Briefe nach der beigelegten Abschrift an den Sekretär dieses Gesandten; er ist Steeleis guter Freund. Ich würde noch nicht zu schreiben aufhören, wenn wir mehr Papier hätten. Wird Euch denn dieser Brief auch antreffen? Ja, ich hoffe es und tröste mich schon mit einer Antwort von Euch." – Mein Gemahl hat, wie er mir erzählte, in allen dreimal an mich geschrieben. Zweimal aus Moskau und einmal aus Siberien. Der andere Brief aus Moskau ist ganz verloren gegangen. Er ist ungefähr ein Jahr nach dem vorhergehenden und zu einer Zeit geschrieben gewesen, in der es ihm in seiner Gefangenschaft am erträglichsten gegangen. Steelei hatte nämlich durch seine Landsleute und durch ihr Geld den Aufseher der Gefangenen immer mehr gewonnen. Er hatte es so weit gebracht, dass sein Vetter Sidne ihm und meinem Gemahle beigesellet worden war. Durch den Beitritt dieses Unglückseligen, von dem in dem folgenden Briefe eine traurige Nachricht entalten ist, war ihr Ungemach einige Zeit sehr gemildert worden. Mein Gemahl hat mir von diesem Sidne nicht Gutes genug erzählen können. Er war von natur liebreich und furchtsam gewesen und bloss Steelein zuliebe ein Soldat geworden. Er hatte nach seiner natürlichen Beschaffenheit die Beschwerlichkeiten der Gefangenschaft empfindlicher gefühlt als sie beide; und so traurig er selbst gewesen war: so war er doch, wenn Steelei und mein Gemahl ihren Mut verloren hatten, aus Liebe für sie gelassen und ihr Beruhiger geworden. Der Brief, den mein Gemahl aus der Stadt Tobolskoy in Siberien an mich geschrieben, ist folgender:
"Liebste Gemahlin!
Ich hoffe, dass Ihr noch lebet, weil es mein Herz wünscht, und ich hoffe sogar, dass dieser Brief, den ich in dem entferntesten und schrecklichsten Teile der Ein polnischer Jude, der nach Tobolskoy handelt und im Begriffe steht, wieder nach Polen abzureisen, ist mein Freund und grosser Wohltäter geworden, und vielleicht wird er gar mein Befreier aus der Gefangenschaft. Ich habe ihm vor einem Jahre in einem nah an der Stadt gelegenen Gehölze, wo ich nach dem Willen meines Schicksals noch, wie andere Unglückliche, auf Zobel ausgehen musste, das Leben erhalten und ihn aus dem Schnee, in den er mit dem Pferde gefallen und fast schon erfroren war, mit der grössten Gefahr gerettet. Dieser Mann ist auf die edelste Art dankbar gewesen und hat mir bewiesen, dass es auch unter dem volk gute Herzen gibt, das sie am wenigsten zu haben scheint. Er hat nicht eher geruht, bis er mich vor den Gouverneur gebracht, bei dem er seines Reichtums wegen in Ansehen steht. 'Herr,' sprach er, 'dieser schwedische Offizier hat mir, wie Ihr wisst, das Leben erhalten, und ich habe Dankbarkeit und Geld genug, ihn zu ranzionieren.' Der Gouverneur antwortete, dass dieses nicht bei ihm stünde, und dass er ohne Befehl von dem hof keinen Menschen freigeben könnte. Darauf gab ihm der Jude einen Beutel mit Golde und bat, dass er mir die beschwerlichen Dienste eines ins Elend Verwiesenen erlassen möchte. Der Gouverneur versprach ihm dieses, doch unter der Bedingung, dass er täglich etliche Kopeken für mich erlegen sollte. Mein Wohltäter bezahlte das Geld mit Freuden auf ein ganzes Jahr voraus und bat sich zugleich aus, dass er mich in dem Gefangenhofe einen Tag um den andern besuchen dürfte. Doch ehe ich Euch meine itzigen Umstände weiter beschreibe: so muss ich Euch erst sagen, wie mir's seit drei Jahren in Siberien gegangen ist, und wie ich in dieses Land gekommen bin.
Wenn Ihr meinen letzten Brief aus Moskau erhalten habt: so werdet Ihr wissen, dass Sidne, Steeleis Anverwandter, nunmehr mit uns an einem Orte verwahret wurde. Das Geld, das Steelei von seinen Landsleuten aufs neue bekommen, langte einige Monate zu, unsere äusserlichen Umstände zu verbessern. Wir durften nicht bloss von der elenden Kost leben, die man den Gefangnen reichte. Wir konnten wenigstens zu Mittage etwas Bessers haben. Wir hatten dem Aufseher lange angelegen, uns einige englische oder französische Bücher zum Lesen zu verschaffen: allein wir erhielten keine. Er gab uns etliche russische Chroniken und einen Popen oder Geistlichen, der uns diese Sprache lehren sollte. Wie froh waren wir, dass wir etwas zu tun bekamen! Es waren sehr mittelmässige Bücher, und dennoch lasen wir sie wohl zehnmal durch. Wir konnten wenigstens, solange wir sie lasen, nicht an unser Elend denken, und dieser Vorteil war gross genug für die Mühe, die wir anwenden mussten, wenn wir die geschichte der alten barbarischen Fürsten in Russland verstehen wollten. Unser Pope vertrieb uns durch seinen Unterricht in der Sprache alle Tage etliche Stunden für ein geringes Geld. Er brachte endlich einige kleine Bücher mit, welche von der griechischen Religion handelten. Er war so unwissend darinne, als man nur sein kann. Steelei widersprach ihm nach seiner Gemütsart sehr oft, und so wenig er noch das Russische sprechen konnte: so konnte er doch genug, um ihn zu widerlegen. Ich und Sidne baten ihn oft, es nicht zu tun, weil wir nach und nach viel Bosheit bei dem Popen merkten. Da endlich unser Geld alle wurde und der Pope auf die Letzt meistens betrunken zu uns kam: so dankten wir diesen Geistlichen ab. Dieses verdross ihn. Er schalt auf Steelein und den armen Sidne, der ihm das letzte Geld für seine Unterweisung auszahlte. Wir suchten ihn bald durch gute Worte, bald durch Stillschweigen zu besänftigen; aber vergebens. Der Branntwein und