die Barbarei die Stelle der Tugend zu vertreten scheint. Ich würde diesen Mittag mit Ihnen speisen, wenn ich meinem Willen folgen dürfte.' Darauf langte sie von der Tafel, die schon gedeckt war, eine Flasche Wein und trank mir Eure Gesundheit zu. Ich ward von ihrer Grossmut bis zu den Tränen gerührt, und es war mir unmöglich, ihr meinen wahren Namen länger zu verschweigen. Ich warf mich zu ihren Füssen. 'Madame,' fing ich an, 'Sie verdienen, dass ich Ihnen auf den Knien für die Freundschaft danke, die Sie mir Unglücklichem schenken. Ich muss Ihnen alles sagen, wenn auch mein Bekenntnis mit der Gefahr meines Lebens verknüpft sein sollte. Alles ist wahr, was ich Ihnen erzählt habe, allein ich heisse nicht Löwenhoek. Nein, ich bin der Graf von G..., und ich bitte Sie bei Ihrer edlen Seele und bei meiner Gemahlin, meinen Namen nicht zu entdecken.' Sie hob mich freundlich auf, und ich erzählte ihr mein Unglück bei der Armee. 'O Gott!' rief sie, 'sind Sie der Graf von G...? Mein Gemahl hat Ihren Vater als Gesandten in Moskau gekannt. Unglücklicher Graf! Sagen Sie ihm ja nichts davon! Soviel ich Ursache habe, mit seiner Aufführung gegen mich zufrieden zu sein: so hat er doch gegen andere ein hitziges, rachgieriges Herz, und wie bald könnte es nicht geschehen, dass Sie ihn wider Ihren Willen beleidigten! Begegnen Sie ihm ja allezeit mit einer tiefen Unterwerfung, und alsdann am allermeisten, wenn er am gnädigsten mit Ihnen umgeht; ausserdem stehen Sie in der Gefahr, noch weit mehr zu erfahren. Er liebt das Geld, und es wird gut für Sie sein, wenn ihm der Jude von Zeit zu Zeit ein Geschenk macht. Ich habe kein Geld,' fuhr sie fort, 'um Ihnen zu dienen; allein ich habe Juwelen, von denen mein Gemahl nichts weiss; davon will ich Ihnen einige holen. Der Jude ist ein ehrlicher Mann und wird Ihnen doch wenigstens die Hälfte so viel dafür geben, als sie wert sind; allein ich wollte es nicht gern, dass Sie ihm sagten, von wem Sie solche bekommen hätten.' Sie brachte mir darauf zwo goldne Einfassungen, die, wie ich mussmasste, von ein paar Porträts abgenommen waren. Sie waren mit kostbaren Steinen besetzt. 'Nehmen Sie', sprach sie, 'dieses Geschenk als einen Beweis an, dass es mir nicht an dem Willen fehlt, Ihr Elend zu mindern. Ich zweifle, dass ich jemals wieder die gelegenheit erhalten werde, Sie allein zu sprechen; darum wiederhole ich Ihnen mein Mitleiden und meine Hochachtung und bitte Sie, auch alsdann in mir eine Freundin zu erkennen, wenn ich genötigt sein werde, die person einer Gebieterin anzunehmen. Begeben Sie sich nunmehr wieder in Ihren einsamen Aufentalt. Ich will sehen, ob ich's bei meinem Gemahle so weit bringen kann, dass Ihr Freund, von dem Sie mir erzählt haben, zu Ihrer Gesellschaft hieherverlegt wird. Gewiss kann ich's Ihnen nicht versprechen. Gehen Sie und leben Sie wohl, armer Graf!' Ich kehrte als im Triumphe zurück und hielt mich nunmehr unter den Händen der Barbaren für geehrt und glücklich; so sehr erfüllte das Mitleiden dieser so grossmütigen Seele mein Herz mit Hoheit und Hoffnung. Mein Jude besuchte mich den Tag darauf. Und ehe ich ihm erzählte, wie ich von dem Gouverneur aufgenommen worden: so sagte ich ihm, dass ich so glücklich gewesen wäre, in dem alten Kleide meines verstorbenen Freundes, das er, da er bei mir war, zurückliess, weil ich ihm ein neues gab, und das ich jetzt vor mir hingelegt hatte, einige Kostbarkeiten zu finden, wodurch ich ihm vielleicht die Kosten ersetzen könnte, die er als mein Freund für mich zeiter aufgewandt hätte. Er betrachtete die beiden Einfassungen mit Erstaunen und schien mein Vorgeben zu glauben. 'Das sind fürstliche Kostbarkeiten,' fing er an, 'und ich kann Euch meine Aufrichtigkeit nicht besser beweisen, als dass ich Euch sage, dass sie fünf- bis sechstausend Taler wert sind. Wollt Ihr mir sie anvertrauen: so will ich sie Euch bei einem Juden, der Steine einkauft, verhandeln.' – 'Ein Mann,' sprach ich, 'der mir so viel Gutes erwiesen hat, wie Ihr, verdient das grösste Vertrauen.' – 'Allein,' versetzte er, 'was wollt Ihr mit so vielem Gelde anfangen? Man könnte es Euch über lang oder kurz nehmen. Wisst Ihr, was ich machen will? Ich will das Geld, das ich dafür bekomme, bei einem Juden, der hier wohnhaft ist, niederlegen; er soll Euch nicht um einen Groschen betriegen. Ich will ihm und, wenn ich binnen acht Tagen wieder zurück nach Polen reise, auch dem Gouverneur sagen, dass ich Euch als dem Erhalter meines Lebens soundsoviel zu Eurer Versorgung und, wenn es möglich wäre, zu Eurer baldigen Befreiung zurückgelassen hätte.' Kurz, ich war alles zufrieden. Er verkaufte die Juwelen für fünftausend Taler und brachte mir tausend bar und das übrige durch eine Anweisung mit. Ich bot ihm für seine treuen Dienste zweihundert Taler an; allein er nahm sie unter keiner andern Bedingung, als dass er sie bei seiner Abreise dem Gouverneur schenken wollte, damit er mir günstig bliebe. Dies ist geschehen. Er