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Er hatte ein eisgraues Haupt; aber seine muntern Augen, sein rotes Gesicht und trotziger gang widerlegten seine Haare. "Ich suche", fing er auf französisch an, "meinen Sohn bei Ihnen; oder da ich in meinem Leben wohl nicht so glücklich sein werde, ihn wiederzusehen: so will ich wenigstens hören, ob Sie nicht wissen, wo er ist. Meine Nachricht aus Moskau geht nicht weiter, als dass ich gewiss weiss, dass er aus seinem Elende in Siberien hat sollen befreit werden. Und aus Verlangen, einen so teuren Freund von meinem Sohne zu sprechen, bin ich in meinem neunundsiebenzigsten Jahre noch einmal zur See gegangen." – "Ihre Reise", fing mein Gemahl an, "soll Sie nicht gereuen. Ich habe Briefe von Ihrem Sohne aus Moskau und kann Ihnen die erfreuliche Nachricht von seiner baldigen Ankunft zum voraus melden. Wie lange können Sie sich hier aufhalten?" – "Das ganze Jahr hindurch," sprach der Alte, "und noch länger, wenn ich meinen Sohn erwarten kann." Mein Gemahl befriedigte seine väterliche Neubegierde mit einigen besonderen Nachrichten, und ich eilte zu unserm zärtlichen Paare, um zu sehen, ob sie angekleidet wären. Sie gingen beide noch in ihren Schlafkleidern, und ich liess dem Grafen heimlich sagen, dass sie aufgestanden wären. "Mein Gemahl", sprach ich nach einigen kleinen fragen, "wird gleich kommen und Sie zu einer Spazierfahrt einladen." Indem öffnete er schon die tür und trat mit dem Alten herein. In dem Augenblick riss sich Steelei von seiner Gemahlin, die ihn in den Armen hatte, los und lief auf seinen Vater zu. Der Alte sah ihn nach der ersten Umarmung lange an, ohne ein Wort zu sagen. "Ja," rief er endlich, "du bist mein Sohn, du bist mein lieber Sohn. Gottlob! nun will ich gern sterben. Mein Sohn, gib mir einen Stuhl, meine Füsse wollen mich nicht mehr halten!" Amalie langte ihm einen, und wir traten alle vor ihn. Seine erste Frage war, wer Amalie wäre. "Seit gestern", sprach sie, "bin ich die Gemahlin Ihres Sohnes. Sind Sie mit seiner Wahl zufrieden?" Er nahm sie recht liebreich bei der Hand. "Ist es gewiss, dass Sie meine Tochter sind: so küssen Sie mich und sagen Sie mir, aus welchem land Sie sind!" Er machte ihr darauf die grössten Liebkosungen und tat allerhand fragen, die seinem ehrlichen Charakter gemäss und uns deswegen angenehm waren, wenn sie gleich nicht die wichtigsten waren. Es missfiel ihm, da er hörte, dass wir nicht getanzt hätten. "Nicht getanzt?" fing er an, "wie traurig muss diese Hochzeit gewesen sein! Nein, was unsere Vorfahren für gut befunden haben, dass muss man nicht abkommen lassen. An seinem Hochzeittage muss man froh sein. Wenn wir nach London kommen: so will ich alles so anordnen, wie es an meiner Hochzeit war. Es sind, gottlob! schon fünfzig Jahre verstrichen, und ich weiss alles noch so genau, als ob es erst gestern geschehen wäre. Es ist wahr," sprach er zu Amalien, "Sie sehen viel schöner aus als meine selige Frau an ihrem Brauttage sah; aber sie war viel besser angezogen." Er beschrieb ihr mit der Freude eines Alten, dem das gefällt, was in seiner Jugend Mode gewesen, den ganzen Anzug seiner Frau, und sie versprach ihm, wenigstens um den Kopf und den Hals einen teil von diesem staat nachzuahmen. Sie tat es auch; und in einem engen Leibchen und grossen weiten Ärmeln, drei- oder viermal mit Bande gebunden, und in Locken, die bis auf die Schultern hingen, gefiel sie ihm erst recht wohl. Sein Sohn musste ihm sein Schicksal erzählen. Er weinte die bittersten Tränen, wenn Steelei auf eine betrübliche Begebenheit kam; und mitten unter den Tränen machte er hier und da noch allerhand Anmerkungen. Er fuhr ihn z.E. bei dem Anfange seiner geschichte recht väterlich an, dass er den Gesandten verlassen hätte und ein Soldat geworden wäre. Bald darauf umarmte er ihn, dass er so rechtschaffen an dem Grafen gehandelt hätte, als er auf dem Wege krank geworden. "Da erkenne ich meinen Sohn", rief er. "Gott weiss es, ich hätte es ebenso gemacht; das heisst seinen Freunden in der Not dienen! " Bei der Begebenheit mit dem Popen in Russland machte er ihm keine Vorwürfe. "Deine Liebe zur Wahrheit", sprach er, "ist dir freilich übel bekommen, und ich wünschte, es wäre nicht geschehen; aber es ist doch allemal besser, seine Meinung frei herauszusagen, als mit einer niederträchtigen Furchtsamkeit zu reden. Ich sehe dich, weil die Sache von der Religion hergekommen ist, als einen Märtyrer an; und ich danke Gott für den Mut, den er dir gegeben hat." Bei den grossen Diensten, die der Graf Steelein in Siberien erwiesen, nahm er eine recht majestätische Miene an. "Nun," sprach er, "das ist Grossmut! Mehr kann kein Freund an dem andern tun. Ach, Herr Graf, Sie haben noch ein redlicher Herz als ich und mein Sohn. Ihnen habe ich meinen Sohn zu danken. Ja, in meinem ganzen Leben, noch in jenem Leben will ich Sie rühmen!" Die