, damit es von seinem Lichte nicht noch mehr zu befürchten habe.
Zur Arbeit hat man uns, wie die gemeinen Gefangnen, noch nicht gezwungen, und gleichwohl verstattet man uns nicht die geringste Freiheit, auszugehen. Mein erstes Geschäfte in meinem itzigen Gefängnisse ist dieser Brief; und dass wir keine Geschäfte haben, über denen wir uns zuweilen vergessen könnten, dieses macht unser Elend vollkommen. Wenn auch die Erlaubnis, die sich Steelei erkauft hatte, seine Landsleute einige Stunden zu sehen, uns nichts zuwege gebracht hätte als etliche Bogen Papier und Dinte und Feder: so würde sie uns doch schon kostbar genug sein; denn dieses haben wir für alles Geld nicht erhalten können. Sidne, Steeleis Landsmann und Vetter, ist zu unserm Unglücke in ein ander teil der Stadt gelegt worden; und so elend wir beide daran sind: so muss es ihm doch noch weit kümmerlicher gehen, da er von allem Gelde entblösst ist. Steelei grüsst Euch tausendmal und ist so sehr Euer Freund als der meinige. Wenn ich ihn nicht hätte: so würde mir die Gefangenschaft eine Hölle sein. Er hat bei einem redlichen und zärtlichen Herzen gewisse Fehler, für die ich ihm recht verbunden bin, weil sie oft unsere traurige Stille unterbrechen und uns etwas zu tun geben. Er liebt die Verdienste seiner Nation auf Unkosten der übrigen Völker. Diese Parteilichkeit, ein natürlicher Ungestüm und der Fehler des Widersprechens machen mir ihn notwendig und zugleich schätzbarer. Seine Widersprüche kommen aus einer Fülle des Geistes und der Lebhaftigkeit, aus einer Liebe zur Freiheit im Denken, aus einem Hasse gegen alles niederträchtige Nachgeben und aus einem Überflusse der Aufrichtigkeit und leicht aufwallender Empfindungen her. In seinem Charakter und in seinem mund verliert also das Widersprechen das meiste von seiner beleidigenden natur und wird eine Quelle zu vertrauten Gesprächen und kleinen Zänkereien, deren Mangel uns die lange Zeit und die Gefangenschaft noch weit verdriesslicher machen würde. Kurz, wir sind füreinander gemacht. Seine Fehler sind von den meinigen das Gegengewicht und machen seine guten Eigenschaften nur desto sichtbarer. Er ist sehr vorteilhaft gebildet, und seine Miene ist so lebhaft als sein Herz. Er ist noch jung. Das Unglück in der Liebe ist Ursache, dass er sein Vaterland verlassen und wider seine Neigung, bloss aus Unzufriedenheit, in Schweden Kriegsdienste angenommen hat. Ich will Euch sein Unglück kurz erzählen und ihm Euer Mitleiden dadurch verdienen. Als er nebst seinem Vetter Sidne die Universität zu Oxford verlassen, begibt er sich auf seines Vaters Landgut, etliche Meilen von London, um desto ruhiger studieren zu können. Hier wird er mit einem liebenswürdigen Frauenzimmer, der Tochter eines benachbarten Landedelmannes, bekannt und fängt an, das erstemal zu lieben. Nach zwei Jahren, nach tausend besiegten Hindernissen und nach tausend Beweisen ihrer Treue, erhält er endlich von ihren Eltern das Ja und von seinem Vater die Einwilligung. Der Tag zur Vermählung mit seiner geliebten Antonia wird angesetzt. Sie soll morgen auf seines Vaters Landgute vor sich gehen, und heute reist er mit ihm zu ihr, um sie nebst den Ihrigen abzuholen. Sie kommen um die Mittagsmahlzeit an, und nach derselben soll die Rückreise erfolgen. Er sitzt mit seiner Antonia in der zärtlichsten Vertraulichkeit unter einer Laube, als man ihnen meldet, dass die Wagen angespannet würden. 'Verlasst mich einen Augenblick,' fängt sie zitternd zu ihm an, 'und wenn alles fertig ist: so holet mich ab.' Er kommt wieder und fordert sie zur Abreise auf. 'Nun bin ich', spricht sie, indem sie ihm die Hand reicht, 'bereit, Euch zu folgen. Es war mir so bange, und ich weiss nicht warum. Bin ich denn nicht glücklich genug, da ich in Euern Armen der Zufriedenheit der Ehe entgegeneile? kommt, ich bin die Eurige!' Er setzt sich darauf mit ihr in die Kutsche, und die übrigen folgen in zwei andern Wagen nach. Die Liebe, die unschuldigste und seligste Liebe, ihr Ursprung, ihr Fortgang, alles, was sie füreinander gefühlt haben, ist in dem Wagen ihr Gespräch. Indem sie noch so reden und etwa noch eine Stunde bis auf seines Vaters Landgut haben, zieht sich ein Gewitter auf. Im kurzen wird der ganze Himmel schwarz, und ein Schlag folgt auf den andern. Der Donner erschlägt eins von ihren Pferden. Antonia springt darauf in der grössten Angst aus dem Wagen und reicht Steelein die Hand, ihr nachzufolgen und mit ihr in das nächste Dorf zu eilen. Indem sie ihn bei der Hand nimmt, tut es einen entsetzlichen Schlag, und er sinkt in den Wagen zurück. Als er wieder zu sich selbst kommt, sieht er seine Braut noch an der tür des Wagens, vom Blitze getötet, lehnen, so wie sie ihm die Hand reichte. Kann wohl ein grösser Unglück sein? Der arme Freund! Ein halb Jahr darauf nötigte ihn sein Vater, eine Reise vorzunehmen, um seine Schwermut zu zerstreuen. Er tut ihn in das Gefolge des englischen Gesandten, der nach Stockholm geht, und gibt ihm seinen Vetter zum gefährten mit. Und eben in dieser Stadt entschliesst er sich aus Schwermut und aus Verdruss gegen sein Leben, ohne Wissen des Gesandten, Kriegsdienste anzunehmen, und muntert seinen Vetter zu ebendiesem Entschlusse auf. Er hat nunmehr an diesen Gesandten geschrieben und ihm sein Unglück und seine Gefangenschaft geklagt und zugleich für mich unter dem Namen des Kapitäns Löwenhoek gebeten. Vielleicht vermag dieser Mann etwas zu unserer Befreiung. Adressiert Eure