1747_Gellert_024_41.txt

alle seine Briefe an ihn noch nicht die geringste Antwort erhalten, dieses beunruhigte ihn desto mehr. Von Steeleis Vater hatte er zwar aus London schon vor etlichen Monaten die Nachricht bekommen, dass sein Sohn durch die Bemühungen des englischen Gesandten und durch ein Strafgeld von etlichen tausend Talern seiner Verweisung nach Siberien entlassen worden wäre, von ihm selbst aber hätten er und seine Landsleute in Moskau keine Briefe. Indessen dass der Graf vergebens auf Steelein hoffte, begegnete ihm ein andrer vergnügter Zufall. Er war eine Stunde vor der Mahlzeit, wie er zu tun pflegte, mit dem Herrn R... auf das Kaffeehaus gegangen, wo die meisten Fremden einzusprechen pflegten. Kurz darauf liess er mir sagen, er würde mir einen Gast mitbringen, für den ich ein Zimmer zurechtmachen lassen sollte. Er kam, und der Gast war der ehrliche Jude, der ihm in Siberien so viele Menschenliebe erwiesen, und den seine Geschäfte nach Holland zu gehen genötigt hatten. Mein Gemahl war ausserordentlich erfreut, dass er diesem wackern mann einige Gefälligkeiten erzeigen konnte, und er selbst war ebenso froh, dass er meinen Gemahl so unvermutet und so glücklich angetroffen. Er überreichte mir den Brief aus Siberien, den ich schon eingerückt habe, und versicherte mich, dass er sich in Livland und Dänemark sehr sorgfältig nach mir erkundigt und doch nicht das geringste von meinem Aufentalte hätte erfahren können. Sein Herz war wirklich seiner ehrlichen und einfältigen Miene gleich, und seine Sitten gefielen durch sein Herz. Er war schon bei Jahren, und sein grauer Bart und sein langer polnischer Pelz gaben ihm ein recht ehrwürdiges Ansehen. Die freundschaftliche Art, mit der wir mit ihm umgingen und ihm unsere Erkenntlichkeit zu bezeichnen suchten, rührte ihn ausnehmend. Als wir das erstemal von der Tafel aufstunden: so ward der gute Mann ganz betrübt. Mein Gemahl fragte ihn um die Ursache. "Ach," sprach der Alte, "wenn ich nur so glücklich sein könnte, noch etliche Stunden bei Ihnen zu bleiben! Ich habe mein Tage kein solch Vergnügen gehabt, und niemand ist noch so grossmütig mit mir umgegangen, als Sie tun." Der Graf nahm ihn bei der Hand und führte ihn in das Zimmer, das für ihn zubereitet war. "Seht Ihr," sprach er, "meine Gemahlin gibt Euch ihr bestes Zimmer ein. Glaubt Ihr nun wohl, dass Ihr uns angenehm seid? Ihr dürft nicht daran denken, uns unter acht Tagen zu verlassen. Nicht wahr, ich wohne hier besser, als in Siberien? Dort habt Ihr mich bedienet, und hier wollen ich und meine Gemahlin Euch bedienen." Wir taten es; und wir alle, Karoline sowohl als R..., bestrebten uns recht, diese acht Tage unserm gast zu Tagen des Vergnügens zu machen. Wenn die Sonne unterging, schlich er sich in sein Zimmer und blieb meistens eine halbe Stunde aus. Wir fragten ihn, als dieses etlichemal geschah, um die Ursache, und er wandte allerhand kleine Verrichtungen vor, bis ihn endlich Herr R... einmal überraschte und auf den Knien beten fand. Als diese acht Tage unter tausend kleinen Vergnügen verstrichen waren: so bat er uns, unsere Wohltaten einzuschränken und ihn wieder fortreisen zu lassen. Er verliess uns einen Tag, um seine Geschäfte zu besorgen, und kam den andern wieder, um Abschied von uns zu nehmen. "Nun", sprach er, "will ich mit Freuden fortreisen, Herr Graf, und Gott auf meiner Reise danken, dass ich Sie angetroffen habe. Ich bin alt, und ich werde Sie alle in dieser Welt wohl nicht wiedersehen. Ich habe keine Kinder, und wenn ich nicht bei meinem weib sterben wollte: so würde ich mich auf meine alten Tage hier niederlassen." Wir nahmen alle als von einem Vater Abschied von ihm. "Ach Herr Graf," fing er endlich ganz furchtsam an, "Sie haben mich für meine Dienste reichlich belohnet: aber ich bin gegen Sie noch nicht dankbar genug gewesen, dass Sie mir das Leben mit Ihrer eignen Gefahr erhalten haben. Sie wissen, dass ich mehr Vermögen habe, als ich und meine Frau bedürfen. Ich habe hier in der Bank ein Kapital von zehntausend Talern zu heben. Erlauben Sie mir die Freude, dass ich's Ihrer kleinen Tochter schenken darf, und nehmen Sie den Schein von mir an." Wir versicherten ihn, dass unsere Umstände so beschaffen wären, dass wir nicht Ursache hätten, ihm einen teil von seinem Vermögen zu entziehen; allein er beklagte sich, dass wir seine Gutwilligkeit verachten wollten, und zwang uns, das Geschenk anzunehmen. Er ging darauf zu unsrer Tochter und knüpfte ihr noch ein sehr kostbares Halsband um den Hals. Er beschenkte auch das unglückliche Mädchen, was ich zu mir genommen hatte, sehr reichlich und eilte alsdann, was er konnte, um sich seinen Abschied nicht noch saurer zu machen. Der rechtschaffne Mann! Vielleicht würden viele von diesem volk bessre Herzen haben, wenn wir sie nicht durch Verachtung und listige Gewalttätigkeiten noch mehr niederträchtig und betrügerisch in ihren Handlungen machten und sie nicht oft durch unsere Aufführung nötigten, unsere Religion zu hassen. R... begleitete den Alten etliche Meilen und konnte gar nicht aufhören, seinen uneigennützigen und grossen Charakter zu bewundern. Unter allen Merkmalen der Freundschaft, die wir ihm erwiesen, rührte ihn nichts so sehr als dieses, dass ihn der Graf abmalen und das Bild