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meines Gemahls ernannt. Ich übergab ihm binnen acht Tagen die Rechnungen meines Gemahls; allein er sah sie nicht an. 'Ihr Gemahl', sprach er, 'war mein guter Freund und auch ein Freund des Hofs. Er wird schon gut hausgehalten haben, und ich bin alt genug, ihm bald im tod nachzufolgen.' Ich bat ihn, dass er Befehl zu meiner Abreise geben und die Möbel und das Haus meines Gemahls von mir zum Abschiede annehmen sollte. 'Ich nehme es an,' sprach er; 'Sie aber haben die Freiheit, was Ihnen gefällt, mit sich zu nehmen; die Ihrem stand gemässe Bedeckung ist alle Stunden zu Ihren Diensten.'

Ich reiste also mit zwei Wagen unter einer starken Bedeckung in der Mitte des Junius fort. Mein Gemahl hatte mir über hunderttausend Rubeln meistens an Golde und Juwelen hinterlassen. Die eine Hälfte nahmen wir auf unsern Wagen und die andre auf den, wo unser Christian nebst einigen befreiten Gefangnen sass. Steelei liess, ehe wir abreisten, alle Gefangne in und um Tobolskoy herum kleiden, sie drei Tage speisen und jedem etliche Rubeln geben. Es mochten ihrer etliche fünfzig sein.

Wir kamen nach einer beschwerlichen Reise von fünf Wochen, die wir Tag und Nacht fortsetzten (weil die Nacht in den warmen Monaten fast so hell wie der Tag bleibt), glücklich in Moskau an. Ich wollte nicht öffentlich bei hof erscheinen, und ich suchte nichts, als der Geliebten des Zars, deren fräulein ich gewesen war, ins geheim aufzuwarten. Die grossmütige Katarina empfing mich auf dem Lustschlosse Taninska sehr liebreich. Ich musste acht Tage bei ihr bleiben; allein alle die Gnade, die sie mir unter dieser Zeit erwies, war mir ohne meinen Geliebten eine unerträgliche Last. Sie hörte, dass ich nichts wünschte als das Glück, nach Kurland zurückzukehren, und sie verschaffte mir's, weil sie nur befehlen durfte. Ich eilte nach der Stadt zurück und liess meinen lieben Reisegefährten, der bei dem englischen Kaufmann abgetreten war, aufsuchen. Mein Christian brachte mir die betrübte Nachricht, dass er krank und nicht imstande wäre, zu mir zu kommen. Ich liess mich den Augenblick zu ihm fahren. Seine Krankheit war nichts als der Kummer um mich. 'Ach,' rief er mir entgegen, 'habe ich Sie nicht verloren? Sind Sie noch meine beständige Freundin?' Ich bewies es ihm und blieb den ganzen Tag bei ihm. Er zeigte mir Briefe aus London und insonderheit die, welche der Herr Graf an ihn zurückgelassen hatte. Es war wirklich mein Vorsatz, nach Kurland zu gehen, und nichts als die Schwachheit meines Geliebten hinderte die Abreise. Endlich erhielt er Briefe von dem Herrn Grafen. 'Ach,' sprach er zu mir, 'er hat seine Gemahlin wiedergefunden, er lebt mit ihr in Holland. Wollen wir nicht zu ihm reisen? Wie glücklich würden wir bei ihm sein!' Mehr brauchte er nicht, um mich meinem vaterland zu entziehen.

Nun war es beschlossen, wir gingen nach Holland. Ich setzte mich mit ihm zu Ende des Augusts zu Schiffe, und auch die See ward mir durch die Liebe angenehm. Wir haben nichts als eine kleine Seekrankheit und etliche Stürme ausgestanden, die uns nichts getan, als dass sie uns ein paar Wochen länger auf der See aufgehalten haben. Wir sind schon vor vier Tagen ans Land gestiegen und gestern früh zu land hier angekommen."

Dies war die geschichte von Amaliens und Steeleis Liebe.

Die beiden ersten Tage verstrichen uns unter lauter Erzählungen, und der dritte war der Vermählungstag. Ich und Karoline kleideten unsere Braut an und verliebten uns recht in sie, so reizend war sie; allein der, für den sie so reizend war, hatte nicht weniger männliche Schönheiten. Wir führten sie in sein Zimmer. "Jetzt", sprach sie, "ist es noch Zeit, wenn Sie Lust haben, eine andere zu wählen", und umarmte ihn. R... kam bald darauf mit seinem guten Freunde, einem Prediger bei der französischen Gemeine, der sie vermählen sollte. Er hatte ihm die Umstände von beiden gesagt. Wir setzten uns nieder, und wir wussten nicht, dass unser Geistlicher eine Rede halten würde. Er tat es mit so vieler Beredsamkeit und mit so vielem geist, dass wir alle ausser uns kamen und uns keine grössere Wollust auf diesen Tag hätten erdenken können. Er redte von den wunderbaren Wegen der Vorsehung bei dem Schicksale der Menschen. Man stelle sich den Grafen und Steelein mit allen ihren Unglücksfällen, seine Braut, mich, kurz, uns alle vor, wenn man wissen will, was diese vernünftige Rede für einen Eindruck in unsere Herzen machte. Unsere Seele erweiterte sich durch die hohen Vorstellungen, um den Umfang der göttlichen Ratschlüsse in Ansehung unsers Schicksals zu übersehen, und die Empfindungen der Verwunderung und der Dankbarkeit wuchsen mit unsern erhabnen Vorstellungen. Leuten, die niemals im Unglücke gewesen, Leuten, die zu frostig sind, andrer Unglück zu fühlen, wird das Vergnügen, das wir aus dieser Rede schöpften, als ein scheinheiliges Rätsel vorkommen. Sie werden sich nicht einbilden können, wie sich solche ernstafte Betrachtungen zu einem Tage der Freude und der Liebe schicken; allein sie werden mir auch nicht zumuten, dass ich ihnen eine Sache beweisen soll, die auf die Empfindung ankömmt.

So verging der Vormittag, und Steelei und Amalie waren verbunden, und unser Bündnis war auch wieder