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, ob Ihr mein Unglück habt überleben können? Schrecklicher Gedanke, den ich ohne Zittern nicht niederschreiben kann! Nein, mein einziger Wunsch in der Welt, Ihr lebt noch. Mein Herz sagt mir's, und es verspricht mir die Wollust, Euch noch einmal, ehe ich sterbe, zu umarmen. Um diese Glückseligkeit bitte ich die Vorsehung alle Tage und in dem Augenblicke, da ich dieses schreibe. Kann mir Gott mein Leben wohl zu einem geringern Vergnügen gelassen haben, als dass ich noch einen teil davon, und wenn es auch nur etliche Tage wären, mit Euch zubringen soll? Stellt Euch doch die Zufriedenheit vor, die wir schmecken werden, wenn uns die Zeit einander wiedergeben wird. Wie lange werden wir vor Entzückung nicht reden! und wie lange werden wir nach tausend Umarmungen sprechen, ehe wir uns satt reden und unser Herz und unser Schicksal einander ausschütten werden! Bekümmert Euch nicht zu sehr um mich! Mir fehlt zur Erleichterung meines Elends nichts als die Nachricht von Euch und meinem lieben Freunde R... Erlauben es Eure Umstände: so überschickt mir einen Wechsel, ob ich vielleicht dadurch meine Zurückkunft bewerkstelligen kann. Ich bin seit meinem Arreste von allem entblösst gewesen. Ich habe alle Beschwerlichkeiten ausgestanden, die einem Gefangenen auf einem Wege von mehr als hundert Meilen begegnen können. Eben der kümmerliche Proviant, der noch etliche hundert gemeine Mitgefangene gesättiget hat, ist die ganze Zeit über gut genug für mich gewesen. Die Erbitterung der Russen gegen die schwedische Nation hat uns das Elend, gefangen zu sein, am beschwerlichsten gemacht. Sie nennen ihre Sorglosigkeit gegen uns, ihre Unempfindlichkeit gegen unsere Klagen eine gerechte Vergeltung für das barbarische Bezeigen, womit unser König, wie sie sagen, den gefangenen Russen begegnen liess. Das Schrecklichste, was wir, nachdem wir über die polnischen Grenzen waren, erfahren haben, ist der Mangel an frischem wasser gewesen, weil wir oft, um die Moräste zu umgehen, einen Umweg durch sandichte Gegenden nehmen mussten.

Mein ganzes Vermögen seit meiner Gefangenschaft hat in zwanzig Talern bestanden, mit denen mich ein gemeiner schwedischer Soldat unlängst beschenkt hat. Er starb einen monat zuvor, ehe wir in der Stadt Moskau ankamen, an einer Wunde, und zwar in einer Nacht, die wir unter freiem Himmel zubringen mussten. Er hatte mir auf dem Marsche viele Dienste erwiesen, und ich belohnte seine Treue dadurch, dass ich die ganze Nacht bei ihm blieb und auf sein Verlangen mit ihm betete. Er hatte in seinem Brusttuch ein Goldstück von zwanzig Talern eingenäht, womit ihn seine Braut in Stockholm bei seinem Abschiede beschenkt. Dieses gab er mir und bat mich, wenn ich wieder nach Stockholm kommen sollte, seiner Braut seinen Tod zu melden und ihr einige Wohltaten zu erzeigen. Ich schicke Euch den Zeddel, in welchem das Geld eingewickelt war, und in welchem der Braut ihr Name steht. Wenn es möglich ist: so lasst ihr den Tod ihres Bräutigams melden, und schickt ihr für die zwanzig Taler, die mir und meinem lieben Steelei so viele Dienste getan haben, hundert. Als mein Landsmann, der mich bis auf den letzten Augenblick bei der Hand hielt, tot war: so schlief ich neben ihm ein. Damals träumte mir, Ihr kämet mir an einem Flusse entgegen. Wie erschrakt Ihr, meine Liebenswürdige, wie schön entsetztet Ihr Euch, mich wiederzufinden! Ich erwachte über diesem Traume und lag auf dem toten Landsmanne und dankte dem Himmel, ehe ich noch aufstund, für diesen glücklichen Traum. Die Freundschaft, die ich dem Sterbenden erwies, brachte mir die Liebe von sechs andern gemeinen Schweden zuwege, die bei seinem tod zugegen waren. Es gefiel ihnen, dass ich ihren Kameraden so wohl zum tod bereitet hatte. Sie baten mich, dass ich ebendas an ihnen tun möchte, wenn sie etwa auf dem Marsche sterben sollten; sie beeiferten sich recht von diesem Tage an, mir zu dienen, und darbten sich oft das frische wasser ab, damit sie es mir und Steelein im Notfalle anbieten könnten. Ich ward kurz darauf krank und konnte nicht mehr gehen, so hinfällig war ich. Allein ehe mich meine sechs Landsleute zurückliessen: so trugen sie mich lieber etliche Tage lang in Stöcken; an Stricken gebunden und mit Binsen durchflochten, fort und nahmen alle die Mühe aus gutem Herzen über sich, zu der sie ausserdem weder Furcht noch Belohnung würde fähig gemacht haben. Ich habe in dieser Krankheit insonderheit den grossen Unterschied gesehen, der unter den Diensten ist, die man uns aus Gehorsam und Hoffnung erzeigt, und unter denen, die man dem andern aus einem geheimen Triebe der Freundschaft und des Mitleidens erweiset. Ihre Begierde, zu dienen, wuchs mit meiner Gefahr, und Leute, die niemals sinnreich in Anschlägen, noch geübt in Gefälligkeiten gewesen waren, wurden sorgfältig und sinnreich an Mitteln, mir das Leben zu erhalten, weil sie es gern erhalten wissen wollten. Dieses ist die einzige Krankheit gewesen, die mir auf dem Wege nach Russland zugestossen. Vor sechs Wochen sind wir hier in der Stadt Moskau angekommen und die ersten gefangenen Schweden in diesem Kriege gewesen, an denen die wilden Einwohner dieses Orts ihre rachsüchtigen Augen befriedigt haben. Wir mochten unsrer wohl drei- bis vierhundert sein, die man in einem sehr traurigen Aufzuge dem Pöbel einen halben Tag lang öffentlich darstellte. Er würde uns mit Freuden umgebracht haben, wenn wir nicht von einer starken Wache umgeben gewesen wären. Indem wir eine