und dankte ihm für die Güte und Liebe, welche er ihn in der Welt hatte geniessen lassen, auf eine ganz entzückende Weise und bat, dass er ihn in der künftigen Welt die Wahrheit und Tugend, der er hier unvollkommen nachgestrebt, möchte vollkommen erreichen lassen. Er liess seinen Sohn rufen, nahm uns beide in die arme und fing an zu weinen. "Dieses", sagte er, "sind seit vierzig und mehr Jahren die ersten Tränen, die ich vergiesse. Sie sind keine Zeichen meiner Wehmut und Furchtsamkeit, sondern meiner Liebe. Ihr habt mir mein Leben angenehm gemacht; allein das Glück, das ich nach meinem tod hoffe, macht mir den Abschied von euch sehr erträglich. Liebt getreu und geniesst das Leben, das uns die Vorsehung zum Vergnügen und zur Ausübung der Tugend geschenkt hat." Er gab mir noch allerhand Regeln, wie ich meine Kinder ziehen sollte, wenn unsre Ehe fruchtbar sein würde. Und in eben der Bemühung, auch seine Nachkommen durch eine weise Vorsorge noch glücklich zu machen, starb er.
Wir lebten darauf noch einige Jahre in der grössten Zufriedenheit auf unserm Landgute. Endlich erhielt mein Gemahl Befehl, am hof zu erscheinen, und ich folgte ihm dahin.
Ich war kaum bei hof angekommen, so ward ich verehrt und bewundert. Es war, wie es schien, niemand schöner, niemand geschickter und vollkommener als ich. Ich konnte vor der Menge der Aufwartungen und vor dem süssen Klange der Schmeicheleien kaum zu mir selber kommen. Zu meinem Unglücke bekam mein Gemahl Ordre zum Marsche, und ich musste zurückbleiben. Es hiess, ich sollte ihm bald nachfolgen; allein es vergingen drei Monate, ehe ich ihn zu sehen bekam. Ich hatte meine ganze Philosophie nötig, die ich bei meinem Vetter, meinem Gemahle und seinem Vater gelernt hatte, wenn ich nicht eitel und hochmütig werden wollte. Die Ehre, die mir allentalben erwiesen ward, war eine gefährliche Sache für eine junge und schöne Frau, die den Hof zum ersten Male sah.
Ein gewisser Prinz von S..., der bei hof alles galt, der schon eine Gemahlin und unstreitig nicht die erlaubtesten Absichten gegen mich hatte, suchte sich die Abwesenheit meines Gemahls zunutze zu machen. Er bediente mich bei aller gelegenheit mit einer ungemeinen Ehrerbietung und mit einem Vorzuge, der recht prächtig in die Augen fiel. Er wagte es zuweilen, mir von einer Neigung zu sagen, die ich verabscheute. Dennoch wusste ich der Ehrerbietung, die er stets mit untermengte, nicht genug zu widerstehen. Ich war so treu, als man sein kann; allein vielleicht nicht strenge genug in dem äusserlichen Bezeigen. Hierdurch machte ich den Prinzen nur beherzter. Er kam an einem Nachmittage unangemeldet zu mir. Er machte mir allerhand kleine Liebkosungen; doch bei der ersten Freiheit, die er sich herausnahm, sagte ich zu ihm: "Erlauben Sie mir, dass ich es Ihrer Gemahlin darf melden lassen, dass Sie bei mir sind, damit sie mir das Glück ihrer Gegenwart auch gönnt!" – "Sie ist schon in den Gedanken bei mir", fing er an. – "Und mein Gemahl", antwortete ich, "ist auch bei mir, wenn er gleich im feld ist." Darauf machte er mir ein frostig Kompliment und ging fort. Wie rachgierig dieser Herr war, wird die Folge ausweisen.
Mein Gemahl kam wieder zurück, und nach seiner Ankunft ward ihm der Hof verboten. Dieses war die erste Rache eines beleidigten Prinzen. Wir gingen darauf auf unser Landgut. Ich entdeckte meinem Gemahle ohne Bedenken die Ursache der erlittenen Ungnade und bat ihn tausendmal um Vergebung. "Ich bin sehr wohl", sprach er, "mit meinem Unglücke zufrieden. Fahren Sie nur fort, mich durch Ihre Tugend zu beleidigen; ich will Ihnen zeitlebens dafür danken. Ich habe es vorausgesehen, dass Ihnen der Hof gefährlich sein würde. Ich konnte mir einbilden, dass man Sie bewundern, und dass Ihr Herz der Versuchung der Lobsprüche und Ehrenbezeugungen nicht gleich den ersten Augenblick widerstehen würde. Die erlittene Ungnade ist nichts als ein Beweis, dass ich eine liebenswürdige und tugendhafte Frau habe."
Wir lebten auf unserm Landgute so ruhig und zärtlich als jemals. Und damit wir den Verlust unsers klugen Vaters desto weniger fühlten, so nahm mein Gemahl seinen ehemaligen Reisegefährten, den Herrn R..., zu sich. Er war noch ein junger Mann, der aber in einer grossen Gesellschaft zu nichts taugte, als einen leeren Platz einzunehmen. Er war stumm und unbelebt, wenn er viel Leute sah. Doch in dem Umgange von drei oder vier Personen, die er kannte, war er ganz unentbehrlich. Seine Belesenheit war ausserordentlich und seine Bescheidenheit ebenso gross. Er war in der Tugend und Freundschaft strenge bis zum Eigensinne. So traurig seine Miene aussah, so gelassen und zufrieden war er doch. Er schlug kein Vergnügen aus; allein es schien, als ob er sich nicht sowohl an den Ergötzlichkeiten selbst als vielmehr an dem Vergnügen belustigte, das die Ergötzlichkeiten andern machten. Sein Verlangen war, alle Menschen vernünftig und alle Vernünftige glücklich zu sehen. Daher konnte er die grossen Gesellschaften nicht leiden, weil er so viel Zwang, so viel unnatürliche Höflichkeiten und so viel Verhinderungen, frei und vernünftig zu handeln, darinnen antraf. Er blieb in allen seinen Handlungen uneigennützig und gegen die Glücksgüter und gegen alle Ehrenstellen fast gar zu gleichgültig. Die Schmeichler waren