aller Unruhe nicht freisprechen will.
Er gestund mir, dass er dieses Frauenzimmer gewiss zu seiner Gemahlin erwählet haben würde, wenn er die Einwilligung vom hof hätte erhalten können. In der Tat verdiente sie dieses Glück so wohl als ich. Ich sah beinahe keinen Vorzug, den ich vor ihr hatte, als dass ich adlig geboren war. Und wie gering ist dieser Vorzug, wenn man ihn vernünftig betrachtet! Sie hatte sich gar nicht aus Leichtsinn ergeben. Die Ehe war der Preis gewesen, für den sie ihr Herz und sich überlassen hatte. Der Vater des Grafen hatte die Liebe und die Wahl seines Sohnes gebilliget. Sie kannte das edelmütige Herz ihres Geliebten. Sie war von der Aufrichtigkeit seiner Zärtlichkeit überzeugt. Ein Frauenzimmer, das sich unter solchen Umständen in eine vertrauliche Liebe einlässt, verdienet eher Mitleiden als Vorwürfe. Mein Gemahl erzählte mir einen Umstand, der Karolinens Wert, so will ich seine Geliebte künftig nennen, sehr verschönert. Sobald sie gesehen, dass er die Einwilligung, sich mit ihr zu vermählen, nicht würde erhalten können, ohne dabei sein Glück in Gefahr zu setzen und die Gnade des Hofes zu verlieren, so hatte sie sich des Rechts auf sein Herz freiwillig begeben. Er zeigte mir folgenden Brief von ihr, der mich wegen seines grossmütigen Inhalts ungemein gerühret hat.
"Mein lieber Graf!
Ich höre, dass man Ihnen den Entschluss, mich für Ihre Gemahlin zu erklären, sehr sauer macht. Sie dauern mich, weil ich gewiss weiss, dass Sie mich lieben, und Wort nicht zu halten, als es mich Mühe kostet, meine Ansprüche auf das edelste und grossmütigste Herz fahren zu lassen. Doch wenn ich einmal meinen Graf verlieren soll, so will ich ihn mit Ruhm verlieren. Kurz, mein liebster Graf, ich opfre Ihrem Glücke und Ihrem stand meine Liebe und meine Zufriedenheit auf und vergesse das schmeichelhafte Glück, Ihre Gemahlin zu werden, auf ewig. Sie sind frei und können sich zu einer Wahl entschliessen, welche Ihnen nur immer gefällt. Ich bin alles zufrieden, wenn ich nur sehe, dass Sie glücklich wählen und die Zufriedenheit an der Seite Ihrer Gemahlin erhalten, die ich Ihnen durch meine Liebe habe verschaffen wollen. Dieses ist, wie der Himmel weiss, mein grösster Wunsch. Und was gehört mehr zu der Aufrichtigkeit eines solchen Wunsches, als dass man Sie liebt? Ich mache Ihnen nicht den geringsten Vorwurf. Sie haben in meinen Augen Ihr Wort vollkommen gehalten; denn ich bin überzeugt, dass Sie es erfüllen würden, wenn es bei Ihnen stünde. Ich werde mich auch nie über mich selbst beklagen. Ich bin die Ihrige unter der Bedingung gewesen, dass Sie mich einst öffentlich dafür erklären würden. Ich habe Ihnen also bei aller meiner Zärtlichkeit doch nie meine Tugend aufgeopfert. Nein, das Andenken meiner Liebe wird mir allemal die grösste Beruhigung geben, so traurig auch mein künftiges Schicksal der Welt vorkommen wird. Vermählen Sie sich, mein lieber Graf, und denken Sie künftig nur an mich als an Ihre Freundin. Diese Belohnung verdiene ich. Leben Sie wohl, und lassen Sie mir auf einem Ihrer Güter einen Platz anweisen, wo ich nebst meinem Sohne in der Stille leben kann. Verlieren Sie weiter kein Wort. Ich bleibe bei meinem Entschlusse, Ihnen zu beweisen, dass ich Ihr Glück meiner Wohlfahrt vorziehe. Leben Sie wohl, mein lieber Graf!"
Karolinens grossmütigem Entschlusse hatte ich's also zu danken, dass mir der Graf zuteil worden war. Sie hatte sich nach diesem Briefe nicht mehr als noch einmal von ihm sprechen lassen und sich sogleich auf das Landgut begeben, wo ich sie antraf. Er versicherte mich, dass er sie seit andertalb Jahren nicht gesehen, und ich hätte ihr gern das Vergnügen gegönnt, den Grafen vor ihrer Abreise nach Livland noch einmal zu sprechen, wenn es der Wohlstand hätte erlauben wollen.
Mein Graf verdoppelte seine Bemühungen, mir zu gefallen; und der Himmel weiss, dass er der liebenswürdigste Mann war, den man kaum zärtlicher und edler denken konnte. Er war vernünftig und gesittet gewesen, ehe er ein Soldat geworden war, und daher hatte er nicht das geringste von dem Rohen und Wilden an sich genommen, das dieser Lebensart sonst eigen zu sein pflegt. Er war die Guteit und Menschenliebe selbst, und dennoch ward er im ganzen haus so gefürchtet, dass der kleinste Wink an seine Leute die wirkung des nachdrücklichsten Befehls tat. Er schien mir vollkommen zu gehorchen; es war ihm unmöglich, mir etwas abzuschlagen; er hielt alles für genehm, was ich verlangte. Allein mitten in dieser zärtlichen Untertänigkeit wusste er sich bei mir in einer gewissen Ehrfurcht zu erhalten, dass ich bei aller meiner herrschaft nicht sowohl meinen Willen als vielmehr sein Verlangen in Gedanken zu Rate zog und in der Tat nichts unternahm, als was er befohlen haben würde, wenn er hätte befehlen wollen. Er war der ordentlichste Mann in seinen Geschäften und band sich doch selten an die Zeit. Er arbeitete, sobald er sich geschickt zur Arbeit fühlete, und arbeitete so lange fort, als er sich in dieser Verfassung merkte. Allein er liess auch von seinen Verrichtungen nach, sobald er keine Lust mehr dazu verspürete. Daher war er stets munter, weil er sich niemals zu sehr ermüdete, und hatte stets Zeit zu den Vergnügungen übrig, weil er die Zeit niemals mit vergebnen Bemühungen, zu arbeiten, verschwendete. Er hatte eine sehr schöne Bibliotek auf seinen Reisen