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erneuert. Unser Geistlicher, der uns ein recht lieber Gast gewesen sein würde, wollte nicht bei uns bleiben, so sehr wir ihn auch baten. Er sagte, dass er den Nachmittag bei einem jungen Menschen zubringen würde, der sich aus Schwermut das Leben hätte nehmen wollen, aber noch an dem Selbstmorde gehindert worden wäre. Er bat uns, ob wir nicht zur Verbesserung seiner elenden Umstände etwas beitragen und ihn mit einigen Arzneien versehen lassen wollten, damit nicht die Krankheit des Gemüts durch ein verdorbnes Blut noch mehr unterhalten würde. Weil es schien, dass er die besonderen Umstände dieses Menschen mit Fleiss verschwieg: so wollten wir nicht zur Unzeit neugierig sein. Wir fragten also nichts, als wo er anzutreffen wäre Er nannte uns eine alte Schifferin, die ihn, wie er gehört, nur vor etlichen Tagen in ihre Hütte aus Mitleiden eingenommen, in der er sich gestern durch ein Messer, doch ohne Lebensgefahr, verwundet hätte. Wir sagten ihm, dass er nicht bitten, sondern uns vorschreiben sollte, wie er's mit dem Kranken gehalten wissen wollte; weil wir gar keine Überwindung nötig hätten, einem Elenden mit einem Teile von unserm Vermögen zu dienen. Wir schickten ihm, sobald der Geistliche weg war, Betten und andere Sachen. Unser Doktor musste kommen; und das unglückliche Mädchen, von der ich oben geredt habe, und die jetzt Aufseherin in meinem haus war, musste ihn zu dem Kranken begleiten, um zu hören, was er für Anstalten wegen der speisen und des Getränks machen würde, damit sie alles nach seiner Vorschrift einrichten könnte.

Wir setzten uns zur Tafel, und wir wären eines solchen Tages nicht wert gewesen, wenn wir ihn nicht zu geniessen gewusst hätten. Eins war zu dem Vergnügen des andern sinnreich; und Kleinigkeiten, die andre aus Mangel der Vertraulichkeit oder auch des Geschmacks vorübergehen, dienten uns in unsrer Gesellschaft zu neuen Unterhaltungen und erhielten durch die Art, mit der wir uns ihrer bedienten, den Wert, den die prächtigsten Mittel der Freude am wenigsten haben. Kleine Zänkereien, die Amalie mit Steelein wegen des kosakischen Mädchens anfing, kleine Vorwürfe, womit wir einander erschreckten, beseelten unsere Vertraulichkeit, und jeder unschuldige Scherz gab uns eine neue Szene des Vergnügens. Die Aufseherin, die wir zu dem Kranken geschickt hatten, kam mit offnen Armen zurück und erzählte uns, dass sie ihren ungetreuen Liebhaber wiedergefunden, und dass es der Elende selbst wäre, für den wir gesorgt hätten. "Er", rief sie, "hat mir alles mit tausend Tränen abgebeten; und ich habe ihm alles vergeben, und ich bitte für ihn. Sein Gewissen hat ihn mehr als zu sehr bestraft!" Er sagte mir, dass er sich, da er mich so boshaft verlassen, nach Harlem gewendet und sich allen Ausschweifungen überlassen hätte, um nicht an das zu gedenken, was er getan. Einige Monate sei es ihm gelungen, nach dem aber hätte er sich der entsetzlichen Vorstellungen, dass er mich und die Frucht unsrer Liebe durch seine Untreue vielleicht ums Leben gebracht, nicht länger erwehren können. Sie hätten ihn genötiget, an den Ort zurückzukehren, wo er mich verlassen, und da er weder das Herz gehabt, sich genau nach mir zu erkundigen, noch auch gewusst hätte, wo er es tun sollte: so hätte ihn endlich eine alte Schifferin auf ebender Wiese, wo er von mir gewichen, und auf der er schon zwei Tage zugebracht, in der grössten Verzweiflung angetroffen und ihn mit sich in ihre Hütte genommen. Hier hätte er, da er ohne dies nichts mehr zu leben gehabt, sein Elend durch den Selbstmord endigen und sich zugleich für seine Bosheit bestrafen wollen. "Es steht bei Ihnen," fuhr sie fort, "ob Sie ihm durch Ihre Wohltaten das Leben und mich wiedergeben wollen. Ich liebe ihn, als ob er mich nie beleidiget hätte; allein (hier sah sie mich an) Sie zu verlassen, das kann ich nicht ..." Sie verdiente unsere Gewogenheit und unser Vergnügen über ihr Glück. Wir liessen ihren Liebhaber in das Haus neben uns bringen und besuchten ihn den Abend noch. Seine Wunde war nicht gefährlich, und die Freude, seine Geliebte wiedergefunden zu haben, hatte ihm so viel Lebhaftigkeit erteilt, dass er mit uns sprechen und uns seinen Fehler abbitten konnte. Er wollte uns alles erzählen: allein wir waren mit seiner Reue zufrieden und erliessen ihm die Scham, sein eigner Ankläger zu werden. Wir sahen in seinem zerstreuten und ausgezehrten gesicht noch Spuren genug von einer angenehmen Bildung und einem zärtlichen Herzen. Er war noch nicht vierundzwanzig Jahre alt und wegen seiner Jugend der Vergebung und des Mitleids desto würdiger.

Den Rest des Abends brachten wir mit einer Musik zu, die wir uns selber machten. Ich spielte den Flügel, und bald sang ich selbst, bald Amalie oder Karoline dazu. Meine kleine Tochter, die in das sechste Jahr ging, war so verwegen, Steelein zu einem Tanze aufzufordern, und sie hätte uns bald alle zu dieser Lust verführt. Wir führten endlich unsre beiden Vermählten in ihr Schlafzimmer und überliessen sie den Wünschen der Liebe.

Als ich mich den Morgen darauf noch mit dem Grafen beratschlagte, was wir unserm Paare heute für ein Vergnügen machen wollten, trat ein Bedienter herein und sagte, dass ein Engelländer meinen Gemahl sprechen wollte. Sobald er die Tür öffnete, so sagte uns sein Gesicht, dass es Steeleis Vater wäre.