gesammlet. Ich verstund Französisch und etwas Latein und Italienisch. Der Büchersaal ward mir in kurzer Zeit an der Seite meines Gemahls der angenehmste Ort. Er las mir aus vielen Büchern, die teils historisch, teils witzig, teils moralisch waren, die schönsten Stellen vor und brachte mir seinen guten Geschmack unvermerkt bei. Und ob ich's gleich nicht allemal sagen konnte, warum eine Sache schön oder nicht schön war, so war doch meine Empfindung so getreu, dass sie mich selten betrog. Unsere Ehe selbst war nichts als Liebe und unser Leben nichts als Vergnügen. Wir hatten fast niemanden zu unserm Umgange als uns. Mein Gemahl unterhielt mich, ich ihn, und unser alter Vater uns alle beide. Dieser Mann von siebenzig Jahren vertrat die Stelle von sechs Personen. Seine Erfahrung in der Welt, seine brauchbare Gelehrsamkeit und sein zufriednes und redliches Herz machten ihn stets munter und belebt in seinen Gesprächen. Ich kann sagen, dass ich diesen Greis in drei Jahren fast keine Stunde unruhig gesehen habe; denn so viele Jahre waren in meiner Ehe verstrichen, als er starb. Gott, wie lehrreich war das Ende dieses Mannes! Er bekam sieben Tage vor seinem tod Schwulst in den Beinen. Diese trat immer weiter, und er sah mit jedem Tage sein Ende näher kommen. Er fragte den Arzt, wie lange es noch mit ihm dauren würde. "Wahrscheinlicherweise", antwortete dieser, "über drei Tage nicht." – "Recht gut", versetzt der alte Graf. "Gott sei gedankt, dass meine Wallfahrt so glücklich abgelaufen ist! Also habe ich nur noch drei Tage von dem Leben zuzubringen, von dem ich meinem Schöpfer Rechenschaft geben soll? Ich werde sie nicht besser anwenden können, als wenn ich durch meine Freudigkeit den Meinigen ein Beispiel gebe, wie leicht und glückselig man stirbt, wenn man vernünftig und tugendhaft gelebt hat." Er liess darauf alle seine Bediente zusammenkommen. Er rühmte ihre Treue und bat sie als ein Vater, dass sie die Tugend stets vor Augen haben sollten. "Ich", fing er an, "bin euer Herr und Aufseher gewesen. Der Tod hebt diesen Unterschied auf, und ich gehe in eine Welt, wo ihr so viel als ich sein werdet, und wo ihr für die Erfüllung eurer Pflichten ebenso viel Glück erhalten werdet, als ich für die Erfüllung der meinigen. Lebt wohl meine Kinder! Wer mich lieb hat und mir vor meinem tod noch ein Vergnügen machen will, der verspreche mir mit der Hand, dass er meine Lehren und meine Bitten erfüllen will." Er befahl darauf, einem jedweden eine gewisse Summe Geldes auszuteilen. Er liess diesen und den folgenden Tag die meisten von seinen Untertanen zu sich kommen und redete mit ihnen ebenso wie mit seinen Bedienten. Wem er Geld zu seiner Nahrung vorgestrecket hatte, dem erliess er's; und alle durften sich etwas von ihm ausbitten. Die Anzahl der Armen war sehr klein; denn er hatte seine Wohltaten und seine Vorsorge gegen die Untertanen nicht bis an sein Ende versparet. Man kann sich die Wehmut dieser Leute leicht vorstellen. Ein jeder beweinte in ihm den Verlust eines Vaters. Nach dieser Verrichtung fragte der sterbende Graf, ob noch jemand in seinem haus wäre, der nicht Abschied von ihm genommen hätte. Ich sagte ihm, dass ich niemanden wüsste, ausser die Soldaten, die mein Gemahl bei sich hätte. "Auch diese", sagte er, "sind mir liebe Leute. Sie brauchen am meisten, den Tod kennen zu lernen, weil sie ihn vor andern unvermutet gewärtig sein müssen. Lasst sie herein kommen!" Hierauf traten vier Leute herein, denen die Wildheit und Unerschrockenheit aus den Augen sah. Der alte Graf redete sie liebreich an; und er hatte kaum angefangen, so weinten diese dem Anscheine nach so beherzte und barbarische Männer wie die Kinder. Er fragte sie, wie lange sie gedienet hätten. Sie hatten fast alle zwanzig Jahre die Waffen getragen. "O," fing der Graf an, "ihr verdient, dass ihr die Ruhe des Lebens schmeckt, weil ihr die Unruhe so lange ausgehalten habt. Mein Sohn mag euch den Abschied erteilen. Und ihr sollt euch in meinem dorf niederlassen und, solange ihr lebet, noch so viel bekommen, als eure ordentliche Löhnung austrägt." Einer von diesen Leuten hat nach dem meinem Gemahle einen sehr wichtigen Dienst geleistet.
Die Nacht vor seinem letzten Ende brach nunmehr an. Er fragte den Doktor noch einmal um die Zeit seines Todes, und er hörte mit der grössten Standhaftigkeit, dass er kaum vierundzwanzig Stunden noch auf der Welt sein würde. Er forderte darauf zu essen. Er ass und liess sich auch ein Glas Wein reichen. "Gütiger Gott!" fing er an, "es schmeckt mir bei meinem Ende noch so gut, als es mir vor funfzig Jahren geschmeckt hat. Hätte ich nicht mässig gelebt, so würden meine Gefässe zu dieser Erquickung nicht mehr geschickt sein. Nun", fuhr er fort, "will ich mich zu meinem Aufbruche aus der Welt noch durch einige Stunden Schlaf erholen." Er schlief drei Stunden. Alsdann rief er mich und bat, ich sollte ihm aus seinem Schreibetische ein gewisses Manuskript holen. Dieses war ein Verzeichnis seines Lebens seit vierzig Jahren. Und dieses musste ich ihm bis zu anbrechendem Tage vorlesen. Als wir fertig waren, so tat er das brünstigste Gebet zu Gott