Zeitlang auf einem freien platz gestanden und tausend Schimpfreden, die wir aus den Gebärden unsrer Feinde erraten konnten, angehört hatten: drängte sich eine alte Frau zu einem Russen, der mit uns angekommen war. Sie fragte, wo sein Kamerad, ihr Sohn, wäre. Der Russe, der vielleicht nicht wusste, nach wem sie fragte, antwortete ihr, dass ihn die Schweden totgeschlagen hätten. In dem Augenblicke fuhr sie auf mich und schrie: 'Was? hast du meinen Sohn umgebracht?' und riss mich, der ich vor Mattigkeit mich kaum selbst mehr aufrecht halten konnte, zur Erde, bis die Soldaten mich von ihrer Wut befreiten. Bedenkt nur, meine liebe Gemahlin, wie mir damals zumute gewesen sein muss. In ebender Stadt, in welcher mein Vater in seiner Jugend die Ehre eines königlichen Abgesandten genossen, war ich ein nichtswürdiger Schwede, und vielleicht auf ebendem platz, wo er seinen Einzug gehalten, war sein Sohn jetzt der Raserei eines Weibes ausgesetzt.
Wodurch habe ich doch das traurige Schicksal verdient, fern von Euch, in einer öden Mauer eingeschlossen zu sein, in einem Behältnisse, in dem ich ausser der Gesellschaft meines Steelei alles entbehre, was das Leben angenehm macht, und von keiner Freude weiss als von der, mich Eurer mit ihm zu erinnern und mit ihm über unser Schicksal zu seufzen? Er hat, wie ich Euch schon gesagt, durch ein Geschenke, das er dem Aufseher über die Gefangnen von dem Reste unsrer zwanzig Taler gemacht, endlich die Freiheit erhalten, mit einigen Kaufleuten aus London zu sprechen. Diese haben ihm hundert Taler vorgeschossen und alles für ihn zu tun versprochen. Durch dieses Geld hoffen wir uns von unserm Gebieter zuweilen den Schatten einer Freiheit zu erkaufen denn durch Geld lassen sie sich, wenn sie anders mitleidig sein könnten, am ersten mitleidig machen. Er brachte mir bei seiner Zurückkunft eine Flasche Wein und etwas Zwieback mit. 'Ihr denkt etwa', sprach er, da er die Flasche aus der tasche zog, 'dass ich bei meinen Landsleuten schon Wein getrunken habe? Nein, mein lieber Graf, ich würde mir nicht die Freude entzogen haben, das erst Glas in Eurer Gesellschaft zu trinken. Ich habe noch keinen Tropfen gekostet. Aber nun kommt, nun kann ich nicht länger warten. kommt, wir wollen unser Unglück einige Augenblicke vergessen und die Freuden des Weins fühlen und uns alles das als gewiss vorstellen, was wir wünschen.' Wir tranken ein Glas. Welche Wollust war das für uns! Wir ehrten durch unsre Entzückung den Gott, der dem Weine die Kraft geschenkt, unsere Herzen zu begeistern, und dankten ihm durch ein stilles Nachdenken für ein Vergnügen, das wir seit ganzen Jahren nicht genossen hatten. Wir brachten einen ganzen Nachmittag über unsrer Flasche Wein zu. Wir wollten nicht an unser ausgestandnes Schicksal denken; aber es war uns unmöglich. Es war, als ob uns eine grosse Zufriedenheit fehlte, dass wir nicht mit einem Blicke die Reihe unsrer betrübten begebenheiten übersehen sollten. Wir wiederholten sie einander, als ob wir sie einander noch nicht gesagt hätten. Wir richteten uns bei unsern Klagen mit der Wahrheit auf, dass ein gütiger und weiser Gott dieses Schicksal über uns verhängt hätte, dass wir uns unser Elend nicht leichter machen könnten, als wenn wir uns seinen Schickungen geduldig überliessen, bis es ihm gefiele, uns das Unglück oder das Leben zu nehmen. Wir gaben einander die hände darauf, alles, was uns begegnen würde, mit einer uns anständigen Gelassenheit zu ertragen. 'Aber', fing Steelei an, indem er meine Hand betrachtete, 'dürfen wir denn nicht wünschen, diese hände denen noch einmal zu reichen, die wir in unserm Vaterland lieben? Und wenn Gott dieses nicht wollte, werden wir auch da gelassen bleiben?' – 'Wenn Gott dieses nicht wollte ...,' sprach ich und konnte nichts mehr sprechen. Es ward finster in meinem verstand. Ich sah keine Gründe zur Gelassenheit mehr, aber Ursachen genug, mich zu beklagen und Euern Verlust zu beseufzen. Wir schwiegen eine Zeitlang still, als ob wir uns schämten, den Entschluss zu widerrufen, den wir nach langen Betrachtungen gefasst hatten. 'Wie Gott will,' fing endlich mein Freund mit einem Tone an, der doch die grösste Unruhe verriet, 'wie Gott will! Ich will durch meine Gelassenheit gar nicht einen Anspruch machen, dass er seine Schickungen nach meinem Wunsche einrichten soll. Nein, er soll sie ordnen. Aber ist denn das Verlangen, unser Vaterland wiederzusehen und aus dieser Barbarei erlöset zu sein, ein ungerechter Wunsch? Sollen wir denn in diesem kläglichen Zustande unser ganzes Leben zubringen und nur den Tod hoffen?' So sah es mit unserer Gelassenheit aus, und so ist es uns oft gegangen. Wenn wir uns bemüht haben, recht ruhig zu sein, sind wir am unzufriedensten geworden. Man sieht, wenn man den Betrachtungen über die Vorsehung nachhängt, die Unmöglichkeit, sich selbst zu helfen, deutlicher, als wenn man sich seinen Empfindungen überlässt; man sieht die notwendigkeit, sich ihren Führungen zu überlassen, und man will doch zugleich nicht von dem Plane seiner eigenen Wünsche abgehen. Man will ihn gewiss, man will ihn bald ausgeführet wissen, und man sieht doch, dass die Umstände dazu nicht in unserer Gewalt stehen. Für diese traurige Entdeckung will sich unser Herz gleichsam durch die Unzufriedenheit rächen, und es umnebelt den Verstand