waren um desto glücklicher, weil die Russen kein Französisch verstunden. Er hatte die edlen Meinungen einer guten Erziehung im feld nicht verloren; und so unterschieden seine Gemütsart von der meinigen war: so machte uns doch das Unglück schon halb zu Freunden. Er hatte ein von natur ehrliches Gemüt, und das Misstrauen, das ich anfangs bei ihm merkte, verlor sich völlig, da er mein Herz kennen lernte. Ich bildete ihn auf unserm elenden und beschwerlichen Wege so, wie ich ihn haben wollte, und wie er sein musste, wenn er mir Steeleis Verlust einigermassen ersetzen sollte. Je näher wir Siberien kamen, desto unfreundlicher wurden wir an denen Orten aufgenommen, wo man uns weiter fortschaffen musste. Wir achteten die Niederträchtigkeiten, ich und Remour – so hiess der Franzose – kaum mehr, mit denen man uns begegnete. 'Wir bleiben doch rechtschaffne Leute,' sprach der Major immer zu mir, 'wenn uns gleich der Pöbel verunehrt.' Er, ich und die vornehmen Russen, wir waren einer so arm als der andere; und wenn wir auch etwas gehabt hätten: so würde uns doch der Pöbel oder unsere eigene Bedekkung nichts gelassen haben: so feindselig geht man mit denen um, die das Unglück haben, nach Siberien bestimmt zu sein. Wir hatten nichts als trocknes Brot, und auch damit waren wir zufrieden. Die Kälte quälte uns am meisten. Niemand empfand sie mehr als der arme Steelei an seinem misshandelten Körper. Nach ungefähr sechs oder sieben Wochen kamen wir in Tobolskoy an, wohin wir verwiesen waren. Wir fanden, dass ich's kurz sage, hier alles, was eine Gegend fürchterlich und das Elend eines ins Elend Verwiesenen traurig machen kann. Wir wurden dem Gouverneur vorgestellt, und ich hatte das Unglück, von meinem lieben Steelei getrennt zu werden; doch blieb mir Remour. Der Gouverneur legte uns allen nach der eingeführten Gewohnheit einerlei Schicksal auf, nämlich die elende Beschäftigung, Zobel zu fangen, deren Felle an den russischen Hof geliefert werden. Stellt Euch vor, was ein Mann von meinem stand und von meiner Gemütsart fühlen muss, der sich zu der niedrigsten Verrichtung verdammt sieht, der mit stumpfen Pfeilen in den Wäldern herumirren und Zobel erlegen oder sie mit Fallen fangen und unter den Befehlen solcher Menschen stehen muss, die nicht viel vernünftiger und oft grausamer als Tiere sind. Wenn nicht die grösste Plage durch die Länge der Zeit etwas von ihrer Last verlöre; wenn nicht die grössten Beschwerlichkeiten dem Körper endlich zur Gewohnheit würden oder – dass ich mehr sage –, wenn Gott denen, die ohne ihre Schuld unglücklich sind, nicht selbst ihr Schicksal durch ihre Unschuld und durch die geheimen Vergnügungen eines guten Gewissens in gewissen Stunden erleichterte: so würde mein Zustand in Siberien ein Stand der Verzweiflung gewesen sein. So elend jeder Tag verstrich: so fand ich doch wenigstens alsdann eine Beruhigung, wenn ich meinen Remour sehen und sprechen und das, was mir begegnet war, und auch das, was ich schon hundertmal gesagt hatte, in seine Seele ausschütten konnte. Ein Sklave zu sein, bleibt allemal das grösste Unglück; allein einen Freund in diesem Elende zum gefährten zu haben, ist zugleich die grösste Wohltat. Eine Umarmung, ein Wort, ein blick von ihm, alles ist ein Trost, der sich nicht ausdrücken lässt, alles ist Mitleiden; und was sucht ein unglückliches Herz, das der notwendigkeit, elend zu sein, unterworfen ist, mehr als Mitleiden? Ich würde undankbar gegen mein Schicksal sein, wenn ich, da ich Euch mein Ungemach erzähle, nicht auch der kleinen Annehmlichkeiten gedächte, die der Elendeste noch in seinen Umständen zuweilen empfindet. Die natur der Dinge scheint sich, dem Unglücklichen zu Gefallen, oft zu verändern; und das, was mir im Glücke eine Betrübnis gewesen sein würde, war mir im Unglücke ein Trost. Ich habe, seitdem ich so glücklich bin, weniger ein Sklave zu sein, diesen Spuren der Vorsehung oft mit tiefer Ehrfurcht, obgleich mit einem innerlichen Schauer nachgedacht. Vielmal habe ich, wenn ich der Verzweiflung am nächsten war und in der Ferne einen andern Verwiesenen erblickte, in diesem Augenblicke einen Trost gefunden. Der Tod selbst, der uns sonst so schrecklich scheint, ist mir tausendmal zur Wollust geworden, und der Gedanke von ihm, der uns sonst niederschlägt, hat mich unter der Last, unter der ich seufzte, recht göttlich aufgerichtet. Ich bin in der Vorstellung, dass ich in dieser oder jener Nacht vielleicht sterben könnte, oft so freudig eingeschlafen, als ob ich alles hätte, was ich wünschte. Und wenn ich um und neben mir kein Vergnügen erblicken konnte: so brachte mir die Religion doch oft die Freuden aus einer andern Welt herüber. Nachdem ich also drei Jahre in einer vollkommnen Knechtschaft zugebracht und gleich den andern Gefangnen mir das Brot aus den Händen meiner Gebieter durch eine gewisse bestimmte Anzahl der Tiere, die wir fingen, erkaufen müssen: so ereignete sich diese Begebenheit mit dem polnischen Juden. Dieser dankbare Mann, wie ich Euch schon erzählt habe, hat mich durch seine Fürbitte bei dem Gouverneur und durch sein erlegtes Geld von der Arbeit befreit. Er hat es nach und nach so weit gebracht, dass ich in ein lichter und geraumer Behältnis gekommen bin. Sobald ich dieses nur hatte: so suchte er mir meine Gefangenschaft noch mehr zu erleichtern. Er brachte mir ein bequemes Kleid und entriss mich dem groben und wilden Anzuge, in welchem ich nun