Ich küsste ihm die Hand aus einer wahren Dankbarkeit und bat um seine fernere Gnade für Steelein. 'Wenn ich lebe,' sprach er, 'so soll es ihm nicht schlechter ergehen als zeiter.' Er hiess mich niedersitzen (eine Ehre, die er mir zum ersten Male erwies) und sagte, dass er noch viel mit mir zu reden hätte; allein seine Schmerzen meldeten sich so heftig, dass er mir winkte, ihn zu verlassen. Ich tat es und wiederholte seiner Gemahlin im Herausgehen durch eine dankbare Miene die Grösse meiner Verbindlichkeit und ihrer Wohltat. 'Lebt wohl, mein Herr', sprach sie und wandte sich den Augenblick wieder zu ihrem Gemahle. Sobald ich wieder bei Steelein war, so schrieb ich an meine Erretterin, weil ich dieser grossmütigen Seele nicht mündlich hatte danken können. Ich gab den Brief dem Juden, der unterdessen die Wechsel besorgt und mir Pelze und andere Notwendigkeiten geschafft hatte, um mich vor der grossen Kälte zu schützen. Nunmehr war alles verrichtet, und nun überliess ich mich meinem Freunde die ganze Nacht hindurch. Wir redeten, wir weinten und empfanden alles, was wir nach unsern verschiedenen Umständen empfinden konnten. Der Morgen übereilte uns und ebenso der Mittag, und wir hatten bis auf den letzten Augenblick einander noch, ich weiss nicht was, zu sagen. Der Jude kam und sagte, dass die Schlitten, die mich nebst den übrigen Befreiten fortführen sollten, gleich zugegensein würden. Wir nahmen Abschied, ohne zu reden, und ich vergass mich in den Armen meines redlichen Steeleis, bis mich die Aufforderung der Wache von ihm losriss. Er stiess mich fort, und in dem Augenblicke wollte er mir auch nachlaufen; allein man verschloss die tür, und mein Jude führte mich bis in den Schlitten und rief mir noch die freundschaftlichsten Wünsche nach.
Ich ward nebst drei andern auf einen Schlitten gesetzt, denen Hoffnung und Freude aus den Augen leuchteten. Ich kann nicht sagen, was in den ersten Stunden, ja fast in den ganzen ersten beiden Tagen in meiner Seele vorging. Ein Übermass von freudigen Wallungen und betrübten Regungen überströmte mein Herz wechselweise. Man begegnete uns an den Orten, wo wir frische Renntiere bekamen, nicht so verächtlich als damals, da wir auf dem Wege nach Siberien waren. Meine Gesellschafter waren drei Russen. Sie hatten Geld und versorgten sich an allen Orten mit so vielem Branntweine, dass sie auf der ganzen Reise fast nicht nüchtern wurden. Sie haben mich indessen nie mit Willen beleidigt, und ich würde ihre Freundschaft erhalten haben, wenn ich mit ihnen getrunken hätte. Wir waren zu Ende des Märzes in Moskau. Ich ward in ebendas Haus gebracht, in dem ich vor fünf Jahren verwahrt gesessen hatte, und fand den vorigen Gefangenwärter noch. In drei Tagen ward ich völlig losgelassen und bekam einen Pass, und nun konnte ich mich hinwenden, wo ich hin wollte. Ich hatte meine Wechsel noch alle und begab mich nunmehr zu den englischen Kaufleuten, welche Steelein vor dem beigestanden hatten, und übergab dem einen, welcher Tompson hiess, ein Billett von ihm. Er nahm mich sehr liebreich auf und sagte mir, dass ihm Steeleis Unglück, nach Siberien verwiesen zu werden, durch den Gefangenwärter wäre hinterbracht worden, dass er's alsbald nach London an seine Freunde gemeldet und seit drei Jahren verschiedene Briefe an den englischen Agenten in Moskau erhalten hätte. Zu diesem gingen wir den andern Tag. Der Agent war der liebreichste Mann von der Welt. Er wies mir die beweglichsten Briefe, die Steeleis Vater an ihn geschrieben hatte. Er wies mir die Memoriale, durch die er bei dem Senate um meines Freundes Befreiung angehalten, und versicherte mich, dass er sie bei der Zurückkunft des Zars, die bald erfolgen sollte, gewiss auszuwirken hoffte. Der englische Gesandte in Schweden hatte ebenfalls an ihn geschrieben und ihn gebeten, alles zu Steeleis Befreiung beizutragen. Er gab mir die Briefe, die er aus London an ihn erhalten hatte, und Tompson führte mich nunmehr zu den Juden, um meine Wechsel zu heben. Ich bekam binnen zehn Tagen mein Geld, zu dem mir Tompson doch wenig Hoffnung gemacht hatte, und büsste nicht mehr als einen Wechsel von hundertundfunfzig Rubeln ein. Der Jude, der mir ihn bezahlen sollte, war in die elendesten Umstände geraten, und seine Mitbrüder versicherten mich, dass sie binnen einem Jahre das Geld für ihn erlegen wollten, wenn er's nicht tun könnte. Ich zerriss darauf den Wechsel und gab dem armen Juden noch zehen Taler von dem übrigen Gelde. Ich bat sie, dass sie mir etliche Briefe an ihren Korrespondenten nach Siberien, von dem ich die Wechsel empfangen, bestellen sollten. Sie sagten mir, dass drei von ihnen ihrer Geschäfte wegen selbst nach Tobolskoy reisen würden, und wenn ich mich zwei Monate hier aufhalten könnte: so wollten Sie mir durch die Antwort beweisen, ob sie ihr Wort gehalten hätten. Ich schrieb an meinen Freund; doch ehe der Brief fortging, liess mich der Agent rufen und sagte mir, dass er endlich so glücklich gewesen wäre, sich um seinen Landsmann verdient zu machen; seine Befreiung wäre in dem Senate unterzeichnet worden, und er hatte das Versprechen erhalten, dass Steelei binnen drei oder vier Monaten aus Siberien zurückgebracht und freigelassen werden sollte. Ich dankte dem Agenten nicht anders, als ob er mir diese Wohltat selbst erwiesen hätte, und eilte, meinem Freunde diese freudige Nachricht zu melden. Die Juden