von seiner Gemahlin", fuhr er zum Grafen fort, "habe ich einen Brief an Euch. Die grossmütige Seele! Ich will Euch den Brief aus meinem Koffer langen." Er ging und Andreas mit ihm. Wir waren es zufrieden, dass uns Steelei einige Augenblicke verliess, nur damit wir das Verlangen befriedigen konnten, einander unsere Lobsprüche von ihm mitzuteilen. "Ist er meiner Liebe wert," sprach der Graf zu mir, "und gefällt er Euch?" Karoline liess mich nicht zu Worte kommen. "Herr Graf," rief sie, "Ihre Gemahlin kann nicht urteilen, sie ist nur von Ihnen eingenommen. fragen Sie doch mich, ich will's Ihnen aufrichtig sagen, ich und das Mädchen in Siberien, wir –" Hier trat Steelei, mit einem Frauenzimmer an der Hand, herein, aus deren gesicht Anmut und Freude lachten. Sie ging in Amazonenkleidern, und jeder Zug in ihrer Bildung war ein Abdruck der gefälligkeit und der Liebe. "Ach Gott!" rief der Graf, "wen sehe ich? Ist es möglich, Madame? oder betrügen mich meine Augen? Das ist zuviel Glück auf einen Tag!" – "Madame," redete mich Steelei an, indem ich noch vor Erstaunen immer auf einer Stelle stunde, "hier bringe ich Ihnen meine liebe Reisegefährtin und bitte für sie um Ihre Freundschaft." Ich wusste noch nicht, wen ich umarmte, oder wollte es doch nicht so bald wissen, um mein Vergnügen zu verlängern. Sie selbst schien mich aus ebender Ursache in der Ungewissheit zu lassen. "Glaubt es doch," rief mir endlich mein Gemahl zu, "sie ist es, der ich meine Befreiung zu danken habe; sie hat mich Euch wiedergegeben." – "Ja, Madame," fing sie an, "für diesen Dienst suche ich jetzt die Belohnung bei Ihnen, und ich bitte nicht um Ihre Freundschaft, sondern ich fordere sie von Ihnen. Ist es Ihnen denn recht lieb, dass Sie mich sehen? Ja, ich sehe es, Sie fühlen ebensoviel als ich, dass ich Sie nunmehr kenne. Ach, Herr Graf, also sind wir nicht mehr in Siberien? Wieviel habe ich Ihnen zu erzählen! Ihr Freund, den Sie mir hinterlassen haben, hat mir viel zuwider getan (hier sah sie Steelein mit dem zärtlichsten blick an), und er mag es Ihnen selber sagen. Aber", fing sie ganz sachte zu meinem Gemahle an, "wer ist das Frauenzimmer und der Herr?" (sie meinte Karolinen und R...). Der Graf erschrak und wusste nicht, was er in der Eile sagen sollte. "Sie sind – sie sind unsre Freunde und auch die Ihrigen." Ich nahm darauf Karolinen bei der Hand und führte sie zu ihr, und der Graf tat mit R... ebendas. Wir glaubten, dass Andreas das Geheimnis vor unsrer Zusammenkunft schon verraten hätte: denn die Verschwiegenheit war seine Sache nicht. Allein er hatte – entweder, um uns zu schonen, oder weil er nicht daran gedacht hatte – geschwiegen. Er hatte nicht die Geduld gehabt, unsere Bewillkommung ganz anzuhören. Jetzt kam er wieder herein und half uns zum teil aus unsrer Verwirrung. "Das ist," fing er zu der Fremden an, "das ist meine liebe Schwester." In dem Augenblicke ging R... mit niedergeschlagenen Augen aus der stube, weil er glaubte, dass Andreas auch von ihm anfangen würde. "Geht nicht," rief ihm dieser nach, "ich will nichts sagen. Der Herr Graf wird es schon selbst erzählen." – "Ach, mein lieber Graf," sprach Steelei, "was ist das für ein Geheimnis? Darf ich's und die Madame nicht wissen? Wer ist der Herr R...?" – "Er ist einer von meinen ältesten Freunden, und wenn ich Ihnen alles sagen soll ..." hier sah er mich an und schwieg. "Er war mein Gemahl," sprach ich zu meiner neuen Freundin, "ehe ich wusste, dass mein Graf noch lebte. Sie hassen mich doch deswegen nicht? Nein Madame, ich verdiene Ihr Mitleiden und mein Graf" ... "Dieser liebt Euch", fuhr er fort, "ebenso zärtlich als jemals." Sie sah mich beschämt an und eilte, mir durch eine mitleidige Umarmung diese traurigen Augenblicke zu verkürzen. Steelei schien wirklich bei dieser Nachricht etwas von seiner Hochachtung gegen mich zu verlieren. Er sah bald mich, bald den Grafen an. "Ist sie denn nicht mehr Eure Gemahlin?" sprach er ganz heftig. – "Sie ist meine Gemahlin," antwortete ihm der Graf; "beunruhigt Euch nicht. Ich weiss, dass Ihr mich liebt, und mir hat zu meinem Glücke nichts als der heutige Tag gefehlt." Hierauf ging unsre Freude wie vom neuen an.
Unser stürmischer Wirt nötigte uns alsbald zur Mahlzeit. Ein jedes Wort von uns war eine Liebkosung, und anstatt zu essen sahen wir einander an. "Madame," fing endlich Steelei zu mir an, "Ihre Augen fragen mich alle Augenblicke etwas. Beneiden Sie mich etwa wegen meiner liebenswürdigen Reisegefährtin? Oder wollen Sie wissen, warum sie nach Holland gegangen ist? Sie will die Juwelen wiederholen, die sie dem Herrn Grafen in Siberien gegeben hat.