Wir erfuhren in Moskau, dass wir ihn hier finden würden, und sie wird so lange bei Ihnen bleiben, bis sie ersetzt sind." – "Ja," sprach ich, "wir sind dazu verbunden; aber warum nehmen Sie sich der Madame so eifrig an? Erfordert dieses die Pflicht der Reisegesellschaft?" – "Sie hören wohl," versetzte sie, "dass er das Geheimnis meiner Reise gern entdeckt wissen will; ich soll Ihnen sagen, dass ich ihn liebe, und dass ich ihn aus Liebe hieher begleitet habe. Er verdient und besitzt mein Herz, und ihm meine Hand zu geben, habe ich bloss auf Ihre Gegenwart versparet." Steelei stunde auf und umarmte sie. "Also sind Sie meine Braut?" rief er. – "Ja," sagte sie, "und um es zu werden, würde ich noch eine See durchreisen. Und Ihnen, mein lieber Herr Graf, Ihnen bin ich mein Glück schuldig, denn ohne Sie würde ich meinen Geliebten nie haben kennen lernen. Sie haben mir ihn in Ihrem ersten gespräche mit mir so edel beschrieben, dass ich ihm gewogen war, ehe ich ihn sah. Die Vorsehung hat mir mein Unglück durch ihn belohnt, und ich will das seinige durch meine Liebe belohnen. Ich bleibe bei Ihnen; und Sie, Madame, sollen das Recht haben, unsere Verbindung zu vollziehen und einen Tag zu unserer Vermählung anzusetzen, welchen Sie wollen. Ich will meinen künftigen Gemahl von Ihren Händen empfangen." – "Und ich," sprach der Graf, "meine Gemahlin von den Ihrigen. Ich will mir sie, da ich die zweite Ehe mit ihr angefangen habe, auch noch einmal vermählen lassen, und dieses soll an dem Tage geschehen, da Sie Ihre Verbindung vollziehen." Amalie, so hiess Steeleis Braut, liess darauf einen Pokal und einen Flaschenkeller Wein aus ihrem Zimmer langen. "kennen Sie das Glas, Herr Graf? Daraus habe ich Ihnen in Siberien die Gesundheit Ihrer Gemahlin zugetrunken. Und aus diesem Glase und von dem Weine, der nicht weit von diesem land gewachsen ist, wollen wir sie zum andern Male in Holland trinken. O wie gut wird mir's schmecken!" Sie trank und reichte mir's. Ich sah das Glas und den Wein an und sah meinen Gemahl zugleich in Siberien und in den unglücklichsten Umständen von einer grossmütigen Seele bedauert und geschützt; ich sah sie an und trank, und Tränen fielen in den Wein. Kein Wein hat mir in meinem Leben so gut geschmeckt als dieser. Wir schwiegen vor Vergnügen alle still, bis Andreas endlich unser Stillschweigen unterbrach. "Aber, Madame," fing er lachend an, "wie sah denn der Herr Graf damals aus, da er als ein Gefangner vor Ihnen stunde? Sah er vornehm oder nicht? Sah er traurig?" – "Seine Miene", sprach sie, "richtete sich nach der Art, mit der ich mit ihm redte. Wenn ich ihn recht freundschaftlich bedauerte: so sah er mich zur Dankbarkeit sehr demütig an; und wenn ich einen Augenblick unempfindlich gegen sein Elend schien: so warf er mir mein kaltes Herz mit einer stolzen Miene vor, die mich leicht erraten liess, dass er aus Unschuld unglücklich und im Elende auch noch grossgesinnt war." – "Aber wie war er gekleidet?" – "Schlechter als ich wünschte. Ein deutsches Unterkleid, sehr abgenutzt, und ein schwarzer russischer Pelz und ein paar Halbstiefeln waren sein Staat. Sein kurzes aufgelaufnes Haar gab indessen seinem gesicht bis auf etliche Spuren von Kummer, die aus seinen Augen nicht vertrieben werden konnten, ein unerschrocknes Ansehn. Nie war er beredter und in meinen Augen grösser, als da er von seiner Gemahlin sprach; und ich tat von diesem Augenblicke an heimlich ein Gelübde, ihm die Freiheit auszuwirken." – "Aber Ihr verstorbner Gemahl und der Herr Graf", sprach Andreas, "waren wohl nicht allezeit die besten Freunde?" – "Was dieser getan hat, das bitte ich dem Grafen jetzt ab. Ach, vergeben Sie ihm die Fehler seiner Gemütsart und seines volkes, die ich, ungeachtet seiner Neigung gegen mich, mehr als Sie empfunden habe. Unsre Ehe war ein Bündnis, das der Hof schloss, und das ich aus Gehorsam nicht auschlagen durfte. Indessen ehre ich sein Andenken; so wie ich mein Schicksal an seiner Seite geduldig ertragen und mir, wenn ich's sagen darf, vielleicht durch meine Geduld ein besseres verdient habe."
Andreas ward zu unserm Glücke durch seine Geschäfte von uns gerufen, und seine Abwesenheit liess uns vertraulicher werden. Steelei wollte dem Grafen erzählen, was seit seiner Abreise aus Tobolskoy vorgegangen; allein er stunde alle Augenblicke vor gar zu grosser Empfindung still, und wir waren zufrieden, dass wir dieses Mal das Wichtigste von dem erfuhren, was uns Amalie nach dem umständlicher auf folgende Art erzählt hat.
"Wenig Tage nach des Herrn Grafen seiner Abreise", fing sie auf unser Bitten an, "starb mein Gemahl an dem zurückgetretenen Podagra. Ich berichtete seinen Tod nach hof und bat zugleich um die Erlaubnis, nach Moskau zurückzukehren. Die Gewalt, die ich bis zur Ernennung eines neuen Gouverneurs in den Händen hatte, gab mir gelegenheit, verschiedene harte Verordnungen aufzuheben, die mein Gemahl in Ansehung der Gefangenen ergehen lassen. Ihrem zurückgelassenen Freunde, Herr Graf, konnte ich mehr Bequemlichkeit verschaffen