, dass ich so viel Schwachheit gehabt hätte, ihn anzuhören, wenn er an die vorigen zeiten gedacht hätte. Und wer weiss, ob ich ihm nicht wider meinen Willen durch manchen blick ein stummes Bekenntnis von meiner Liebe getan habe, so gewissenhaft ich auch mit ihm umging, und so sehr ich meinen Grafen liebte. Über die Gegenwart der Karoline erstaunte der Graf sehr. Er hätte es lieber gesehen, wenn sie unsre wohnung verlassen hätte. Allein ich bat ihn, dass er mir ihre Gesellschaft nicht entziehen sollte. "Können Sie meiner Tugend trauen," sagte ich zu ihm: "so müssen Sie wissen, dass ich der Ihrigen gewiss bin." Das Schicksal der beiden Kinder, die er mit Karolinen erzeugt, war eine Sache, die ihn oft ganze Stunden niedergeschlagen machte. Er führte sich indessen gegen Karolinen sehr liebreich auf. Er scherzte oft mit uns beiden; allein sein Scherz war so behutsam, dass er weder sie kränken noch mich beleidigen konnte. Wie es uns ferner gegangen, will ich künftig erzählen. Jetzt muss ich nur von meines Gemahls, des Grafen, Abwesenheit, noch kürzlich so viel erwähnen. Die Russen hatten von dem dorf Besitz genommen, darinne mein Gemahl auf den Tod gelegen und von den Schweden als tot war zurückgelassen worden. Da er nach und nach wieder gesund worden, hatte man ihn als einen gefangenen Offizier mit nach Russland geschickt. Er hatte seinen Namen aus Furcht, dass man ihn desto eher an die Schweden ausliefern möchte, verschwiegen und sich für einen Kapitän ausgegeben. Seine erlittenen Unglücksfälle, und wie er fünf Jahre in Siberien hat zubringen müssen, damit will ich die Fortsetzung von meiner geschichte anfangen. Der arme Graf hat viel ausstehen müssen. Er starb ... Doch ich will jetzt nichts mehr sagen.
Zweiter teil
Ich bin gegen das Elend, das der Graf in Russland ausgestanden, zu empfindlich, als dass ich's nach seiner Länge erzählen und in eine gewisse Ordnung bringen sollte. Allein ich brauche auch diese betrübte Mühe nicht. Ich habe ein halb Jahr nach seiner Zurückkunft noch zwei von denen Briefen erhalten, die er in seiner Gefangenschaft an mich geschrieben. Den einen hatte er an einen Geistlichen auf seinen Gütern in Livland adressieret, der aber nichts von meinem Aufentalte erfahren können. Den andern brachte mir ein Jude, wie man in dem Verfolge dieser Erzählung sehen wird. Diese Briefe entalten den grössten teil von dem, was ihm in Moskau und Siberien begegnet ist. Ich will sie also unverändert hier einrücken. Es ist immer, als wenn man mehr Anteil an einer Begebenheit nähme, wenn sie der selbst erzählet, dem sie zugestossen ist. Sie werden über dieses den edlen Charakter des Grafen und seine beständige Liebe gegen mich in ein grösser Licht setzen. Wie gross ist sie nicht gewesen! Und eben zu der Zeit, da er mich so brünstig geliebt und alles für mich gefühlt hat, was nur sein Elend hat vergrössern können, habe ich in den Armen eines andern Gemahls der Freuden der Liebe und des Lebens genossen. Wieviel tausend Tränen hat mich dieser Gedanke schon gekostet, und wie oft bin ich vor meiner unschuldigen Liebe zu dem Herrn R... als vor einem Verbrechen errötet!
Der erste Brief ist aus der Stadt Moskau geschrieben. "Euer unglücklicher Gemahl lebt noch. Wollte doch Gott, dass Ihr diese Nachricht schon wüsstet oder sie wenigstens durch einen Brief erführet! Ein plötzlicher Überfall, den die Russen drei Tage vor meiner angesetzen Hinrichtung auf das Dorf taten, in welchem ich gefangen und krank lag, hat mir das Leben errettet. Ja, liebste Gemahlin, diese Vorsehung ist eine Frucht Eurer Tränen und meiner Unschuld. Ich habe etliche Tage nach dem geschehenen Überfall kaum mehr gewusst, dass ich lebte. Nachdem ich von meiner Krankheit wieder zu mir selber kam und mich in den Händen der Russen sah: so gab ich mich zu meiner Sicherheit für einen Kapitän aus und nannte mich Löwenhoek. Unter allen denen Gefangenen, mit welchen ich bald in diese, bald in jene Festung, und endlich nach der Stadt Moskau geschleppt worden bin, sind nicht mehr als zwei Offiziere, die mich kennen. Sie sind beide Engelländer von Geburt, und die treuesten und besten gefährten meines Elends, die ich mir nur wünschen kann. Der eine von ihnen Steelei, hat vor wenig Tagen die Freiheit erhalten, einige von seinen Landsleuten, die hier handeln, zu sprechen, und durch diese hat er mir, einen Brief nach Livland zu bestellen, die sicherste gelegenheit ausgemacht. Wenn er doch schon in Euren Händen wäre! Wenn ich doch nur eine von den Tränen der Freude sehen sollte, die Euch die Nachricht von meinem Leben auspressen wird! Wo habt Ihr Euch denn nach meinem letzten traurigen Briefe hingewandt? Hat Euch die Rache des ungerechten Prinzen nicht verfolgt? Ist mein Freund R.. mit Euch geflüchtet? Und wohin? arme und unglückliche Gemahlin! Gönnt mir doch den Trost, dass ich alle mein gegenwärtiges Unglück und das noch künftige Eurer Tugend und Eurer Liebe gegen mich zuschreiben darf. Nichts als diese Ursache ist vermögend, mir mein Elend zu versüssen und mir die Schande und das schreckliche Andenken eines gewaltsamen Todes, den mir der Prinz zugedacht, zu erleichtern. Ertraget meine Abwesenheit gelassen, ich bitte Euch bei unserer Liebe, und hofft, wir werden uns gewiss wiedersehen. Aber, o Gott! wenn? Und ach, wo weiss ich denn