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Ihnen? Die Freude über Ihre Befreiung herrscht nicht mehr in Ihrem gesicht. Ist es das Verlangen nach Ihrem vaterland, das Sie beunruhiget?' – 'Ja, Madame,' sprach er mit niedergeschlagnen Augen. O! wie war mir dieses Ja angenehm, das der Ton, mit dem er's aussprach, zu einem Nein machte. 'Haben Sie vielleicht', fuhr ich fort, 'noch eine Braut in Ihrem vaterland, die Sie erwartet? Warum entziehen Sie sich und mir das Vergnügen, von ihr zu sprechen? Ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich Ihnen mit der Hälfte meines Vermögens dienen will, um Ihre Reise zu beschleunigen und Sie von meiner Freundschaft zu überzeugen.' Er antwortete mir mit einem verschämten Blicke und sagte weiter kein Wort. Ich wollte nunmehr mein Glück oder Unglück mit einem Male wissen. 'Sie schweigen? Also haben Sie eine Braut in London?' – 'Nein,' rief er, 'Madame, der Himmel weiss es, dass ich seit dem tod meiner Braut ohne Liebe gewesen bin. Wie könnte ich Ihnen etwas verschweigen? Ach, wie könnte ich dieses? Ich bitte Sie, vermindern Sie Ihre Gütigkeit gegen mich! Ich bin unruhig, dass ich sie nicht verdiene. Dies ist die wahre Ursache.' Nunmehr war ich zufrieden, und er hätte aus meiner plötzlichen Veränderung leicht mein Herz erraten können; allein meine Freude tat bei ihm eine entgegengesetzte wirkung. Er ward nur trauriger, je mehr ich ruhig war. Ich redte fast allein, und ich studierte seine Augen und sein Herz aus. 'Er liebt dich,' fing ich zu mir selbst an, 'und nichts als die gesetz der Dankbarkeit und Ehrerbietung legen seiner Liebe ein Stillschweigen auf. Er ist verschämt, das wünschest du; und er wünschet, dass du ihn zu dem Fehler nötigen sollst, dir seine Liebe zu gestehen; und dieses verdient er.' Ich verdoppelte meine gefälligkeit, ohne sie über die Schranken der Freundschaft zu treiben. Mein Gemahl hatte ein kostbares Haus gebauet. Ich liess alle Zimmer auf der Galerie einheizen und führte ihn nach der Tafel in alle, nur damit ich eine gelegenheit hätte, ihn länger bei mir zu behalten. Als wir in das grösste kamen, in welchem die Risse und Abzeichnungen von Festungen und Landschaften hingen; so fragte ich ihn, ob er nicht auch einen teil von seinen arbeiten hier finde. Ich sah, dass er nicht auf die Abzeichnungen, sondern auf mich achtgab, und belohnte ihn gleich dafür. 'Ich will Ihnen Ihre Stücke zeigen', sprach ich. 'Mein Gemahl hat mir's gesagt, dass die, unter welchen ein S stände, von Ihnen wären. Er mag Sie mit diesen arbeiten wohl recht gequält haben.' – 'Ach,' sprach er, 'Madame, Sie könnten mich für alle meine Mühe auf einmal belohnen! Aber nein ...' Ich wusste in der Tat nicht, was er verlangte, und ich bat ihn recht inständig, dass er mir's sagen sollte. 'Wollen Sie mir's vergeben,' rief er, 'wenn ich's Ihnen gestehe? Denn es ist eine Verwegenheit.' – 'Ja,' sagte ich. Er öffnete darauf die tür von dem vorhergehenden Zimmer und wies auf mein Porträt. 'Madame, dieses Geschenk wollte ich mir wünschen, wenn ich Siberien verlasse.' Diese Bitte war mir das Angenehmste, was ich von ihm gehöret hätte. Ich gab ihm durch die Art, mit der ich sie anhörte, das Recht, sie zu wiederholen, und er hatte schon das Herz, mich bei der Hand zu fassen und meiner Hand durch die seine, ich weiss nicht was für verbindliche Dinge zu sagen. Ich begab mich geschwind mit ihm in das Tafelzimmer zurück, um gleichsam der Gewalt zu entfliehen, die er meinem Herzen antat. Er merkte seinen Sieg nicht und glaubte vielmehr, mich beleidiget zu haben. Er war von der Zeit an fast ganzer acht Tage hindurch nichts als ein Freund, der mir durch eine strenge Ehrerbietung gefallen, oder ein Gast, der durch eine dankbare Schamhaftigkeit meine Höflichkeiten, die ich ihm alle Mittage erwies, bezahlen wollte. Ich konnte mich in das Geheimnis unsrer Herzen nicht finden. Wir hatten die Erlaubnis, alle Tage miteinander umzugehen. Wir durften uns vor niemanden scheuen als vor uns selbst. Alles stunde unter meinen Befehlen, und ich war denen, die um mich lebten, zu gross, als dass ich von ihnen bemerkt zu werden hätte fürchten dürfen. Demungeachtet schienen wir beide bei aller unsrer Freiheit und bei unserm täglichen Umgange, anstatt dass wir vertrauter hätten werden sollen, einander nur desto fremder zu werden. Er hütete sich, mir die geringste Liebkosung zu machen, und ich nahm mich viel mehr als im Anfange in acht, ihm gelegenheit dazu zu geben. Wir sahen beide nicht, dass die Behutsamkeit, die wir in unsern Reden und in unsern Handlungen beobachteten, nichts als die stärkste Liebe war; oder besser, wir fühlten die Liebe so sehr, dass wir genötiget wurden, uns strenge gesetz vorzuschreiben. Ich ahmte ihm nach, und er ahmte an Bescheidenheit mir nach; und was war dieser Zwang anders als die sorge, einander zu gefallen, und die Ungewissheit, wie wir dieses einander ohne Fehler zu erkennen geben wollten? Alle Augenblicke erwartete ich ein vertrauliches Bekenntnis von