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. Ich befahl dem Juden, ihn mit allem zu versorgen, was er nötig hätte, und liess ihn mutmassen, als ob er ein Anverwandter von mir wäre. Damals waren meine Wohltaten wohl blosse Wirkungen des Mitleidens. Ich hatte ihn nicht mehr als einmal, und noch dazu in den traurigsten Umständen gesehen, als er auf Ihre Fürbitte durch meinen Gemahl nach Tobolykoy zurückberufen ward. Ich hörte es gern, wenn mir der Jude seine Danksagung für meine Fürsorge überbrachte; und was ich nicht wohl durch Befehle ausrichten konnte, das musste der Jude durch das Geld, das ich ihm gab, bei den Unteraufsehern zu bewerkstelligen suchen. Er war in ein besser Behältnis gebracht, und ich hatte schon allerhand Mittel ausgesonnen, wie ich ihm bei meiner Rückreise nach Moskau diese erträglichen Umstände dauerhaft machen wollte. Ungefähr nach vier Wochen kam ein Befehl an meinen verstorbenen Gemahl, dass Steelei frei sein und bei der ersten gelegenheit, die man ihm verschaffen könnte, mit einem Passe versehen und für sein Geld fortgebracht werden sollte. Ich liess den Morgen darauf den Juden zu mir kommen und sagte ihm, dass er Steelei eiligst zu mir bringen sollte, und dass ich unter der Zeit, da er ihm dieses meldete, die Wache nachschicken wollte, ihn abzuholen. Er kam, und ich liess ihn nebst dem Juden zu mir ins Zimmer treten. Er stattete mir die Danksagung für meine bisherige Fürsorge auf eine sehr ehrerbietige und gefällige Weise ab und blieb an der tür des Zimmers stehen. Ich fragte ihn, ob er keine Nachricht von dem Grafen hätte? ob er mit seinen Umständen zufrieden wäre? Er beantwortete das erste mit einem traurigen Nein und das andere mit einem gelassenen Ja. Ich bat ihn, mir eine kurze Erzählung von seinem Schicksale zu machen. Er tat es, und je mehr er redte, desto mehr nötigte er mir durch seine Worte und durch seine Mienen Aufmerksamkeit und Hochachtung ab. Er sah weit besser aus als vor zwei Jahren, und ich weiss nicht, ob ich mir's beredte, oder ob es wahr war, dass ihm der siberische Pelz recht schön liess. Ich hörte aus seiner Art zu reden nunmehr sehr wohl, dass er ein edelmütiges Herz hatte; und wenn ich ja noch einige Augenblicke daran gezweifelt hatte: so war es vielleicht deswegen geschehen, weil ich bei meinem Zweifel gern widerlegt sein wollte. 'Der Graf', dachte ich, 'hat recht, dass er ihn so sehr liebt und so sehr für ihn gebeten hat. Er verdient Hochachtung und Mitleiden; und es ist deine Pflicht, einem so rechtschaffenen und unglücklichen mann zu dienen.' Ich merkte, je mehr er redte, dass etwas in meinem Herzen vorging; allein ich hatte keine Lust, es zu untersuchen, und ich hütete mich zugleich, mein Herz nicht zu stören. Ich nannte meine Regungen bei mir selbst Wirkungen seiner Unglücksfälle und setzte mich in Gedanken nieder und liess ihn lange fortreden, ohne ein Wort zu sagen. Als er mir die Grausamkeit erzählte, die man in der Stadt Moskau an ihm und dem Sidne begangen: so fühlte ich weit mehr, als da sie mir der Graf erzählt hatte. Es war mir unmöglich, die Tränen zurückzuhalten, und ich wollte doch auch nicht, dass er meine Wehmut sehen sollte. Ich fragte ihn in der Angst, wie alt sein Vater wäre, und wie lange er ihn nunmehr nicht gesehen hätte, nur damit ich das Wort: der arme Mann! das mir mein Herz für ihn abnötigte, nebst einigen Tränen bei seinem Vater anbringen konnte. Ich führte ihn durch ziemlich neugierige fragen in die Umstände seiner Familie und seiner Jugend zurück. Er fing endlich an, von der traurigen Begebenheit mit seiner Braut in Engelland zu erzählen, und ich ward so gerührt, dass ich recht gewaltsam von meinem Stuhl aufsprang und ganz nahe zu ihm trat; vielleicht hatte ich das letzte schon gewünscht. Er ward bei dieser Erzählung sehr weichmütig und endigte sie mit einem 'Ach Gott!' das mir durch die Seele ging. Er schlug die Augen nieder, und es war mir nicht anders, als ob ich sie ihm wieder öffnen sollte. Er sah mich endlich auf einmal mit einer klagenden Miene an, und ich erschrak, als ob er mir ein Verbrechen vorrückte. 'Mein Herr,' fing ich an, 'ich will gleich weiter mit Ihnen reden.' Ich ging in das Nebenzimmer, um den Befehl wegen seiner Befreiung zu holen. Ich suchte ihn lange vergebens, ob er gleich vor mir lag. Ich schämte mich vor meiner Unruhe und glaubte zu meinem Troste, dass sie von den traurigen Erzählungen herstammte, und dass sie durch die Freude, die Steelei über seine Erlösung haben würde, sich bald verlieren sollte. Ich sah in den Spiegel, ehe ich wieder in das andre Zimmer trat, und ich sah jeden blick die Unruhe meines Herzens verraten. Ich hatte indessen bei aller meiner Unruhe noch die Geduld, etwas an meinem Kopfputze zu verbessern; und mitten in dem Verlangen, Steelein seine Befreiung anzukündigen, überlegte ich noch, wie seine unglückliche Braut ausgesehen hatte, und hielt ihr Bild im Spiegel gleichsam gegen das meinige. Ich bereitete mich auf eine kleine Anrede und öffnete das Zimmer und ging auf Steelein zu. Ich fühlte, da ich anfangen wollte zu reden, dass mir der Atem fehlte, und dass ich die Worte nicht wiederfinden konnte, die ich in meinem Gedächtnisse