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wusste dieses Feuer so geschickt zu dämpfen, dass nichts als Grossmut und eine lebhafte Zärtlichkeit aus seinen Mienen hervorleuchtete. Er war vortrefflich gewachsen. Ich will ihn nicht weiter abschildern. Man verderbt durch die genauen Beschreibungen oft das Bild, das man seinen Lesern von einer schönen person machen will. Genug, mein Graf war in meinen Augen der schönste Mann.

Nicht lange nach unserer Vermählung musste mein Gemahl zu seinem Regimente. Sein Vater, der bei einem hohen Alter noch munter und der angenehmste Mann war, wollte mir die Abwesenheit meines Gemahls erträglich machen und reisete mit mir auf seine übrigen Güter. Auf dem einen traf ich eine sehr junge und schöne Frau an, die man für die Witwe des Oberaufsehers der Güter ausgab. Die Frau hatte so viel Reizendes an sich und so viel Gefälliges und Leutseliges in ihrem Umgange, dass ich ihr auf den ersten Anblick gewogen und in kurzer Zeit ihre Freundin ward. Ich bat, sie sollte mich wieder zurückbegleiten und bei mir leben. Sie sollte nicht meine Bediente, sondern meine gute Freundin sein. Und wenn sie nicht länger bei mir bleiben wollte, so wollte ich ihr eine ansehnliche Versorgung schaffen. Sie nahm diesen Antrag mit Tränen an und schützte bald ihren kleinen Sohn, bald die Lust zu einem stillen Leben vor, warum sie mir nicht folgen könnte. Sie ging mir indessen nicht von der Seite und bezeigte so viel Ehrerbietung und Liebe gegen mich, dass ich sie hundertmal bat, mir zu sagen, womit ich ihr dienen könnte. Allein sie schlug alle Anerbietungen recht grossmütig aus und verlangte nichts, als meine Gewogenheit. Der alte Graf wollte wieder fort, und indem mich die junge Witwe an den Wagen begleitete, so sah ich ein Kind in dem untersten Gebäude des Hofes am Fenster stehen. Ich fragte, wem dieses Kind wäre. Die gute Frau kam vor Schrecken ganz ausser sich. Sie hatte mich beredt, dass ihr Sohn unlängst die Blattern gehabt hätte. Und damit ich mich nicht fürchten sollte, so hatte sie mir ihn bei meinem Dasein, ungeachtet meines Bittens, nicht wollen sehen lassen. Allein ich sah, dass diesem Knaben nichts fehlte, und ich liess nicht nach, bis man ihn vor mich brachte. Hilf Himmel! wie entsetzte ich mich, als ich in seinem gesicht das Ebenbild meines Gemahls antraf. Ich konnte kein Wort zu dem kind reden. Ich küsste es, umarmte zugleich seine Mutter und setzte mich den Augenblick in den Wagen. Der alte Graf merkte meine Bestürzung und entdeckte mir mit einer liebreichen Aufrichtigkeit das ganze Geheimnis. "Die Frau," sprach er, "die Sie gesehen haben, ist die ehemalige Geliebte Ihres Gemahls. Und wenn Sie dieses Geständnis beleidiget, so zürnen Sie nicht sowohl auf meinen Sohn als auf mich. Ich bin an der Sache schuld. Ich habe ihn von Jugend auf mit einer besonderen Art erzogen, die Ihnen in manchen Stücken ausschweifend vorkommen dürfte. Mein Sohn musste in mir nicht sowohl seinen Vater, als seinen Freund lieben und verehren. Er durfte mich nicht fürchten, als wenn er mir etwas verschwieg. Daher gestund er mir alles, und ich erhielt dadurch gelegenheit, ihn von tausend Torheiten abzuziehen, ehe er sie beging, oder doch, ehe er sich daran gewöhnete. Ich wusste, ehe ich meinen Sohn auf Reisen schickte, dass er ein gewisses Frauenzimmer von bürgerlichem stand liebte, welches meine Schwester als eine Waise sehr jung zu sich genommen und, weil das Kind viel Lebhaftigkeit besass, in der Gesellschaft ihrer einzigen Tochter wohl hatte erziehen lassen. Mein Sohn hatte mir aus dieser Liebe nie ein Geheimnis gemacht. Er bat mich, da er seine Reisen antrat, dass ich ihm erlauben möchte, dieses Frauenzimmer als seine gute Freundin mitzunehmen. Kurz, ich war entweder zu schwach, ihm diese Bitte abzuschlagen, oder ich willigte mit Fleiss darein, um ihn von den gefährlichen Ausschweifungen der Jugend durch ihre Gesellschaft abzuhalten. Und dieses ist ebendas Frauenzimmer, das Sie jetzt gesehen und nach der gemeinen Rede für eine Witwe gehalten haben. Sie besitzt sehr gute Eigenschaften, und ich habe ihr zehntausend Taler ausgesetzt, damit sie heiraten kann, wenn es ihr beliebet. Für ihren Sohn habe ich auch etwas Gewisses zu seiner Erziehung bestimmt. Und wenn Ihnen diese Frau gefährlich scheint, so will ich sie binnen wenig Tagen nach Livland auf meine Güter schicken und ihr daselbst alle mögliche Versorgung verschaffen."

Man glaube ja nicht, dass ich die ehemalige Geliebte meines Gemahls zu hassen anfing. Nein, ich liebte sie, und die Liebe besänftigte die Eifersucht. Ich bat, dass er sie mit einer anständigen Heirat versorgen und sie entfernen möchte. Bei unserer Zurückkunft traf ich meinen Gemahl schon an. So sehr ich von der Gewissheit seiner Liebe versichert war, so konnte ich doch nicht ruhig werden, bis ich ihn durch allerhand kleine Kaltsinnigkeiten nötigte, ein Geheimnis aus mir herauszulocken, das mein Herz nicht umsonst entdecket haben wollte. Er erschrak und beklagte sich über die Unvorsichtigkeit seines Vaters, dass er mich an einen Ort geführt hätte, der unsrer Zärtlichkeit so nachteilig sein könnte. Er gab den Augenblick Befehl, dass man dieses Frauenzimmer nebst ihrem Sohne entfernen und alles, was sie verlangte, zu ihrem Unterhalte ausmachen sollte. Dieses geschah auch binnen acht Tagen. Ich konnte keine deutlichere probe von seiner Treue verlangen, und es war mir unmöglich, ihn wegen dieser Sache auch nur einen Augenblick zu hassen, ob ich mich gleich von