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will dem Prinzen in etlichen Stunden entgegenfahren und ihn zurückholen, und bei meiner Zurückkunft will ich Ihnen sagen, was Sie tun sollen. Erzählen Sie mir indessen alles, was zu Ihrem Schicksale gehöret; denn ich sehe doch; dass wir jetzt nicht essen können." Wir taten es. "Ich bin Ihr Freund," fing Robert endlich an, "mehr kann ich Ihnen nicht sagen; ich will es Ihnen aber beweisen." Er fuhr nunmehr dem Prinzen entgegen und bat, dass wir uns bis zu seiner Zurückkunft in dem Garten aufhalten sollten. Wir erwarteten ihn daselbst zwischen Furcht und Hoffnung und waren beinahe entschlossen, ohne seine Erlaubnis wieder zurückzukehren. Endlich sahen wir ihn nebst dem Prinzen in den Garten kommen, und mein ganzes Herz empörte sich über diesen Anblick. Der Prinz ging gerade auf den Grafen zu, der die Augen niederschlug, und umarmte ihn, nachdem er mir und Amalien ein Kompliment gemacht. "Ich bin Ihr Freund," sprach er, "wenn ich's auch nicht immer gewesen bin, und ich wünschte, dass Sie der meinige werden möchten. Wir haben Sie alle für tot gehalten. Ich weiss, dass Ihnen bei der Armee zuviel geschehen ist, und es kommt auf Sie an, was Sie für eine Genugtuung fordern wollen." – "Keine", antwortete der Graf, "als diejenige, die Sie mir schon erteilt haben, nämlich, dass ich unschuldig und der Gnade des Königs nicht unwert bin." – "Sie sind ihrer so wert," versetzte der Prinz, "dass ich Ihnen in seinem Namen zweierlei zum voraus verspreche. Wollen Sie mit nach Schweden und zur Armee zurückkehren: so biete ich Ihnen die Stelle eines Generals an. Dies wird die beste Ehrenerklärung für das sein, was Ihnen als Obristen schuld gegeben worden ist. Wollen Sie dies nicht: so bleiben Sie hier. Ich will es bei dem Könige so weit bringen, dass Sie als schwedischer Envoyé bei meiner Abreise zurückbleiben sollen. Sagen Sie ja, Herr Graf, damit ich das Vergnügen habe, Sie zu überzeugen, dass ich Sie hochschätze und das Vergangene wieder gutmachen will." Der Graf schlug beides aus. "Ich bin zufrieden," sprach er, "dass Sie mein Freund sind und mich in die Gnade des Königs von neuem setzen wollen; mehr verlange ich nicht. Sollte ich mich noch einmal in die grosse Welt wagen und glücklich sein, um vielleicht wieder unglücklich zu werden? Ich will mein Leben ohne öffentliche Geschäfte beschliessen." Robert mengte sich endlich in das Gespräch, und unsre Furcht vor dem Prinzen verminderte sich. Es sei nun, dass seine Rache gesättigt war, oder dass ihn sein Gewissen gequält hatte: so bezeigte er den ganzen Abend eine ausserordentliche Freude, dass der Graf noch lebte, den er so viele Jahre hindurch für tot gehalten hatte. Mein Gemahl tat so grossmütig gegen ihn, als ob er nie von ihm wäre beleidigt worden. Der Prinz nahm noch denselben Abend von uns Abschied, weil er sehr früh wieder zurück nach London wollte. "Wenn Sie mein Freund sind," sprach er zum Grafen: "so besuchen Sie mich noch diese Woche, oder ich komme zu Ihnen." Der Graf versprach es ihm, allein er konnte sein Wort nicht halten; die Zeit war da, dass ich ihn zum andern Male verlieren sollte. Denn in ebendieser Nacht bekam er einen Anfall von einem Fieber. Wir eilten den andern Tag von unserm grossmütigen Wirte auf unser Landgut zurück, und das Fieber liess den armen Grafen kaum mehr aufdauern. Er ward in wenig Tagen so entkräftet, dass er die Hoffnung zum Leben aufgab. Ich kam bis in den neunten Tag weder Tag noch Nacht von seiner Seite und suchte mir ihn recht wider den Willen des Schicksals zu erhalten: so vollkommen liebte ich ihn noch. drei Tage vor seinem Ende wünschte er, dass ihn der Prinz besuchen möchte. Wir liessen's ihm eiligst melden, und er war den Tag darauf schon zugegen. "Sehen Sie," sprach der Graf, "dass ich keine Gnade des Königs mehr nötig habe? Ich will nur Abschied von Ihnen nehmen und Sie und mich überzeugen, dass ich als Ihr Freund sterbe." Der Prinz war so gerührt und zugleich so beschämt, dass er ihm wenig antworten konnte. Er blieb wohl eine halbe Stunde vor dem Bette sitzen und drückte ihm die Hand und fragte, ob er ihm denn mit nichts mehr dienen könnte als mit seinem Mitleiden. Der Graf ward so schwach, dass er kaum mehr reden konnte, und bat den Prinzen, ihn zu verlassen. Der Prinz ging mit grösster Wehmut fort und wagte es nicht, von mir Abschied zu nehmen. Den andern Tag kam der Graf aus einem tiefen Schlafe eine Stunde lang wieder zu sich selber. Amalie, Steelei und R..., der doch selbst noch krank war, traten alle zu ihm. "Bald", sprach er zu mir, "hätte ich Euch nicht wiedergesehen. Ach, meine Gemahlin, der Tod ist nicht schwer; aber Euch und meine Freunde zu verlassen, das ist bitter. Ich sterbe; und Ihnen, mein lieber R..., überlasse ich meine Gemahlin." Er starb auch an ebendem Tage. Ich will meinen Schmerz über seinen Tod nicht beschreiben. Er war ein Beweis der zärtlichsten Liebe und bis zur Ausschweifung gross.