1747_Gellert_024_36.txt

er mit leichter Mühe die Zahl von Zobeln zusammenbringen kann. Ich will auch alles für dich tun. Suche mir hier in der Nähe eine Höhle oder einen Baum aus, wo ich dem armen Fremden künftig etwas Honig und fisch und Brot hineinlegen kann.' Der Bruder verspricht es ihr und geht mit Steelein fort und weist ihm verschiedene Vorteile und auch einen Ort, wie ihn seine Schwester verlangt hatte. Diesen hatte sie zur Vorratskammer von ihren kleinen Wohltaten gemacht oder Steelein vielmehr entweder des Morgens oder des Abends da erwartet. Sie ist oft ganze halbe Tage bei ihm geblieben, und alsdann hat ihr Bruder ihres Liebhabers Arbeit verrichten müssen. Da Steelei das vortreffliche Herz seiner Schönen wahrgenommen: so hat er sich alle Mühe gegeben, sie zu bilden und ihre edlen Empfindungen von den rauhen Eindrückungen ihrer Erziehung zu reinigen. Sie hat, durch die Liebe ermuntert, im kurzen seine Meinungen und seine Sitten angenommen und so viel Verstand bekommen, dass er sich keine Gewalt mehr hat antun dürfen, ihr gewogen zu sein. Allein dieses Vergnügen hat für beide nicht lange gedauret, weil Steelei nach drei Monaten nebst etlichen andern Gefangnen in eine andre Gegend, zwanzig Werste von Pohem, verlegt worden. Von da ist er nach dem nach Tobolskoy abgerufen worden und hat also seine Freundin nie wiedergesehn.

Wir richteten, da wir nunmehr wieder beisammen waren, unsre Lebensart so gut ein, als es unsre Umstände zuliessen. Der Gouverneur hatte mir ein Reisszeug gegeben, und ich musste durch meine kleine Kenntnis, die ich in der Matematik hatte, seine Gewogenheit zu behaupten suchen. Ich unterwies Steelein in dem, was ich von diesen Dingen wusste, und da er die Rechenkunst, die ihm sein eigener Vater beigebracht, noch sehr gut verstund: so war er in einem halben Jahre in allen diesen Übungen so geschickt als ich. Wir arbeiteten also um die Wette, und der Gouverneur würde uns keine grössere Strafe haben antun können, als wenn er uns befohlen hätte, diese Beschäftigung nicht zu treiben und müssig zu sein. Allein er liess es uns nicht an Arbeit fehlen. Er gab uns Rechnungen, er gab uns tausend alte Risse, die wir abkopieren mussten; und ich glaube, dass kein verfallnes Schloss in Siberien und ganz Moskau mehr war, das wir nicht abgezeichnet haben. Er liess uns zwar nicht zu sich kommen; allein er besuchte uns fast alle Wochen selbst einmal. Wir belohnten diese Gnade mit der möglichsten Demut, und er belohnte sich für seine Herablassung dadurch, dass er alles besser wusste als wir und uns unmittelbar nach einem zu freundlichen Worte, das ihm entwischt war, einmal gebieterisch anfuhr. Steelei, so sehr ihn sonst der Geist des Widerspruchs und der Stolz seiner Nation belebt hatte, war jetzt viel gelassner. Er schwieg, sobald ihn der Gouverneur tadelte; allein damit war dieser nicht allemal zufrieden. Nein, Steelei musste reden und ihm in der unwahrsten Sache recht geben. Dieses ward ihm sehr sauer, und er tat es mit einer so gezwungnen Art, dass ihm oft der Schweiss darüber ausbrach, und dass ich würde haben laut lachen müssen, wenn wir an einem andern Orte, als in Siberien gewesen wären. Einsmals traf er uns an, dass wir Schach spielten. Steelei hatte die Steine mit dem Messer geschnitzt, und sie waren freilich nicht gar zu sauber gemacht. Der Gouverneur besahe sie und hielt ihm eine lange Rede, dass keine Symmetrie und keine Sauberkeit darinne zu finden wäre. Mein Freund gab es gern zu und entschuldigte sich, dass er keine Instrumente gehabt hätte. Aber das half alles nicht. 'Wenn sie recht schön sein sollten,' sprach der Gouverneur, 'so müssten sie sein, als wenn sie gedrechselt wären, und Ihr seht doch wohl, dass sie nicht so sind, dass sie hier zuviel, dort zuwenig, mit einem Worte, grob und schlecht geschnitten sind.' Dergleichen Anmerkungen konnte er ganze Stunden fortsetzen, und Steelei zitterte auf die Letzt vor dem Besuche dieses gebietrischen Pedanten. Er setzte sich oft, wenn wir zeichneten, neben uns und stopfte sich eine Pfeife von unserm Tabake ein. Wenn er ihn endlich mit vielem Appetit aufgeraucht hatte: so warf er die Pfeife hin und tat einen grossen Schwur, dass unser Tabak nicht das geringste taugte. Zuweilen pries er uns seine Wohltat, dass er uns die ordentlichen arbeiten erlassen hätte, und nötigte uns dadurch, ihn demütig zu bitten, dass er uns nicht wieder den andern Sklaven gleichmachen möchte. Oft kam er in dem grössten Zorne zu uns und fluchte auf die Gefangnen, ohne zu sagen, was geschehen war, und wir mussten seine unsinnige Hitze mit Ehrerbietung anhören. Ob wir ihm nun gleich unsere verbesserten Umstände zum teil zu danken hatten: so war er doch bei allen unsern Vorteilen noch unser beständiges Schrecken. Wir kannten seine unmässige Gemütsart und mussten alle Tage fürchten, dass es ihm einfallen könnte, uns voneinander zu trennen und wieder unter die andern Gefangnen zu stecken. Um diesem Unglücke zu entgehen, liess ich ihm durch den Juden, der mein Geld in den Händen hatte, ein kleines Geschenk nach dem andern machen.

Ein Jahr war verflossen, seitdem Steelei wieder bei mir lebte. Ich hoffte nun von einem Tage zum andern auf Briefe von Euch, weil der Jude, dem ich den meinigen mitgegeben, nach Tobolskoy handelte und mir also leicht eine Antwort übermachen konnte; allein ich hoffte vergebens. Steelei hatte ebenfalls binnen dieser Zeit