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in seine Studierstube setzen liess.

Auf diese Freude folgte in einigen Wochen eine noch grössere und ebenso unvermutete. Andreas, Karolinens Bruder, war gewohnt, alle Jahre seinen Geburtstag zu feiern. Er kam einst sehr frühe zu uns und sagte, weil er genötiget wäre, auf etliche Wochen zu verreisen, und weil sein Geburtstag morgen einfiele: so wollte er ihn heute feiern und uns bitten, uns gleich mit ihm auf eine Gondel zu setzen und einmal einen ganzen Tag in seinem haus zuzubringen. Wir liessen es uns gefallen, und weil wir bei dem Tee gleich mit dem Briefe beschäftigt gewesen waren, den mir der Graf durch den Juden aus Siberien geschickt: so baten wir den Andreas, uns nur so lange Zeit zu lassen, bis ich diesen Brief vollends laut hergelesen und der Graf uns das, was wir noch umständlicher wissen wollten, erzählt hätte; denn Karoline und R... sassen bei uns. "Ach," schrie er ganz ängstlich, "das könnt ihr in meinem haus auch tun; nehmet den Brief mit und verderbet mir meine Freude nicht, oder ich reise gleich heute fort und traktiere euch gar nicht." Dieses treuherzige Kompliment nötigte uns, ihm gleich zu folgen. Alles war in seinem haus wider seine Gewohnheit aufgeputzt, und wir konnten uns in seine grossen Anstalten gar nicht finden. "Ich weiss nicht," sprach Karoline, "was ich von meinem Bruder denken soll. Wenn nur nicht etwa aus diesem Geburtstage ein Hochzeittag wird. Er tut mir zu froh und zu geheimnisvoll." Wir scherzten mit ihm darüber, als er uns den Tee auftrug, und er lachte auf eine Art, als ob er es gern sähe, dass wir seine kleine List errieten. "Leset nur euren Brief vollends durch," fing er an, "ich will indessen meine Braut holen oder wenigstens meinen Flaschenkeller zurechtemachen." Er ging in das Nebenzimmer, und wir vertieften uns wieder in den Brief. Ich fragte nach tausend Kleinigkeiten, welche die Gemahlin des Gouverneurs angingen, deren Brief an ihre Stiefschwester nach Kurland mein Gemahl wieder zurückbekommen hatte, weil sie tot war. R... wollte immer mehr von den wunderlichen Gemütsarten des Gouverneurs wissen, und Karoline blieb bei aller gelegenheit bei Steelein stehen. Andreas trat aus der Nebenstube wieder herein, als wollte er uns zuhören. "Habe ich ihn Euch denn noch nicht genug beschrieben?" sagte mein Gemahl zu Karolinen. "Habt Ihr Euch denn gar in ihn verliebt? Freilich sah er vorteilhaft aus, sonst würde ihm das kosakische Mädchen nicht so gut gewesen sein. Er hatte grosse schwarze Augen wie Ihr, und –" In dem öffnete Andreas, der nah an der tür stunde, das Nebenzimmer und rief, nach seinen Gedanken, ganz sinnreich: "Sah er etwa wie dieser Herr aus?" und in dem Augenblicke stunde Steelei vor uns. Der Graf zitterte, dass er kaum von dem Sessel aufstehen konnte, und wir sahen ihren Umarmungen mit einem freudigen Schauer lange zu. "Nun," schrie endlich Steelei, "nun sind wir für alle unser Elend belohnet", und riss sich von dem Grafen los, und ich eilte ihm mit offenen Armen entgegen. "Ach Madame," fing er an, "ichichja, ja, Sie sind es – " und das war sein ganzes Kompliment. Der Graf kam auf uns zu, und wir umarmten uns alle drei zugleich. O was ist das Vergnügen der Freundschaft für eine Wollust, und wie wallen empfindliche Herzen einander in so glücklichen Augenblicken entgegen! Man sieht einander schweigend an, und die Seele ist doch nie beredter als bei einem solchen Stillschweigen. Sie sagt in einem Blicke, in einem Kusse ganze Reihen von Empfindungen und Gedanken auf einmal, ohne sie zu verwirren. Karoline und der Herr R... teilten ihre Freude mit der unsrigen, und wir traten alle viere um Steelei und waren alle ein Freund. Dem Andreas mochte unsere Bewillkommnung zu lange dauern; er zog mich und Karolinen beiseite. "Ihr Leute", sprach er ganz bestrafend, "vergesst doch nicht, dass ihr Frauenzimmer seid und ... Setzt euch alle nieder, sonst muss ich den ganzen Tag euern Umarmungen zusehen. Tut es, wenn ich nicht dabei bin. Wir wollen heute lustig und nicht so niedergeschlagen sein." Und damit mussten wir uns niedersetzen. "Herr Graf," fuhr er darauf fort, "habe ich's nicht listig gemacht?" Wir merkten, dass er für seine Erfindung belohnt sein wollte, und er war es wert, dass wir ihm unser eigen Vergnügen etliche Minuten aufopferten. Mein Gemahl hatte schon zehen fragen an Steelein getan; allein Andreas liess ihn zu keiner Erzählung kommen. "Seid doch zufrieden," sprach er, "dass ihr ihn habt, und dass ich ihn euch geschafft habe. Ihr sollt ihn auf den Abend mit zu euch nehmen, alsdann könnte ihr miteinander reden bis wieder auf meinen Geburtstag. Jetzt will ich das Vergnügen haben, dass ihr bei mir recht aufgeräumt sein und recht laut werden sollt." Wir wünschten unstreitig alle, von unserm gebieterischen und uns so unähnlichen Wirte bald entfernt zu sein; allein wir mussten uns ihm aus Dankbarkeit preisgeben, und Steelei schien selbst jetzt keine Lust zu haben, uns seine begebenheiten zu erzählen, ausser dass er den Tod des Gouverneurs etlichemal erwähnte. "Und