er den Tag zugebracht hätte. "Wer sich schämt," sagte er, "einen Menschen vernünftig und tugendhaft zu machen, weil er geringe ist, der verdient nicht, ein Mensch zu sein." Mein Gemahl liebte den Herrn R... als seinen Bruder, und wir beschlossen niemals etwas Wichtiges, ohne ihn zu Rate zu ziehen.
Um diese Zeit bekam mein Gemahl Befehl zum Marsche, weil Schweden mit der Krone Polen in einen Krieg verwickelt wurde. Nunmehr ging mein Elend an. Mein Gemahl hatte einen engen und gefährlichen Pass verteidigen sollen. Allein er hatte das Unglück gehabt, ihn und fast alle seine Mannschaft zu verlieren. Man glaubte, der Prinz von S..., der mit zu feld war, hätte ihn mit Fleiss zu dieser gefährlichen Unternehmung bestimmt, um ihn zu stürzen. Genug, mein Gemahl ward zur Verantwortung gezogen. Man gab ihm schuld, er hätte seine Pflicht nicht in acht genommen, und es ward ihm durch das Kriegsrecht der Kopf abgesprochen. Gott, in welch Entsetzen brachte mich folgender Brief von meinem Gemahle! "Lebt wohl, liebste Gemahlin, lebt ewig wohl! Es hat der Vorsicht gefallen, meinen Tod zu verhängen. Er kommt mir nicht unvermutet; doch würde mich die Art meines Todes erschrecken, wenn ich meinen Ruhm mehr in der Ehre der Welt als in einem guten Gewissen suchte. Gerechter Gott! Ich soll durch das Schwert sterben, weil ich es nicht beherzt genug für das Vaterland geführt habe. Der Himmel weiss, dass ich unschuldig bin. Und fünf Wunden, die ich bei meiner Gegenwehr empfangen habe, mögen Zeugen sein, ob ich meiner Pflicht nachgelebt. Der Prinz von S..., den Ihr durch Eure Tugend beleidiget habet, ist ohne Zweifel die Ursache meines gewaltsamen Todes. Vergebt es ihm, dass er Euch Euren Gemahl entreisst. Es ist weit weniger, als wenn er Euch Eure Tugend entrissen hätte. Lebt wohl, meine Gemahlin, und betet, dass ich bei dem Anblicke meines Todes so beherzt sein mag, als ich jetzt bin! Meine Wunden sind gefährlich. Wollte Gott, dass sie tödlich wären und mich der Schmach entrissen, als ein Verbrecher vor den Augen der Welt zu sterben. In fünf Tagen soll mein Urteil vollstreckt werden. Nehmet von dem redlichen R... in meinem Namen Abschied. Er wird Euch in Eurem Unglücke nicht verlassen. Ich habe den König in einem Bittschreiben ersucht, dass er Euch meine Güter lassen soll; aber ich glaube nicht, dass es geschehen wird. Seid unbekümmert, meine Getreue! Flieht, wohin Ihr wollt, nur dass Ihr den Nachstellungen des Prinzen entgeht. Lebt wohl! Ach, wenn doch der fünfte Tag schon da wäre! O, warum muss ich denn ein Schlachtopfer meiner Feinde werden? Doch es ist eine Schickung. Ich will meinen Tod mit Standhaftigkeit erwarten. Lebt noch einmal wohl, liebste Gemahlin! Ich fühle den Augenblick eine ausserordentliche Schwachheit in meinem Körper ... Mein Feldprediger kommt. Ich will ihn bitten, dass er Euch diesen Brief zustellen lässt. Fasst Euch. Ich liebe Euch ewig, und ich sehe Euch in der künftigen Welt gewiss wieder." Meinen Schmerz über diese Nachricht kann ich nicht beschreiben. Die Sprachen sind nie ärmer, als wenn man die gewaltsamen Leidenschaften der Liebe und des Schmerzes ausdrücken will. Ich habe alles gesagt, wenn ich gestehe, dass ich etliche Tage ganz betäubt gewesen bin. Alle Trostgründe der Religion und der Vernunft waren bei meiner Empfindung ungültig, und sie vermehrten nur meine Wehmut, weil ich sah, dass sie solche nicht besänftigen konnten. Der angesetzte Todestag meines Gemahls brach an. Ich brachte ihn mit Tränen und Gebete zu und fühlte den Streich mehr als einmal, der meinem Gemahle das Leben nehmen sollte. Niemand stunde mir in meinem Elende redlicher bei als der Herr R... Er klagte und weinte mit mir und erwarb sich durch seine Traurigkeit den Vorteil, dass ich die Trostgründe anhörte, mit denen er mich nunmehr anfing aufzurichten.
Binnen acht Tagen kam der Reitknecht meines Gemahls und brachte mir die Post, dass sein Herr drei Tage vor dem Tage des Urteils an seinen Wunden gestorben wäre. Diese Nachricht vergnügte mich, so betrübt sie war, doch unendlich. "So ist er denn als ein Held an seinen Wunden