nach London und an den englischen Gesandten nach Schweden geschrieben und keine Antwort erhalten. Die Gemahlin des Gouverneurs hatte ich seit der Zeit, da sie mir das grossmütige Geschenk gemacht, mit einem Worte, seit dem ersten Male nicht wiedergesehen. Alles dieses machte uns niedergeschlagen; und je erträglicher unsere Gefangenschaft war, desto mehr meldete sich der Wunsch in uns, ihrer gar los zu sein. Und mit was für Rechte konnten wir dies hoffen, da der Krieg mit den Russen und Schweden noch immer fortdauerte? Ich stand eben um die Mittagszeit mit Steelein an unserm kleinen Fenster, als ich den Juden mit schnellen Schritten über den Hof durch den tiefsten Schnee laufen sah. Er pflegte um diese Zeit nie zu kommen, und ich schloss aus seiner freudigen Miene, dass er mir einen Brief von seinem Korrespondenten, dem polnischen Juden, bringen würde. Er brachte mir auch einen Brief, aber von der Gemahlin des Gouverneurs. Sie schrieb mir folgendes." Der Graf las mir darauf einen Brief, den ich noch besitze. Ich will ihn hier einrücken.
'Mein Herr!
Ich melde Ihnen eine Nachricht, die ich Ihnen lieber mündlich erteilen möchte, damit ich das Vergnügen hätte, Ihre Freude mit anzusehen und zu geniessen. Sie sind frei. Der Befehl wegen Ihrer Befreiung ist gestern mit den neu angelangten Gefangnen angekommen, und Sie sollen morgen nebst vier andern Verwiesenen wieder auf die Art zurück nach der Stadt Moskau gebracht werden, wie Sie hiehergebracht worden sind. Alsdann haben Sie die Erlaubnis, sich hinzuwenden, wo Sie hin wollen. Ich habe Ihnen Ihre Freiheit durch eine von meinen Freundinnen bei hof ausgewirkt. Mein Gemahl weiss es nicht, dass ich mich Ihres Unglücks angenommen habe, und er soll es auch nicht wissen; auch nicht die Welt. Ich bin zufrieden, dass Sie es wissen. Und vielleicht wäre mein Dienst viel grossmütiger, wenn ich Ihnen solchen nicht selbst bekanntgemacht hätte. Ich war es willens; allein ich war Tat zu unternehmen als sie zu verschweigen. Vergessen Sie diese kleine Eitelkeit, durch die ich mich für meine guten Absichten selbst belohnt habe. Ich zweifle, dass ich das Vergnügen haben werde, Sie vor Ihrer Abreise noch zu sprechen, wenigstens doch nicht allein. Ich wünsche Ihnen also mit der grössten Aufrichtigkeit das Glück, Ihre Gemahlin bald wiederzufinden. Wie wird sie mich lieben, dass ich ihr ihren Grafen wiedergeschafft habe! Für Ihren Freund, den Sie hier zurücklassen, will ich sorgen. Leben Sie wohl und schreiben Sie mir künftig, ob Sie Ihre Gemahlin angetroffen haben. Wenn meine Wünsche erfüllet werden: so hoffe ich das betrübte Land, aus dem Sie eilen, noch mit meinem vaterland zu verwechseln. Doch nein, ich Unglückliche werde wohl hier mein Leben beschliessen müssen. Schreiben Sie mir ja! Ich habe noch eine Stiefschwester in Kurland, an die ich Ihnen den beiliegenden Brief mitgebe. Sollten es Ihre Umstände verlangen: so glaube ich, dass Sie sehr gut bei ihr aufgehoben sind. Sie ist eine Witwe; doch habe ich seit zwei Jahren keine Nachricht von ihr. Leben Sie noch einmal wohl!
Amalia L...'
Diesen Brief las ich und taumelte vor Freuden in Steeleis arme und wollte ihm sagen, was darinne stünde; allein er wartete meine Entzückungen nicht ab. Er riss mir ihn aus der Hand und las ihn. Ich legte mich mit dem kopf auf seine Achsel, um die Bewegungen nicht mit anzusehen, die ihm die Nachricht von meiner Befreiung und seiner fortdauernden Gefangenschaft verursachen würde. 'Ihr seid frei', fing er an, 'und ich verliere Euch und bleibe noch ein Gefangner und werde noch unglücklicher als zuvor? Das ist schrecklich. Hat Euch der Himmel lieber als mich? Doch ich werde Zeit genug zu meinen Klagen haben, wenn Ihr nicht mehr bei mir seid. Ich weiss, dass es Euch unmöglich ist, mich zu vergessen. Nein,' fiel er mir um den Hals, 'Ihr vergesst mich nicht!' Ich konnte ihm vor Wehmut lange nicht antworten, und mein Stillschweigen, das doch nichts als Liebe war, machte ihn so hitzig, als ob ich schon die grösste Untreue an ihm begangen hätte. Ich liess seinen Affekt ausreden, und nach einem kleinen Verweise sah ich ihn beschämt und gelassen genug, ihm mein Herz zu entdekken und ihn zu überführen, wie unvollkommen mir meine Freiheit ohne die seinige wäre. Ich nahm mit dem Juden die Abrede, dass er mir das Drittel von meinem Gelde zur Reise geben und das übrige für Steelein zurückbehalten und uns für seine Mühe, soviel er wollte, abziehen sollte. Der Jude war vorsichtiger als ich. Er sagte mir, dass ich wenig Bargeld mitnehmen sollte, weil ich in der Gefahr stünde, auf der Reise nach Moskau zehnmal darumzukommen. Er gab mir etwas weniges bar und tausend Taler und darüber in vier Wechseln an Juden in Moskau, damit ich, wenn ich einen verlöre, doch nicht um alles käme; so ehrlich handelte dieser Mann an mir. Ich ward noch vor dem Abend zu dem Gouverneur gerufen. Er lag an dem Podagra krank und kündigte mir meine Freiheit auf dem Bette im Beisein seiner Gemahlin an. Er reichte mir die Hand und sagte: 'Ich habe Befehl, Euch wieder nach Moskau zu schicken, und es soll morgen zu Mittage geschehen. Ich verliere Euch zwar ungern; aber reiset mit Gott und seid glücklicher, als Ihr bisher gewesen.'