Ich fing oft mit ihm an zu reden. Er erwies mir in meinen Gedanken allerhand Liebkosungen, und ich weigerte mich mit einer verschämten Art, sie anzunehmen. Vielen wird dieses lächerlich vorkommen, und ich habe nicht viel dawider einzuwenden. Eine unschuldige, eine recht zärtliche Braut ist in der Tat eine Kreatur aus einer andern Welt, die man nicht ohne Erstaunen betrachten kann. Ihr Vornehmen, ihre Sprache, ihre Mienen, alles wird zu einem Verräter ihres Herzens, je sorgfältiger sie es verbergen will. Ich ass und trank beinahe viele Wochen nicht, und ich blühete doch dabei. Ich sage es im Ernste, dass ich glaube, die Liebe kann uns einige Zeit erhalten. Ich ward viel reizender, als ich zuvor gewesen war.
Mein Vetter machte sich nunmehr mit mir auf die Reise nach Schweden. Es begleiteten mich verschiedene junge Herren und Fräuleins einige Meilen, und der Abschied von ihnen ward mir gar nicht sauer. Unsre Reise ging glücklich vonstatten; und es ist mir auf einem Wege von etlichen vierzig Meilen nicht das geringste begegnet, ausser dass mir jeder Augenblick bis zum Anblicke meines Grafen zu lange ward.
Ich kam also, wie ich gesagt habe, in Begleitung meines Vetters glücklich auf dem Landgute des Grafen an. Ich fand ihn viel liebenswürdiger, als er mir vor einem Jahre vorgekommen war. Man darf sich darüber gar nicht verwundern. Damals wusste ich noch nicht, dass er mich liebte; jetzt aber wusste ich's. Eine person wird gemeiniglich in unsern Augen vollkommner und verehrungswürdiger, wenn wir sehen, dass sie uns liebt. Und wenn sie auch keine besonderen Vorzüge hätte, so ist ihre Neigung zu uns die Vollkommenheit, die wir an ihr hochschätzen. Denn wie oft lieben wir nicht uns in andern? Und wo würde die Beständigkeit in der Liebe herkommen, wenn sie nicht von unserm eigenen Vergnügen unterhalten würde?
Mein Bräutigam, mein lieber Graf, erwies mir bei meiner Ankunft die ersinnlichsten Liebkosungen; und ich glaube nicht, dass man glückseliger sein kann, als ich an seiner Seite war. Unser Beilager wurde ohne Gepränge, mit einem Worte, sehr still, aber gewiss sehr vergnügt vollzogen. Manches fräulein wird diese beiden Stücke nicht zusammenreimen können. Dem zu Gefallen muss ich eine kleine Beschreibung von meinem Beilager machen. Ich war etwa acht Tage in Schweden und hatte mich völlig von der Reise wieder erholet, als mein Graf mich bat, den Tag zu unserer Vermählung zu bestimmen. Ich versicherte ihn, dass ich die Ehre, seine Gemahlin zu heissen, nie zu zeitig erlangen könnte; doch würde mir kein Tag angenehmer sein als der, den er selber dazu ernennen würde. Wir setzten, ohne uns weiter zu beratschlagen, den folgenden Tag an. Er kam des Morgens zu mir in mein Zimmer und fragte mich, ob ich noch entschlossen wäre, heute seine Gemahlin zu werden. Ich antwortete ihm mit halb niedergeschlagnen Augen und mit einem freudigen und beredten Kusse. Ich hatte nur einen leichten, aber wohlausgesuchten Anzug an. "Sie gefallen mir vortrefflich in diesem Anzuge", fing der Graf zu mir an. "Er ist nach Ihrem Körper gemacht, und Sie machen ihn schön. Ich dächte, Sie legten heute keinen andern Staat an." – "Wenn ich Ihnen gefalle, mein lieber Graf," versetzte ich, "so bin ich schön genug angeputzt." Ich war also in meinem Brautstaat, ohne dass ich's selber gewusst hatte. Wir redten den ganzen Morgen auf das zärtlichste miteinander. Ich trat endlich an das Clavecin und spielte eine halbe Stunde und sang auf Verlangen meines Grafen und meines eigenen Herzens dazu. Auf diese Art kam der Mittag herbei. Der Vater meines Grafen (denn die Mutter war schon lange gestorben, und die einzige Schwester auch) kam nebst meinem Vetter zu uns. Sie statteten ihren Glückwunsch ab und sagten, dass der Priester schon zugegen wäre. Wir gingen darauf herunter in das Tafelzimmer. Die Trauung ward sehr bald vollzogen, und wir setzten uns zur Tafel, nämlich wir viere und der Priester. Die Tafel war etwa mit sechs oder acht Gerichten besetzt. Dieses waren die Anstalten meiner Vermählung. Sie wird mancher Braut lächerlich und armselig vorkommen. Gleichwohl war ich sehr wohl damit zufrieden. Ich war ruhig, oder, besser zu reden, ich konnte recht zärtlich unruhig sein, weil mich nichts von dem rauschenden Lärmen störte, der bei den gewöhnlichen Hochzeitfesten zur Qual der Vermählten zu sein pflegt. Nach der Tafel fuhren wir spazieren, und zwar zu dem Herrn R., der meinen Gemahl auf seinen Reisen begleitet hatte und jetzt auf einem kleinen Landgute, etliche Meilen von uns, wohnte. Mein Gemahl liebte diesen Mann ungemein. "Hier bringe ich Ihnen", fing er zu ihm an, "meine liebe Gemahlin. Ich habe mich heute mit ihr trauen lassen. Ist es nicht wahr, ich habe vortrefflich gewählt? Sie sollen ein Zeuge von meinem und ihrem Vergnügen sein; kommen Sie, und begleiten Sie uns wieder zurück!" Wir fuhren also in seiner Gesellschaft wieder auf unser Landgut zurück, ohne uns aufzuhalten. Kurz, der Abend verstrich ebenso vergnügt als der Mittag.
Jetzt wundre ich mich, dass ich meinen Gemahl noch nicht beschrieben habe. Er sah bräunlich im gesicht aus und hatte ein Paar so feurige und blitzende Augen, dass sie einem eine kleine Furcht einjagten, wenn man sie allein betrachtete. Doch seine übrige Gesichtsbildung