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gesammelt hatte. Ich tat also an den Juden etliche gleichgültige fragen, bis ich mich wieder erholte. 'Ich will nicht länger ungerecht sein', fing ich endlich an, 'und Ihnen eine Nachricht vorentalten, die Sie vielleicht schon lange zu hören gewünscht haben. Verstehen Sie Russisch?' Er antwortete mir ängstlich ja, ja und zitterte und machte, dass ich einen kleinen Schauer fühlte. Ich setzte mich nieder und bat ihn, dass er's auch tun sollte. Er weigerte sich, und ich hielt mich für verbunden, ihm selbst einen Sessel zu reichen und mich dadurch an dem mir schon beschwerlichen Zeremoniell zu rächen. Ich las ihm den Befehl vor und sagte endlich zu ihm: 'Von dieser Stunde an haben Sie Ihre Freiheit, und ich bin sehr vergnügt, dass ich die person habe sein sollen, die sie Ihnen erteilen muss. Sehen Sie mich nicht als Ihre Gebieterin, sondern als Ihre gute Freundin an!' Er sprang vom stuhl auf und küsste mir mit einer unaussprechlichen Freude die Hand; ich liess ihn diese Dankbarkeit sehr oft wiederholen, als fürchtete ich, ihn zu beleidigen, wenn ich die Hand zurückezöge. Er stammelte etliche Worte vor Freuden hervor, und auch diese Sprache gefiel mir. Ich liess dem Aufseher der Gefangenen Steeleis Befreiung gleich anzeigen und die Wache, die ihn begleitet hatte, zurückgehen. 'Ich wollte Ihnen', fuhr ich fort, 'gern mein Haus zum Aufentalte anbieten, bis Sie mit einer sichern gelegenheit nach Moskau zurückkehren können; allein meine Umstände scheinen es zu verbieten. Der Jude wird Ihnen schon eine wohnung ausmachen. Sie dürfen um nichts bekümmert sein, solange ich noch hier bin.' Er nahm Abschied, und ich sah in seinen Augen, dass er mir weit mehr zu sagen hatte, als er sagte, und kränkte mich, dass der Jude zugegen war. Diesem befahl ich, dass er nach der Tafel wieder zu mir kommen sollte. Also war dieser erste Besuch geendiget. Ich trat an das Fenster und wollte ihm nachsehen, und ich fragte mich in diesem Augenblicke, warum ich dieses täte; aber ich tat es doch. Ich setzte mich zur Tafel, und es reuete mich, dass ich ihn nicht bei mir behalten hatte. Der Jude blieb mir schon zu lange, und ich hätte es sicher genug wissen können, dass ich Steelein mehr als bedauerte; allein ich fand es für gut, mich zu hintergehen. Ich stellte mir vor, dass Steelei vielleicht mit einer Karawane handelnder Kaufleute durch Hilfe des Juden in wenig Tagen von hier abgehen könnte, und ich verwehrte es ihm in meinen Gedanken schon und wünschte, dass er in meiner Gesellschaft möchte zurückreisen können. Der Jude kam und versicherte mich, dass er seinen Gast sehr wohl aufgehoben und ihn in das Haus gebracht hätte, das er meinem verstorbenen Gemahle vor zwei Jahren abgekauft. Ich erschrak über diese Nachricht, als ob sie von einer Vorbedeutung wäre, und ich war zugleich mit seiner Anstalt zufrieden. Ich rief den alten deutschen Bedienten, der mir von Kurland aus nach Moskau und von Moskau nach Siberien gefolgt war, und den ich jetzt noch bei mir habe, und befahl ihm, dass er mit dem Juden gehen und sehen sollte, was der Herr, der heute aus dem Arreste gekommen, in seiner wohnung brauchte, weil er nach dem Befehle des Hofs bis zu seiner Abreise als eine Standsperson versorgt werden sollte. Er kam wieder und sagte mir, dass er bis auf das weisse Geräte und eine Matratze zum Schlafen mit den nötigsten Möbeln versehen wäre. Ich reichte ihm alles selbst, was er forderte, und zwar von jeder Art das Kostbarste, und war unwillig, dass der Bediente nicht mehr verlangte. Ich sagte ihm, dass er die Stücke genau zählen sollte, damit keines verloren ginge, und mein Herz wusste doch nicht das geringste von dieser wirtschaftlichen Sorgfalt. Ich hiess ihn noch ein Flaschenfutter Wein mitnehmen. 'Und wenn Ihr von ihm geht,' fuhr ich fort, 'so könnt Ihr in Eurem Namen fragen, ob er noch etwas zu befehlen hätte.' Er kam nicht eher als mit dem Abend wieder. Ich fragte ihn, wo er so lange geblieben wäre. 'Ach,' hub er in seiner treuherzigen Sprache an, 'man kann von dem Herrn gar nicht wieder loskommen. Es ist ein rechter lieber Herr; alles, was er sagt, nimmt einem das Herz. O, wenn Sie's nur hätten hören sollen, wie er dem Himmel dankt, dass er ihn aus der Gefangenschaft errettet hat! Er mag recht fromm sein, und ich weiss nicht, wie ihn der liebe Gott nach Siberien hat führen können.' Ich wollte ihn, als ich ging, auskleiden helfen. 'Ach,' sprach er, 'mein lieber Christian, gebt Euch keine Mühe, ich habe mich in Siberien selber bedienen lernen.' Es ging mir recht nahe. 'Er hat auch ein recht gutes Ansehen. Wer weiss, wie vornehm er von Geburt ist, und hat doch in diesem verwünschten land so viel ausstehen müssen! Wenn Sie mir's erlauben, so will ich ihn alle Tage etliche Stunden bedienen, damit es ihm wieder wohl gehe. Bei Ihnen lässt er sich für alle Gnade, die Sie ihm erzeigen, ganz untertänigst bedanken und um nichts als ein Buch bitten. Es wird auf diesem Zeddel stehen.' Dieser