sollten. Ich glaube, dass ich länger als vierundzwanzig Stunden in einem Stücke geschlafen habe. Ich erwachte und sah meinen Freund mit aufgeschlagenen Augen neben mir liegen. Er fragte mich, wo Sidne wäre; denn er war weggeschafft worden, ehe Sidne starb. Ich konnte ihm nicht antworten. 'Ist er tot? ach, wenn doch Gott das wollte; so wäre er glücklicher als wir! So ist er nicht mehr in den Händen der Henker?' Ich sagte ihm, dass er tot wäre. Ich fragte ihn, ob er noch grosse Schmerzen empfände, und er fragte mich, ob ich sie noch sehr fühlte; denn er glaubte, dass ich seine Marter ebenfalls ausgestanden hätte. 'Also hat man Euch verschont?' fing er nach meiner Erzählung an. 'Nun bin ich doppelt zufrieden. Sidne ist tot, und Ihr habt meine Qual nicht gefühlt. Für beides müssen wir Gott danken.'
Ich konnte ihm die Nachricht von unsrer Verweisung nach Siberien nicht länger verschweigen. Ich sagte ihm, was ich von dem Aufseher gehöret hatte. Er schien durch das erlittene Unglück schon so unempfindlich geworden zu sein, dass ihn Siberien nicht mehr schreckte. Als ich aber davon anfing, dass man uns vielleicht noch grausamer begegnen würde: so rang er die hände. 'Nein, nein,' schrie er, 'lieber den Tod, tausendmal lieber, als jenes! Wollt Ihr noch leben, wenn man Euch so misshandelt?' Wir überliessen uns der Wut und der Verzweiflung vom neuen. Indem trat der Aufseher in unser Gefängnis und kündigte uns an, dass man uns morgen früh nach Siberien abführen würde. 'Wird man uns', rief Steelei, 'noch etwas mehr tun?' – 'Nein,' sprach der Russe, 'nichts mehr, ihr seid beide nur verurteilt, nach Siberien zur Arbeit verwiesen zu werden.' Nun schien uns das grösste Elend geringe zu sein, da wir nur hörten, dass man keine weitere Gewalt an uns ausüben wollte; und wir fanden in dem Verluste dieser Furcht eine Art des Trostes, den uns alles andre nicht hätte geben können. Steelei wollte dem Aufseher noch eine Belohnung geben, allein sein Geld war ihm genommen. Nachdem er lange gesucht, fand er endlich noch zwei Rubel. Er stunde vor Freuden zum ersten Male von seinem Lager auf und sagte dem Aufseher, dass er seinen Reichtum mit ihm teilen wollte. Dieser war auch so menschlich, dass er ihm die Hälfte zurückgab. Steelei fragte darauf, wo man den toten Körper des Sidne hingetan hätte, ob er ihn nicht noch einmal sehen könnte. Der Russe antwortete, dass man ihn schon an dem Orte eingescharret hätte, wo die Missetäter begraben würden. 'Er liege, wo er wolle,' fing er mit einem tränenden Ungestüm an, 'er ist doch ein ehrlicher Mann und mein Freund: es ist ihm unrecht geschehen.' – Ich rief ihm zu, dass er schweigen und sich aus Liebe zu seinem toten Freunde nicht noch unglücklicher machen sollte. Er fragte, ob es nicht noch möglich wäre, einen von seinen Landsleuten zu sprechen; aber daran war nicht mehr zu denken. Nunmehr nahm unser Aufseher Abschied. Wir dankten ihm unaussprechlich für seine Menschenliebe, ob wir sie gleich meistens erkauft hatten. Wir umarmten ihn und fragten ihn immer, ob es auch gewiss wäre, dass man uns nichts weiter tun würde. Er versicherte uns dieses mit dem grössten Eide, den sie in ihrer Sprache haben. Wir wollten ihm noch etwas Geld geben, dass er uns zu essen schaffen sollte; denn es war wohl der dritte Tag, dass wir nichts zu uns genommen hatten. Auf einmal ward er grossmütig und sagte, dass er uns zu essen und auch ein Glas Branntwein auf unsere traurige Reise und Steelein ein Pflaster über den Leib bringen wollte, welches ihm gute Dienste tun würde. Er hielt sein Wort und brachte uns, was er uns versprochen hatte. Wir assen den Abend ziemlich ruhig und ergaben uns in alles, was uns begegnen würde, weil wir sicher waren, dass uns fast nichts Schrecklichers begegnen konnte. Der Schmerz, den Steelei noch in dem leib fühlte, minderte sich durch das empfangne Pflaster. Der Morgen brach an, ohne dass wir geschlafen hatten, und man forderte uns zur Reise auf. Der Aufseher empfahl uns dem Offizier, der uns zu den übrigen acht Gefangnen führte, welche mit uns nach Siberien sollten gebracht werden, und welche, wie ich nachdem erfuhr, meistens vornehme Russen und wegen der Rebellion verdächtig waren. Wir wurden alle zehen auf zwei Fahrzeuge verteilt, und ich hatte gleich das Unglück, dass man Steelein von mir trennte und auf den andern Wagen wies. Mehr hatte zu meinem Elende nicht gefehlt. So wie wir auf einer Station ankamen, mussten wir auch wieder fortgebracht werden; also kam Steelei niemals zu mir, und ich habe auf dem ganzen Wege nichts als einzelne Worte mit ihm sprechen können. drei von meinen gefährten waren Russen, und ihre Herzen waren so wild als ihre Gesichter. Ihr Unfall machte ihre Gemüter nur mehr erbittert, und sie schämten sich, dass sie, als russische Knees, mit einem Schweden und einem Franzosen, denn dieser war mein vierter Gefährte, ein gleiches Unglück teilen sollten. Der Franzose, der Major gewesen war und sich unglücklicherweise seinem Obersten mit dem Degen widersetzt hatte, ward bald mein Vertrauter, und wir