dass wir zuweilen die Schwester von der ehemaligen Braut unsers Steeleis besuchten und wieder von ihr besuchet wurden. Sie war von ihrer ganzen Familie noch allein am Leben und entschlossen, niemals zu heiraten. Niemand als sie wusste, wer mein Gemahl war; denn die andern Nachbarn kannten ihn nicht anders, als unter dem Namen des Herrn von Löwenhoek. Dieses Frauenzimmer, die nichts weniger als schön war, besass doch die liebenswürdigsten Eigenschaften. Amalie, sie und ich brachten manche Stunde bei der Gruft ihrer Schwester zu und ehrten ihr Andenken mit unsern Tränen.
Es war Frühling, und viele Familien aus London besuchten nunmehr das Land. Das nächste Gut an dem unsrigen gehörte dem Staatssekretär Robert. Dieser hatte mit Steelein ehemals in Oxford studiert, und Steelei war sehr begierig, ihn nach so vielen Jahren einmal wiederzusehen. Er schrieb an ihn, sobald er hörte, dass er auf dem Landgute angekommen war, und bat um die Erlaubnis, dass er ihn nebst seiner Frau und noch ein paar guten Freunden besuchen dürfte. Robert, der noch gar nicht gewusst hatte, dass Steelei wieder aus Moskau zurückgekommen war, schickte ihm den andern Tag eine Antwort voller sehnsucht und Freundschaft und zugleich seinen eigenen Wagen. R... war unpass, und wir fuhren also ohne ihn zu Roberten und kamen kurz vor der Mittagsmahlzeit an. Er empfing uns mit vieler Höflichkeit, und Steelei präsentierte ihm meinen Gemahl unter seinem angenommenen Namen als einen Freund, den er mit aus Siberien gebracht. Unser Wirt, der ganz allein war, nötigte uns ohne Verzug zur Tafel, damit er ungestört mit uns reden könnte. Wir hatten uns kaum niedergesetzt und ausser den Komplimenten noch nichts gesprochen, als der Bediente des Staatssekretärs hereintrat und jemanden anmeldete, aber so sachte, dass wir nichts als das Wort Abgesandter verstehen konnten. "Müssen wir denn gestört werden?" fing Robert ganz zornig an, und eilte den Augenblick nebst dem Bedienten aus dem Zimmer. Wir blieben sitzen und erwarteten mit grösstem Verdruss den neuen Gast; aber, o Himmel! was für ein Augenblick war das für mich und den Grafen, als Robert den Prinzen von S... hereingeführt brachte! Wir sprangen beide von der Tafel auf und wussten nicht, ob wir in dem Zimmer bleiben sollten. Der Prinz trat auf mich zu, als ob er seinen Augen nicht trauen wollte; in dem sah er den Grafen und erschrak, dass er blass wurde. Robert merkte nichts von diesem Geheimnisse und nötigte den Prinzen und uns, die er seine Freunde nannte, an die Tafel. Der Prinz bedankte sich und sagte, dass er schon gefrühstücket hätte und nur gekommen wäre, sich einige Stunden mit der Jagd zu vergnügen. Robert antwortete, dass er ihm Gesellschaft leisten wollte; allein er nahm es nicht an. "geben Sie mir Ihren Jäger mit," sprach er ganz zerstreut; "auf den Abend will ich gewiss Ihr Gast sein." In dem machte er uns allen ein Kompliment, und Robert begleitete ihn. "Ach," fing mein Gemahl zu Steelein an, "wo haben Sie uns hingeführt? Wie wird mir's und meiner Gemahlin ergehen? Das war der Prinz von S... Er wird in den Verrichtungen seines Königs hier sein, und ich, ich – " Robert kam mit einer unruhigen Miene wieder. "Ich weiss nicht," sprach er, "warum der Prinz so bestürzt war. Er muss jemanden von Ihnen kennen oder zu kennen sich einbilden. Er fragte insonderheit nach Ihnen (er meinte den Grafen); allein ich sagte ihm, dass ich mit meinen Gästen selbst noch nicht bekannt wäre. Er ist in den Angelegenheiten des Königs von Schweden seit kurzer Zeit hier und wird vermutlich bald wieder von hier zur Armee abgehen." Unser Wirt schloss aus unsrer Bestürzung auf ein Geheimnis und bat, dass wir ihm die Sache entdecken sollten, wenn sie nicht von Wichtigkeit wäre. "Ich will Ihnen alles sagen", fing der Graf an, "und zum voraus um Ihren Schutz bitten, wenn ich ihn verdiene. Ich bin der Graf von G... Mein Name wird Ihnen durch mein Unglück vielleicht schon bekannt sein. Ich bin vor zehen Jahren als ein schwedischer Obrister so unglücklich gewesen, dass mir das Leben durch das Kriegsrecht abgesprochen worden ist." Darauf erzählte er ihm das übrige, und wie er zu seiner Sicherheit als ein Gefangner der Russen den Namen Löwenhoek angenommen. "Der Prinz", fuhr er fort, "ist mein Feind, und meine Verurteilung ist vielleicht eine wirkung seiner Rache gewesen. Ich will Ihnen die Ursache nicht sagen, wodurch er bewogen worden, meinen Untergang zu suchen. Sie ist ihm vielleicht nachteiliger als seine Rache selbst. Ich schliesse aus seiner Bestürzung dass er mich für tot muss gehalten haben, und wer weiss, ob nicht die Zeit seinen Hass gegen mich vertrieben hat. Bin ich", schloss er endlich, "nicht so unschuldig, als ich Ihnen gesagt habe: so lasse mich Gott noch durch die Verfolgung dieses Prinzen sterben!" Unser Wirt, dem das Blut vor edler Empfindung in das Gesicht trat, reichte dem Grafen die Hand. "Bleiben Sie bei mir", sprach er. "Ich will alle mein Ansehen bei hof zu Ihrer Sicherheit anwenden, und wenn das nicht hilft, mein Leben. Verlassen Sie sich auf mein Wort, ich bin ein ehrlicher Mann. Ich