ihm und hinderte ihn doch durch mein Bezeigen daran und befriedigte meinen Verdruss mit neuer Hoffnung. Wir hatten uns durch einen Umgang von zehen oder zwölf Tagen so ausgeredet, dass wir fast nichts mehr wussten, und wir wurden desto ärmer an Gesprächen, je weniger wir unser Herz wollten reden lassen. Wir spielten gemeiniglich nach der Tafel Schach, ein Spiel, das für Verliebte eher eine Strafe als ein Vergnügen ist, und das uns sehr beschwerlich gewesen sein würde, wenn es uns nicht das Recht erteilt hätte, einander genauer als ausser dem zu beoachten. Ich liess meine Hand mit Fleiss immer lange auf dem Steine liegen, als wenn ich noch ungewiss wäre, ob ich ihn fortrücken wollte; und ich liess sie doch nur für seine Augen da. Unsere Spiele wurden alle bald aus. Ich verstund es wirklich besser als er; allein ein blick in seine redlichen und zärtlichen Augen und eine kleine Röte oder ein verschämter Seufzer, den ich ihm abnötigte, war genug, mich zu dem einfältigsten zug zu bewegen. Wir wiederholten diesen Zeitvertreib ganze Stunden, ohne zehn Worte zu reden, und wir befanden uns so gut dabei, dass wir recht von der Tafel eilten, um zum Schache zu kommen. Unser Umgang hatte nunmehr ungefähr vier Wochen gedauert, und binnen dieser Zeit hatten wir einander nicht länger als fünf Tage nicht gesehen, und dennoch waren wir, so sehr wir einander gefielen, nicht vertrauter als im Anfange; und wir würden unstreitig diesen Charakter noch länger behauptet haben, wenn unsre Herzen nicht durch einen Zufall übereilet worden wären. Der Jude besuchte uns nämlich unvermutet bei Tische und kündigte Steelein an, dass morgen eine Lieferung für den Hof nach Moskau abgehen würde, und dass er für soundsoviel Geld sicher und ziemlich bequem mit fortkommen könnte. Ich erschrak über diese Nachricht, dass ich nicht ein Wort sagen konnte, und Steelei ebensosehr. 'Wenn,' rief er, 'wenn soll ich fort? Geht nur in mein Quartier, ich will gleich nachkommen.' Der Jude verliess uns. Und nun ging eine traurige Szene an. 'Ach, Madame,' fing Steelei an, und schon liefen ihm die Tränen über die Wangen; 'ach, Madame, ich soll schon fort? Morgen schon?' – 'Und was macht Ihnen denn die Abreise so sauer?' Er entsetzte sich über diese Frage und geriet in eine kleine Hitze. 'Sie fragen mich noch, was mir meinen Abschied sauer macht? Sie! Sie!' und auf einmal ward er still und suchte seine Wehmut zu verbergen. Mit welcher Entzückung sah ich mich von ihm geliebt! Ich schwieg still oder konnte vielmehr nicht reden. Er wollte fortgehen, und ich nahm ihn in der Angst bei der Hand. 'Wo wollen Sie hin?' – 'Ich will mich', sprach er, 'für meine Verwegenheit bestrafen, die ich jetzt begangen habe, und Abschied von Ihnen nehmen und ...' – 'Aber wenn ich Sie nun ersuchte, noch nicht fortzureisen, wollten Sie nicht bei mir bleiben? Wollten Sie nicht Ihr Vaterland, Ihre Freunde einige Zeit später sehen?' – 'Ach, Madame,' rief er, 'ich will alles, ich will mein Vaterland ewig verlassen, für Sie vergessen. Sagen Sie mir nur, ob Sie mich – ob Sie mich hassen?' – 'Ich liebe Sie,' fing ich an, 'es ist nicht mehr Zeit, mich zu verbergen; und wenn Sie mich lieben: so bleiben Sie hier und reisen Sie in meiner Gesellschaft!' Nunmehr wagte er die erste Umarmung, und o Himmel! was war dieses nach einem so langen Zwange für ein unaussprechliches Vergnügen! Wieviel tausendmal sagte er mir, dass er mich liebte, und wievielmal sagte ich's; und durch wie viele Küsse, durch wie viele Seufzer wiederholten wir unser Bekenntnis! Nun redte unser Herz allein. Er fragte mich, ob ich seine Liebe nicht gemerkt hätte, und ich fragte ihn ebendas. Wir erzählten einander die geschichte unsrer Empfindungen, und unser Umgang war von dieser Stunde an Liebe und Freude. Die Lieferung ging fort, und mein Liebhaber blieb mit tausend Freuden zurück. Ich schickte noch ein Memorial an den Hof mit ab, um die Erlaubnis zu meiner Abreise zu beschleunigen.
Waren wir vorher nur halbe Tage beisammen gewesen: so wurden uns nunmehr ganze noch zu unserer Liebe zu kurz. Er suchte meine Liebe, die er schon gewiss besass, durch die bescheidne Art, mit der er sie genoss, erst zu verdienen; und ich, die ich acht Jahre vermählt gewesen, ohne die Liebe zu kennen, lernte ihren Wert unter den unschuldigsten Liebkosungen erst schätzen. Ich versprach ihm, wenn er mir nicht nach Kurland folgen wollte, mit ihm in sein Vaterland zu gehen, und wenn ich in Moskau die Erlaubnis dahin zurückzukehren, nicht erhalten könnte, mich mit ihm ins geheim wegzubegeben. 'Bis auf diese Zeit', sprach ich, 'bin ich Ihre Braut und, sobald wir uns an einem Orte niederlassen, Ihre Gemahlin.'
Wir unterhielten uns mit den Vorstellungen von unserm künftigen Glücke noch vierzehn Tage, als ich endlich die Erlaubnis und die Passeporte vom hof erhielt, mich nach Moskau zurückzubegeben. Mein Liebhaber war gleich bei mir. Und wie eilten wir, aus diesem traurigen land zu kommen! Der Kommendant von einem nah gelegenen schloss war zum Nachfolger