hat mir durch meinen lieben Juden versprechen lassen, dass ich Steelein gewiss zu mir bekommen sollte, zumal wenn er auch etwas von der Baukunst verstünde. Der Jude selbst steht nunmehr im Begriffe fortzureisen. Ich verliere sehr viel an diesem treuherzigen mann; doch ich will ihn gern verlieren, wenn er das Werkzeug ist, durch den Ihr von mir und ich von Euch eine Nachricht erhalte. Er kennt meinen wahren Stand, und er hat mir's auf die heiligste Art versprochen, weder mich zu verraten noch zu ruhen, bis er Euren Aufentalt in Livland ausfindig gemacht. In dieser letzten Absicht hat er hundert Taler zu Reisekosten von mir angenommen. Er kommt, der ehrliche Mann, und will Abschied nehmen und seinen Brief haben. Ich umarme Euch, wo Ihr auch seid, mit der treuesten Liebe. Möchten doch meine Umstände so bleiben, wie sie jetzt sind! so hoffe ich noch, Euch wiederzusehen und all mein ausgestandnes Elend in Euren Armen zu vergessen. Bittet den Himmel um diese Glückseligkeit. Ja, meine liebste Gemahlin, er wird sie uns noch schenken.
P.S. Ich habe, weil Steelei noch nicht zugegen ist, an seinen Vater nach London und auch an den englischen Gesandten nach Stockholm geschrieben und unter dem Namen Löwenhoek beiden von meines Freundes neuem Unglücke Nachricht gegeben." Dieses sind die beiden Briefe, die mein Gemahl in seiner Gefangenschaft an mich geschrieben. Er hat, von dem Abgange des letzten Briefes an, ungefähr noch andertalb Jahr in Siberien zugebracht. Ich will das übrige so erzählen, wie er mir's mündlich erzählet hat.
"Einige Wochen nach des Juden Abreise", sprach er, "ward ich zum Gouverneur geholt. Ich übergab ihm mit vieler Demut den Riss, den er mir zu machen befohlen hatte. Er war ziemlich wohl damit zufrieden; allein er war doch der Gouverneur und ich sein Gefangner. Kurz, er schämte sich, mir eine Art der Hochachtung äusserlich sehen zu lassen, die er mir vielleicht im Herzen nicht ganz abschlagen konnte. Er fragte mich, ob mir der Jude soundsoviel Geld zurückgelassen hätte, und ich beantwortete es mit ja. Darauf befahl er, dass der Gefangne hereintreten sollte; dieses war mein lieber Steelei, den ich fast seit vier Jahren nicht gesehen hatte. Ich vergass vor Freuden, dass ich vor dem Gouverneur stand, und lief auf Steelein mit offenen Armen zu. 'Er soll Euer Gesellschafter sein,' fing der Gouverneur an; 'allein wie lange, das kann ich Euch nicht sagen.' Ich verstund diese Sprache und bat, ob er sich nicht wollte gefallen lassen, dass ich tausend Taler zum Unterhalte meines Freundes erlegen dürfte. Er sagte, dass er sie zum Pfande, dass wir seine Gnade nicht missbrauchen würden, annehmen wollte. Der Jude, von dem ich die Anweisung bei mir hatte, ward gefordert und bezahlte die tausend Taler. Er erhielt zugleich die Erlaubnis, mich anstatt des abgereisten Juden zu besuchen und mich mit dem Notwendigen zu versehen. Nunmehr durfte ich an der Hand meines Steeleis, der noch wie in einem Traume war und nichts als etliche abgebrochne Worte zu mir gesprochen hatte, nach meinem Behältnisse eilen. Unsere erste Beschäftigung, als wir allein waren, bestund darinne, dass wir einander eine lange Zeit ansahen, ohne ein Wort zu sprechen. Alsdann suchte ich ihm Wäsche und eine Kleidung, womit mich der Jude noch vor der Abreise versorget hatte; allein er war nicht vermögend vor trunkner Freude, sich allein anzukleiden, ich musste ihm helfen. Er sah die Sachen, die ich ihm gab, recht mit Erstaunen an, als ob er ihren Gebrauch vergessen hätte. Da er endlich angekleidet war: so betrachtete er sich mit unersättlichen Augen und weinte. Ich hatte ihn schon oft gefragt, wie es ihm gegangen wäre; und er hatte mir nichts geantwortet als: 'wie es mir gegangen ist, mein lieber Graf, wie es mir gegangen ist?' Ja, ich würde ihm, ungeachtet meiner Neugierigkeit, doch nicht haben zuhören können, wenn er mir auch meine fragen beantwortet hätte; so bestürmt war ich von den Trieben der Freundschaft und der Freude. Ich reichte ihm ein halbes Glas Wein, denn mehr hatte ich nicht, und erinnerte ihn, wie er mich einmal in Moskau damit traktiert hätte. Wir wurden nach und nach unsrer mächtig. Wir hatten einander so viel zu erzählen, dass wir nicht wussten, wo wir anfangen sollten. Unter diesen Unterredungen verstrichen ganze Tage und Nächte, und ebensoviel unter den Wiederholungen unserer begebenheiten. Steelei hatte in seinem Elende weit mehr erlitten als ich. Ohne Mitleiden, ohne Freund, war er die ganze Zeit ein Sklave und, was noch mehr ist, ein Gefährte des boshaften Mitgefangnen, des Knees Eskin, gewesen. Dieses Ungeheuer hat ihm seine Hütte des Abends zur Hölle gemacht, wenn er den Tag über die Last der Sklaverei überstanden. Von tausend niederträchtigen Streichen, vor welchen die natur erschrickt, will ich nur einen erzählen. Steelei war krank worden und hatte sich etliche Tage nicht von seinem Lager aufrichten können. Er hatte sich also genötigt gesehen, da Eskin des Abends aus den Wäldern zurückgekommen, ihn zu ersuchen, dass er ihm das Gefäss mit wasser reichen möchte, weil ihn sehr durstete. 'Also durstet Euch recht sehr?' spricht Eskin. 'Das ist mir lieb. Es hat mich vielmal auch gedurstet, und Ihr seid