reisten ab, und ich war wirklich willens, Steeleis Ankunft zu erwarten. Doch die Liebe siegte über die Freundschaft, und das Verlangen, Euch zu suchen, machte mir meinen Aufentalt in Moskau unerträglich. Ich wollte fort, ohne zu wissen wohin. Der Handel in die schwedischen land war noch verboten. Ich wollte nach Dänemark, weil ich mir einbildete, dass Ihr Euch vielleicht dahin gewendet haben würdet; allein Tompson beredete mich, dass ich mit einem holländischen Schiffe, dessen Ladung er in Kommission hatte, und das in Archangel segelfertig lag, nach Holland gehen sollte. Er gab mir eine Adresse an den Kaufmann mit, dem die Waren des schiffes gehörten, und versprach mir, dass er die Briefe von Steelein an ihn einschlagen wollte; ich aber sollte bei diesem mann die Nachricht zurücklassen, wo ich mich von Holland aus hinwenden würde, damit mich Steelei bei seiner Zurückkunft zu finden wüsste. Ich ging also in der sechsten Woche nach meiner Ankunft in Moskau mit dem Schiffe fort, das mich so unvermutet und glücklich zu Euch gebracht hat. Ehe ich Moskau noch verliess: so gab ich Tompson funfzig Taler, um sie nach meiner Abreise unter etliche von meinen gefangenen Landsleuten auszuteilen."
Dies ist das meiste von dem, was mir mein Gemahl über seine schriftlichen Nachrichten von seinem Aufentalte in Siberien erzählt hat. Ich habe es hin und wieder zusammengezogen und das, was zur Geographie oder zur Historie dieses Lands gehört, mit Fleiss übergangen, weil ich keine Reisebeschreibung machen wollen. Es hat sich auch seit der Zeit in diesem Reiche vieles verändert, besonders seit der Erbauung der Stadt Petersburg und den grossen Anstalten Peters des ersten, die sowohl in die natur des Landes als in die Gemütsart der Einwohner einen grossen Einfluss gehabt haben.
Ich eile nunmehr zu dem letzten Perioden dieser geschichte, nämlich zu dem, was nach der Rückkunft meines Gemahls erfolgt ist. Wir lebten in unserer zweiten Ehe, wenn ich so reden darf, vollkommen zufrieden, und mein Gemahl schmeckte auf sein erlittenes Ungemach die Freuden der Liebe und der Ruhe gedoppelt. Er blühete in meinen Armen wieder auf und bekam die erste Lebhaftigkeit wieder, von der ihm das Unglück einen grossen teil entzogen hatte. Die ersten Monate verstrichen uns in der Gesellschaft der Karoline und des Herrn R... meistens unter wechselseitigen Erzählungen. Nichts war kläglicher, als da ich ihm einsmals meine Heirat und die geschichte meiner Ehe mit dem Herrn R..., und zwar in dem Beisein desselben umständlich erzählen sollte. Der Graf hatte mich die ganze Zeit über bei der Hand, als wollte er mir einen Mut einsprechen. Ich fing die Erzählung mit vieler Dreistigkeit an. Ich war von der Liebe meines Grafen völlig überzeugt. Ich wusste, dass ich ihm niemals untreu geworden sein würde, wenn ich nur die geringste Nachricht von seinem Leben gehabt hätte. Allein alles dieses langte nicht zu, mich in meiner Erzählung zu unterstützen. Ich wollte aufrichtig und doch auch behutsam sprechen; und je mehr ich redete, desto mehr fühlte ich, wieviel Beleidigendes diese geschichte für den Grafen in sich hatte, und wieviel Kränkendes für mich und für den Herrn R... Ich ward verzagt. Der Graf gab mir die teuersten Versicherungen, dass er durch nichts beleidiget würde; allein ich kam nicht weiter, als bis auf die Geburt meiner Tochter. Ich sammelte alle meine Kräfte; ich fing zehnmal wieder an; doch mein ganzes Herz weigerte sich, mich fortfahren zu lassen; ich schwieg. "Nun", sprach der Graf mit einer liebreichen Miene, "diese kleine Marter, die ich Euch jetzt gemacht habe, das soll die Strafe für Eure Untreue sein," und umarmte mich. "Und Ihr, mein lieber R...", fuhr er fort, "schlagt Eure Augen immer wieder auf und seht zu Eurer Strafe Eure vorige Gemahlin in meinen Armen." Er küsste ihn, und ich musste es auch tun. "Nein," sprach er, "sie hat Euch geliebt, und Ihr habt es verdient, und wenn ich sterbe, so liebt sie Euch wieder. Wir haben uns alle kein Vergehen, sondern nur das Unglück vorzuwerfen. Karoline (sie sass bei mir), seht nur, wie Euch meine Gemahlin betrachtet. Kann sie sich wohl besser an mir rächen, als durch Eure Gegenwart?"
Ich war unermüdet, dem Grafen alle die augenblicke zu ersetzen, die er ohne mich zugebracht. Ich kam selten von seiner Seite und sann bei jeder gefälligkeit, die ich ihm erweisen konnte, schon auf eine neue. Wenn wir unser Herz ausgeredet hatten: so las ich ihm etwas vor, und wenn ich nicht mehr lesen konnte, so tat er's. Diese glückliche Beschäftigung mit dem geist der besten Skribenten, die der Graf so lange entbehrt hatte, nahm uns den grössten teil des Tages weg und breitete ihr Vergnügen über unsere gespräche, über unsere Mahlzeiten und über alle unsere Zärtlichkeiten aus. Wir hielten keine Gesellschaften und fühlten doch nie die Beschwerlichkeit der Langenweile. Wenn wir mitten in unsern Vergnügungen recht empfindlich gerührt sein sollten: so dachten wir unserm Schicksale nach. Diejenigen, die niemals unter grossen Unglücksfällen geseufzt haben, wissen gar nicht, was für eine Wollust in diesen Betrachtungen zu finden ist. Man entkleidet sich in solchen Augenblicken von allem seinen natürlichen Stolze; man sieht, indem man sein Schicksal durchschaut, sein Unvermögen, sich selber glücklich zu