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Wind war uns so günstig, dass wir in wenig Tagen nur noch etliche Meilen von London waren. Wir trafen ein Paketboot an, und um eher am land zu sein, setzten wir uns in dieses; allein zu unserm Unglücke. Wir waren alle in dem Boot bis auf den alten Christian der Amalie. Dieser wollte seinem Herrn die Schatulle, in welcher der grösste teil von Amaliens Vermögen an Kleinodien und Golde war, von dem Schiffe zulangen. Steelei und ein Bedienter des Grafen griffen auch wirklich darnach; allein vergebens. Christian, es mag nun seine Unvorsichtigkeit oder das Schwanken des Schiffes schuld gewesen sein, liess vor unsern Augen die Schatulle in die See fallen und schoss in dem Augenblicke, entweder aus Schrecken, oder weil er sich zu sehr über Bord gehoben hatte, selbst nach. Wir hatten alle Mühe, ihm das Leben zu retten, und ein Schatz von mehr als funfzigtausend Talern war in einem Augenblicke verloren. "Bin ich Ihnen", fing endlich Amalie zu ihrem mann an, "noch so lieb als zuvor?" Steelei beteuerte es ihr mit einem heiligen Schwure, und nun war sie zufrieden. Der alte Steelei, sowenig er das Geld liebte, konnte doch den Zufall nicht vergessen Er hielt dem alten Christian eine lange Strafpredigt. Endlich nahm er Amalien bei der Hand. "Sei'n Sie getrost," sprach er, "ich habe, gottlob! so viel, dass Sie beide nach meinem tod ohne Kummer miteinander werden leben können." Den armen Christian kostete diese Begebenheit dennoch das Leben. Er kam krank nach London und starb bald nach unsrer Ankunft. Amalie und Steelei hatten eine ausserordentliche Liebe für diesen Menschen, und sie liessen ihn den verursachten Verlust so wenig entgelten, dass sie ihn vielmehr für seine Treue auf die grossmütigste Art noch auf seinem Sterbebette belohnten. Sobald sie vom Doktor höreten, dass wenig Hoffnung zu seinem Aufkommen übrig wäre: so liessen sie ihn in ein Zimmer neben dem ihrigen legen, um ihn recht sichtbar zu überführen, dass sie nicht auf ihn zürnten; denn dieses war sein Kummer. Kurz vor seinem tod besuchte ich ihn noch mit Amalien. Der alte Steelei kam auch und setzte sich vor das Bette des Kranken, um ihn sterben zu sehen. "Er hat ein sanftes Ende," fing er zu uns an, "und wenn es sein müsste, ich wollte gleich mit ihm sterben."

Der Sterbende schien sich noch einmal aufrichten zu wollen, und in dem schoss ihm ein Strom vom Blute aus dem mund, und Christian war tot. "Bin ich nicht erschrocken!" rief der Alte zitternd. Wir wollten ihn in das andere Zimmer führen; allein er konnte sich nicht aufrecht erhalten, und wir mussten ihn hineintragen lassen. "Lasst mir meinen Grossvaterstuhl bringen," fing er an, "in diesem will ich sterben, ich fühle mein Ende." Man brachte ihm den Stuhl, und er liess ihn vor das Fenster, das nach dem Garten ging, setzen, damit er den Himmel ansehen könnte. Er hub seine hände auf und bat uns (wir waren alle zugegen), dass wir ihn nicht stören sollten. Nachdem er sein Gebet verrichtet, rief er seinen Sohn: "Ich fühle es," sprach er, "dass ich bald sterben werde. Der gute Christian hat mich recht erschreckt; aber wer kann dafür! Hier hast du den Schlüssel zu meinem Schreibtische. Gott segne dir und deiner Frau das Vermögen, das ich euch hinterlasse; es ist kein heller von unrechtmässigem Gute dabei." Der Doktor, nach dem wir geschickt hatten, kam und öffnete ihm eine Ader, wozu der Alte anfangs gar nicht geneigt war. Doch es ging kein Blut. Er schlug ihm eine an dem fuss, und auch da kam keines. "Sieht Er," sprach der Alte, "dass Seine Kunst nichts hilft, wenn Gott nicht will? Was hat Er nunmehr für Hoffnung?" – "Keine", sprach der Medikus. – "So gefällt Er mir," war seine Antwort, "wenn Er aufrichtig redt." – "Bedienen Sie sich", fuhr der Doktor fort, "der guten Augenblicke, wenn Sie noch einige Anstalten zu treffen haben." Der Alte lächelte: "Als wenn ich in achtzig Jahren nicht Zeit genug gehabt hätte, die Anstalten zu meinem tod zu treffen. Gott", fuhr er fort, "kann mich rufen, wenn er will, ich bin fertig bis auf das Abschiednehmen. Wo sind meine Kinder und meine lieben Gäste?" Wir traten alle mit tränenden Augen vor ihn, und er nahm von einem jeden insbesondere Abschied. "Ach," fing er darauf an, "wie schön wird's in jener Welt sein! Ich freue mich recht darauf; und wen werde ich von Ihnen am ersten da umarmen? – Es wird mir ganz dunkel vor den Augen; aber sonst ist mir recht wohl, recht – " Bei diesen Worten überfiel ihn eine Ohnmacht, und bald darauf starb er.

Der Anfang unsers Aufentalts in London war also traurig, und das Geräusche der Stadt und der Besuch war uns so beschwerlich, dass wir uns gleich nach der Beerdigung entschlossen, den Rest des Herbsts und den Winter selbst auf Steeleis Landgute, das etliche Meilen von London war, zuzubringen.

Wir lebten daselbst sechs Monate recht zufrieden und meistens einsam, ausser