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machen, und überlässt sich den Entzückungen der Dankbarkeit, die uns nicht länger wollen nachdenken lassen. Der Graf setzte zuweilen ganze Tage zu dieser Absicht aus und wandte sie zu Werken der Guttätigkeit an. Er erkundigte sich nach elenden und unglücklichen Personen; mit einem Worte, arme, Kranke und Gefangne an diesen Tagen zu erquicken und aufrichten zu lassen, das war seine Zufriedenheit. Oft liess er auch einige von denen, die schon unter dem Elende grau geworden waren, zu sich rufen und sie an einem Tische zusammen speisen. Es war ihm freilich lieb, wenn er wusste, dass es Leute waren, welche die Guttat verdienten; allein er stellte deswegen nicht die strengsten Untersuchungen an. "Vielleicht", sprach er, "lassen sie sich durch die Wohltaten bessern, wenn sie boshaft gewesen sind; lasst sie auch der Wohltat unwert sein; sie sind doch Menschen." Wenn er hörte, dass sie mit dem Essen bald fertig waren: so ging er zu ihnen und liess sich ihr Schicksal erzählen. fand er eine person darunter, die ein edles Herz hatte: so nahm er sich ihrer insbesondere an. R... war sein Gehilfe in dieser Tugend, und wem sie beide nicht als Wohltäter dienen konnten, dem dienten sie doch als vernünftige Ratgeber. Wir fuhren gemeiniglich an diesen Tagen etliche Stunden in die Felder oder in die Gärten spazieren. Einmal hörten wir des Abends, indem wir bei dem Mondenscheine durch die Wiesen gingen und den Wagen am Wege halten liessen, ein jämmerliches Gewinsel. Wir näherten uns ungeachtet des tiefen Grases dem Orte, wo der Schall herkam, und fanden eine junge Weibsperson, welche die Schmerzen der Geburt kaum überstanden hatte und in einem hilflosen Zustande dalag. Herr R..., der bei uns war, fuhr den Augenblick in das nächste Landhaus, um ein Weib und andere Bedürfnisse für die Geburt herbeizuholen, und ich machte mich indessen um die Unglückliche so verdient, als es die notwendigkeit erforderte. Ich konnte aus ihrem Anzuge schliessen, dass sie keine der Vornehmsten und keine der Geringsten war; und ihre Jugend und ihre gute Bildung war genug, uns einen teil von ihrem Schicksale zu erklären, weil sie selbst nichts als etliche unvernehmliche Worte hervorbringen konnte. Herr R... kam mit einigen Weibern zurück, und wir liessen die unbekannte Elende auf unserm Wagen in das nächste Dorf bringen und kehrten zu fuss in die Stadt. "Nun", sprach der Graf, indem wir zurückgingen, "dieser Spaziergang ist viel wert. Wie schön wird sich's auf den Gedanken einschlafen lassen, dass wir zwoen Personen das Leben auf einmal erhalten haben! Das arme Mädchen ist vermutlich aus Furcht der Schande von ihrem Geburtsorte geflüchtet. Wer weiss, welcher Betrüger sie unter dem Versprechen der Ehe um ihre Unschuld gebracht hat." Ich fuhr mit anbrechendem Tage nebst Karolinen auf das Dorf, und wir fanden die Unglückliche, mit ihrem kind auf den Armen, in Tränen zerfliessen. Sie war nicht allein wohlgebildet, sie war ausnehmend schön, und eine gewisse schamhafte Miene entschuldigte ihren Fehler zum voraus. "Die Liebe", sprach sie, "oder vielmehr ein Liebhaber hat mich unglücklicher gemacht, als ich zu sein verdiene. Ich habe mich mit ihm seit zwei Jahren versprochen; allein ein bejahrter Vormund, unter dem ich stehe, und der mir sein eigen Herz aufdringen wollte, hat unsre Verbindung verhindert. Mein Bräutigam, eines Pachters Sohn bei Leiden, hat mich mit meinem Willen entführt und mir versprochen, sich im Haag mit mir niederzulassen und die Handlung zu treiben. Als wir gestern morgens in die Gegend kamen, wo ihr mich angetroffen, sah ich mich durch eine Unpässlichkeit genötiget, vom Wagen abzusteigen. Mein bis dahin getreuer Liebhaber führte mich in dem Feld herum, um mich durch die Bewegung wieder zu mir selber zu bringen. Ich musste mich endlich niedersetzen, und sobald er sah, was mir vor ein Schicksal bevorstund, verliess mich der Boshafte unter dem Vorwande, mir jemanden zu Hilfe zu rufen. Ich habe also den ganzen Tag auf seine Zurückkunft vergebens gewartet und bin mehr durch das Entsetzen über seine Untreue als durch die unglückliche Frucht meiner Liebe in den sinnlosen Zustand gekommen, in dem ihr euch gestern meiner so grossmütig angenommen. Man kann keine grössere Bosheit begehen, als er an mir begangen hat. Er hat mir mein Geschmeide, das mein ganzer Reichtum war, und das wir im Haag zu Gelde machen wollten, mitgenommen. Dennoch hasse ich ihn noch nicht, ja ich würde es ihm mit Freuden vergeben, dass er mich mit der Gefahr meines Lebens verlassen hat, wenn ich nur wüsste, dass es ihn reute." – Ich suchte sie zu beruhigen und versprach ihr, wenn ihr Liebhaber binnen acht Tagen nicht wiederkäme, sie zu mir zu nehmen und sie und ihr Kind zu versorgen. Er kam nicht, und ich erfüllte mein Wort und liess das Kind auf dem dorf erziehen.

Der Graf war nunmehr ein halb Jahr lang bei mir und hatte nicht das geringste Verlangen, in sein Vaterland zurückzufahren, wenn ihm auch die Erlaubnis dazu wäre angeboten worden. Über dieses wusste er, dass der Prinz, dem er sein Unglück zu danken hatte, noch lebte und bei dem Könige in dem grössten Ansehen stunde; und was brauchte er mehr, als dieses zu wissen, um an keine Rückkehr zu denken? Aber dass Steelei nicht kam, und dass er auf