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geschichte der Liebe mit Amalien trug Steelei auf der Seite vor, wo er wusste, dass sie seinen Vater am meisten rühren würde. Er liess alles Freundschaft in ihrem Umgange sein und die Liebe nicht eher als kurz vor der Abreise aus Moskau entstehen. Alles gefiel ihm, alles war schön an Amalien und je mehr er aus der ganzen Erzählung schloss, dass Amalie vor ihrer Vermählung seinem Sohne keine vertrauliche Liebe erlaubt desto freudiger ward er, und desto mehr Hochachtung bezeigte er ihr. Da die Erzählung geendigt war, umarmte er Amalien noch einmal. "Ach," sprach er, "mein Sohn ist Ihrer nicht wert. Er verdienet eine liebe Frau; aber wodurch hat er Sie verdienet? Kommen Sie mit nach London, ich habe ein grosses Haus, und es ist in der ganzen Welt nicht besser als in London!" – "Was," fing sie an, "als in London?" – "Und hier bei Ihnen", fuhr er lächelnd fort und fragte mich, ob ich ihn denn auch etliche Tage bei mir behalten und mir seine Art zu leben, die nicht nach der Welt wäre, gefallen lassen wollte. Er war wirklich bei allen seinen kleine Fehlern ein recht liebenswürdiger Mann, und die Aufrichtigkeit, mit der er sie beging, machte sie angenehm. Er war dreist, ohne die Höflichkeit zu beleidigen, und seine Vorurteile waren entweder unschuldig oder doch dem Umgange nicht beschwerlich. Wir begingen diesen und den folgenden Tag das Hochzeitfest nach seinem Plane. Er war auf die anständigste Art munter und weckte uns alle durch sein Beispiel auf. Sein Leibspruch war: man kann fromm und auch vergnügt sein. "Mein Sohn", sprach er, "hat mir viel bekümmerte Stunden gemacht, nun soll er mir freudige Tage machen." Er tanzte denselben Abend bis um elf Uhr und war gegen R... und den Grafen und gegen seinen Sohn selbst ein Jüngling. "Das heisst", fing er an, "recht ausgeschweift. So spät bin ich seit vierzig Jahren nicht zu Bette gegangen. Aber ist doch das Tanzen keine Sünde! Wenn ich nun auch diese Nacht stürbe: so würde mir meine Freude doch nichts schaden." R... fragte ihn bei dieser gelegenheit, wie er sich denn bis in sein hohes Alter so munter erhalten, und wodurch er die Furcht vor dem tod besiegt hätte, da er ihm nach seinen Jahren so nahe wäre. "Dass ich noch so munter bin," sprach er, "das ist eine Gabe von Gott und eine wirkung eines ordentlichen Lebens, zu dem ich von den ersten Jahren an gewöhnet worden bin. Und warum sollte ich mich vor dem tod fürchten? Ich bin ein Kaufmann; ich habe meine Pflicht in acht genommen; und Gott weiss, dass ich niemand mit Willen um einen Pfennig betrogen habe. Ich bin gegen die Notleidenden gütig gewesen, und Gott wird es auch gegen mich sein. Die Welt hier ist schön; aber jene wird noch besser sein ..." Musste man einen solchen Mann nicht lieben, der von Jugend auf mit dem Gewinne umgegangen war und doch ein so edelmütiges Herz hatte? Er bezeigte über das grosse Vermögen, das Amalie besass, keine besondere Freude. "Mein Sohn," sprach er, "du hast ein Glück mehr als andere Leute; aber du hast auch eine Last mehr, wenn du dein Glück recht brauchen willst."

Nachdem er das Vergnügen eingesammelt hatte, das sich ein Vater in seinen Umständen wünschen konnte: so waren alle unsere Bitten nicht vermögend, ihn von der Rückkehr in sein Vaterland abzuhalten. "Ich will in London sterben", sprach er, "und bei meiner Frau begraben werden; lassen Sie mich reisen, ehe die See stürmisch wird. Ich will Ihnen meinen Sohn zurücklassen und zufrieden sein, wenn er künftiges Jahr zu mir kommt." Der junge Steelei wollte seinen Vater nicht allein reisen lassen und sich doch auch nicht von uns trennen. Mit einem Worte: wir entschlossen uns alle, Karolinen ausgenommen, ihn nach London zu begleiten und den Winter über dazubleiben. Dieses hatte der Alte gewünscht, aber nicht das Herz gehabt, es uns anzumuten. Ehe wir fortgingen, stifteten wir noch ein gutes Werk. Wid, so hiess der junge Mensch, der seine Geliebte ehemals verlassen hatte, war völlig von seiner Krankheit wiederhergestellt. Er wünschte nichts als seine Braut zu besitzen und mit seinem Vater wieder ausgesöhnt zu werden. Wir hatten an ihn geschrieben; aber er wollte nichts von seinem Sohne mehr wissen und versicherte uns, dass er ihn, so geringe sein Vermögen wäre, doch schon enterbt hätte. Der junge Wid dauerte uns, und wir sahen, dass er die Torheit seiner Jugend in seinen männlichen Jahren wieder gutmachen würde. Er hatte in Leiden bis in sein siebenzehntes Jahr studiert und nach dem auf seines Vaters Willen in ein Kontor gehen müssen. Andreas war auf das erste Wort willig, ihn in seine Handlung zu nehmen. Wir machten ihm eine kleine Hochzeit. Amalie stattete die Braut sehr reichlich aus, und der alte Steelei und der Graf gaben ihm auch tausend Taler. Wir streckten ihm überdies noch ein Kapital in die Handlung vor und meldeten alles dieses seinem Vater, um ihn desto eher zu gewinnen. Wir überliessen also Karolinen unsre Tochter und unser Haus zur Aufsicht und gingen zwölf Tage nach des alten Steelei Ankunft zur See. Der