Zeddel war ein französisch Billett von diesem Inhalte: 'Mein Glück scheint mir nur ein Traum zu sein; und Sie überhäufen mich mit so vieler Gnade, dass ich gar nicht weiss, wie ich dankbar genug sein soll. Ich erzähle es dem Grafen und allen meinen Freunden und allen meinen Landsleuten schon in Gedanken, dass ich das grossmütigste Herz in Siberien angetroffen habe. Ach, Madame, wodurch verdiene ich Ihre Sorgfalt? und wodurch kann ich sie in dem Reste meines unglücklichen Lebens verdienen? Durch nichts, als durch Ehrerbietung –' Dieser kurze Brief gefiel mir sehr wohl. Ich brachte einen grossen teil der Nacht mit einer geheimen Auslegung dieses briefes zu. 'Wodurch soll ich Ihre Sorgfalt in dem Reste meines unglücklichen Lebens verdienen? durch Ehrerbietung.' Ich gab diesem Worte eine Bedeutung, wie sie mein Herz verlangte. Ich freute mich, da ich erwachte, dass der Tag schon da war. Ich eilte und beschloss, Steelein des Mittags mit mir speisen zu lassen. Ich konnte den Bedienten nicht finden. Ich vermutete, dass er bei seinem neuen Herrn sein würde, und ich hatte recht. In kurzem kam er. Ich warf ihm vor, dass er mich bald über seinem neuen Herrn vergessen würde, und schickte ihn mit zwei französischen Büchern wieder an Steelein und liess ihn bitten, zu Mittage mit mir zu speisen. Ich liess etliche wenige Gerichte nach deutscher Art zurichten und ihn zu Mittag in einem Schlitten abholen. Ich hatte mich nicht vornehm gekleidet, um ihm desto ähnlicher zu sein, doch war ich sorgfältig genug gewesen, eine gute Wahl in meinem Anzuge zu treffen. Bei dieser Mahlzeit wollte ich, sozureden, hinter mein eigen Herz kommen und erfahren, ob meine Empfindungen mehr als Freundschaft wären. Mein Gast kam, und seine Miene war heitrer als die gestrige und, wie mich dünkte, weit gefälliger. Er war besser, obgleich noch russisch, gekleidet als gestern. Dankbarkeit und Ehrerbietung redete aus ihm. Ich tat, als ob meine Fürsorge für ihn eine Verordnung des Hofs wäre, und setzte mich ganz allein mit ihm zu Tische. Wir brachten über unsrer kleinen Mahlzeit wohl drei Stunden zu, und es schien mir, dass sie ihm ebenso kurz ward als mir. Er konnte sich noch nicht recht in das Zeremoniell, mit einer Dame und vornehm zu speisen, finden, und ich hatte das Vergnügen, ihn alle Augenblicke durch eine kleine Höflichkeit zu erschrecken; ja, ich erfreute mich, dass ich ihn in der Wohlanständigkeit übertraf, weil ich merkte, dass er mir am geist überlegen war. Er musste mir seine begebenheiten noch einmal erzählen, und sie rührten mich, als ob ich sie noch nicht gehört hätte. Wir sprachen von dem Grafen, und er bezeigte ein so grosses Verlangen, ihn wiederzusehen, dass ich lieber eifersüchtig geworden wäre. Mit einem Worte, mein Gast gefiel mir nach wenig Stunden so sehr, dass ich mir alle Gewalt antun musste, mich zu verstellen. Ich wünschte in denen Augenblicken, da uns unser Bedienter verliess, dass er mir etwas Verbindliches sagen möchte, nur um zu wissen, ob ich ihm gefiele. Allein er blieb bei der Sprache der Ehrerbietung, und seine Augen redten ebendie Sprache. Er nahm aus einer unglücklichen Höflichkeit, als wir vom Tische aufstunden, Abschied, und ich hatte das Herz nicht, ihn zu bitten, dass er länger bleiben sollte, weil ich mich zu verraten glaubte. Ich liess ihn also wieder in sein Quartier bringen. Und nun wusste ich's, ob ich ihm gewogen war. Ich war beleidigt, dass er mich schon verlassen hatte. Ich ward unruhiger als zuvor, und ich war es nur mehr, je weniger ich's sein wollte. Ich stellte mir vor, dass ich ihm nicht gefiele, und kränkte mich, dass ich nicht reizend genug war, mehr als Hochachtung von ihm zu verdienen. Ich ward über diese Vorstellung kleinmütig und rächte mich durch Geringschätzung an mir selber. Gleichwohl wollte ich nicht alle Hoffnung fahren lassen und meine Liebe zu ihm mir auch nicht verbieten. Ich beschloss, ihn in drei Tagen wieder zu mir zu bitten. O, was waren das für lange Tage für mich! Der Bediente erzählte mir binnen dieser Zeit, dass sein Herr in seiner Einsamkeit ganz tiefsinnig würde. Wie lieb war mir diese Nachricht! Ich war schwach genug, ihn zu fragen, ob er nichts von mir gesprochen hätte? 'Er lobt Sie über die massen', sprach er, 'und fragt mich, sooft ich komme, wie Sie sich befinden, und fragt nach allen Kleinigkeiten.'
Nach drei Tagen war er wieder auf die vorige Art mein Gast. Er kam, und die Unruhe hatte sich in alle seine Blicke verteilet. Er hatte sich durch den Juden ein Kleid nach deutscher Art machen lassen und sah noch einmal so jung aus. Ja, ja, dachte ich, er ist schön, er ist liebenswert, aber nicht für dich. Ich glaubte, ich hätte alles Bange aus meinem gesicht vertrieben, als er mich bei der Tafel um die Ursache fragte, warum er mich nicht so zufrieden sähe als das letztemal. Ich erschrak über mein verräterisches Gesicht und über die Aufmerksamkeit, mit der er mich betrachtete, und schob die Schuld darauf, dass ich die Erlaubnis noch nicht vom hof bekommen hätte, nach Moskau zurückzukehren. 'Aber', fuhr ich fort, 'was fehlet