schon so lange gegangen war. Schreckliches Kleid, das noch hier vor meinen Augen hängt und mich an das vorige Unglück erinnert! Er brachte mir allerhand Decken und Pelzwerke zum Schlafen, wiewohl mich diese anfangs nur an dem Schlafe hinderten. Seine lange Gewohnheit, hart zu liegen, hatte sie fast unnützlich für mich gemacht. Er besuchte mich oft, und niemals, ohne mir eine Guttat zu erweisen. So sehr mein Zustand von dem vorigen unterschieden war: so war er mir doch nicht angenehm genug, weil ich ihn nicht mit Steelein oder mit Remourn teilen konnte. Von Steelein hatte mein Wohltäter auf mein Bitten die Nachricht eingezogen, dass er nach Pohem, vierzehn Tagereisen von Tobolskoy, gebracht worden wäre; ob er aber noch lebte, das konnte ich nicht erfahren. Der Jude hat mir ein Geschenk von einem Dutzend Dukaten gemacht, damit ich in seiner Abwesenheit etwas zu meiner Versorgung hätte. Ich wagte es und bat ihn, dass er drei davon Remourn überbringen oder ihm einige Erquickung dafür schaffen möchte, die übrigen hub ich in Gedanken für Steelein auf. Er tat es, und das war nicht genug: er brachte es noch denselben Tag dahin, dass Remour etliche Stunden zu mir gelassen wurde. Ich teilte mein Herz mit ihm und alles, was ich hatte. Ich hoffte dieses Vergnügen noch mehrmal zu geniessen: allein er ward darauf krank und starb; und ich erhielt nicht eher als etliche Stunden vor seinem tod die Erlaubnis, ihn zu besuchen, da er kaum noch etliche Worte stammeln konnte. Der Jude setzte, wie er mir versprochen hatte, seine Besuche fleissig fort. Er gab mir allerhand Anschläge, allerhand Nachrichten von dem Gouverneur und sagte mir, dass er bei dem Zar in grossen Gnaden stünde, dass er mit ihm in Deutschland gewesen wäre, dass seine Gemahlin aus Kurland gebürtig und eine Vertraute der Katarina gewesen sei. Er erzählte mir ferner, dass der Gouverneur ein grosser Liebhaber vom Bauen wäre, und dass ich, wenn ich etwas von der Baukunst verstünde, mir vielleicht gar seine Gnade erwerben würde. Dies war mir eine sehr angenehme Nachricht. Ich sagte ihm, dass ich zeichnen und Risse zu Gebäuden machen könnte; und wenn er mir die nötigen Sachen schaffte: so würde ich wenigstens eine Beschäftigung in meiner Einsamkeit mehr haben. Er tat es, und ich übte mich einige Wochen. Sobald ich einen nicht ungeschickten Riss fertig hatte, so trug ihn der Jude zum Gouverneur. Den andern Tag wurde ich schon zu ihm geholt. Er verstund zu meinem Glücke etwas von der Baukunst und würdigte mich als mein Befehlshaber etlicher freundlicher Mienen und unterredete sich mit mir bald auf deutsch, bald im gebrochnen Latein. Er erschrak, dass ich so fertig Latein sprechen konnte, und von diesem Augenblicke an schien er mich zu bedauern. 'Wenn es bei mir stünde,' sprach er, 'so wollte ich Euch die Freiheit schenken; allein Ihr seid auf zeitlebens nach Siberien verbannet, und ich kann nichts tun als Euch Eure Gefangenschaft erträglicher machen. Solange ich lebe, soll Euch alle Arbeit der Gefangnen erlassen sein, ohne dass der Jude etwas weiter für Euch bezahlt. Seid Ihr damit zufrieden?' Ich bedankte mich sehr ehrerbietig und sah ihn beweglich an. Ihr könnt leicht denken, warum ich ihn nunmehr bat. Ich nahm alle meine Beredsamkeit zusammen, um ihn zu bewegen, dass er einem Freunde von mir, der zugleich mit mir nach Siberien verwiesen worden und Steelei hiesse, ebendie Grossmut erzeigen sollte, die er mir erwiesen hätte. 'Ihr bittet mehr,' fing er an ' als mir zu tun freisteht. Ich will mich entschliessen. Jetzt könnt Ihr gehen und mir den Riss von dem Gebäude machen, von dem ich mit Euch gesprochen habe.' Indem er dieses noch sagte, trat ein sehr schönes Frauenzimmer mit einer viel versprechenden und grossmütigen Miene in das Zimmer. 'Wartet', rief er mir zu. 'Hier, meine Gemahlin,' fuhr er fort, 'ist der unglückliche Schwede, von dem ich Euch neulich gesagt habe. Wenn es Euch gefällt, so könnt Ihr selbst mit ihm reden und ihm etwas zu essen reichen lassen. Ich will ein paar Stunden auf die Jagd reisen.' Er ging fort, und seine Gemahlin redte auf eine sehr liebreiche Art mit mir und sagte, dass sie Ursache hätte, an meinem Unglücke teilzunehmen, weil ich, wie sie hörte, ein halber Landsmann von ihr wäre. Sie tat tausend fragen an mich und belohnte meine Erzählungen mit einer mitleidigen Aufmerksamkeit und mit einer Höflichkeit, die mir alle Furcht benahm, frei und edel mit ihr zu reden. Nichts hörte sie lieber als die vorteilhaften Beschreibungen, die ich ihr von Euch machte, und die Wünsche, Euch, meine Gemahlin, wiederzusehen. 'Ich bedaure Sie,' fing sie an, nachdem sie wohl zwo Stunden mit mir gesprochen hatte; 'und ich würde Ihren Verdiensten ein besser Schicksal anweisen, wenn ich dem hof näher wäre. Vielleicht ist es möglich, dass ich mit der Zeit etwas zur Rückkehr in Ihr Vaterland beitragen kann. Die ausnehmende Liebe, die Sie wider die Gewohnheit Ihres Geschlechts für Ihre Gemahlin haben, und Ihr Unglück sind genug, mich zu Ihrer Freundin zu machen, und ich kann Ihnen meine Hochachtung nicht entziehen, wenngleich Ihre Gebieter Ihnen als einem Sklaven begegnen. Gefällt Ihnen mein Mitleiden: so beruhigen Sie sich damit in einem land, wo