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mit Ihnen in dem Wagen gekommen", hub sie an. "Er ist in seiner stube und weint." – "Also", fing der Graf zu mir an, "ist mein liebster Freund Ihr Gemahl? Dieses macht mein Unglück noch erträglich." Darauf bat er meine kleine Tochter, dass sie ihren Papa rufen sollte. Allein er kam nicht, sondern schickte durch ebendieses Kind dem Grafen ein französisches Billett von diesem Inhalte:

"Mein lieber Graf!

Sie dauren mich unendlich. Ich habe Sie durch die unschuldigste Liebe so sehr beleidigt, als ob ich Ihr Feind gewesen wäre. Ich habe Ihnen Ihre Gemahlin entzogen. Können Sie dieses wohl von mir glauben? Der Irrtum, oder vielmehr die Gewissheit, dass Sie nicht mehr am Leben wären, hat mir den erlaubten Besitz Ihrer Gemahlin gegönnt. Ihre Gegenwart aber verdammt nunmehr das sonst so tugendhafte Band. Sie sind zu grossmütig, und wir zu unschuldig, als dass Sie uns mit Ihrem Hasse bestrafen sollten. Unsere Unschuld verringert Ihr Unglück; allein sie hebt es nicht auf. Das einzige Mittel, mich zu bestrafen, ist, dass ich fliehe. Ich verlasse Sie, liebster Graf und werde mich zeitlebens vor mir selber schämen. Wollte Gott, dass ich durch meine Abwesenheit und durch die Marter, die ich ausstehe, Ihren Verlust ersetzen könnte! Entfernen Sie das Kind, das Ihnen diesen Brief bringt, vor den Augen haben dürfen. Ist es möglich, so denken Sie bei diesem Briefe zum letzten Male an mich. Sie sollen mich nicht wieder sehen." Der Graf verliess mich, sobald er diesen Brief gelesen hatte, und suchte meinen Mann. Doch, er war fort, und niemand wusste, wohin. Diese Nachricht setzte mich in eine neue Bestürzung. Mein ganzes Herz empörte sich. Ich hatte meinen ersten Mann wiedergefunden. Ich wusste, dass ich sie beide nicht besitzen konnte; allein welcher Trieb hört die Vernunft weniger als die Liebe? Es war in meinen Augen die grausamste Wahl, wenn ich daran dachte, welchen ich wählen sollte. Ich gehörte dem letzten sowohl als dem ersten zu. Und nichts war mir entsetzlicher, als einen von beiden zu verlassen, so gewiss ich auch von dieser notwendigkeit überzeugt war. Der Herr R... war indessen fort, und der Graf wollte nicht ruhen, bis er seinen Freund wiedersähe. Er schickte sogleich nach dem Hafen, damit er nicht etwa mit einem Schiffe abgehen sollte. Ich hatte ihm indessen erzählt, dass ich den Herrn R... freiwillig zu meinem mann erwählt, und dass ich seine grossmütige Freundschaft nicht besser zu belohnen gewusst hätte als durch die Liebe. "Ich weiss genug," fing der Graf an, "weder Sie noch mein Freund haben mich beleidiget. Es ist ein Schicksal, das wir nicht erforschen können." In wenig Stunden kam Herr R... zurück. Er war schon im Begriffe gewesen, mit einem Schiffe fortzugehen. Er dankte dem Grafen auf das zärtlichste, dass er ihn wieder hätte zurückrufen lassen. "Ich will nichts als Abschied von Ihnen nehmen," fing er an, "von Ihnen und Ihrer Gemahlin. Gönnen Sie mir diese Zufriedenheit noch, es wird gewiss die letzte in meinem Leben sein." Sogleich nahm er mich bei der Hand und führte mich zu dem Grafen. "Hier", sprach er, "übergebe ich Ihnen meine Gemahlin und verwandle meine Liebe von diesem Augenblicke an in Ehrerbietung." Hierauf wollte er Abschied nehmen; doch der Graf liess ihn nicht von sich. "Nein," sagte er, "bleiben Sie bei mir. Ich fange auf Ihr Verlangen mit meiner Gemahlin die zärtlichste Ehe wieder an. Sie ist mir noch so kostbar als ehedem. Ihr Herz ist edel und beständig geblieben. Sie hat nicht gewusst, dass ich noch lebe. Nein, mein lieber Freund, bleiben Sie bei uns. Wollen Sie mich etwa darum verlassen, dass ich nicht eifersüchtig werden soll: so beleidigen Sie die Treue meiner Gemahlin und mein Vertrauen. Bitten Sie ihn doch, Madame," fing er zu mir an, "dass er bleibt!" Ich hatte kaum so viel Gewalt über mich, dass ich zu ihm sagte: "Warum wollen Sie uns verlassen? Mein lieber Gemahl bittet Sie ja, dass Sie hierbleiben sollen. Und ich müsste Sie niemals geliebt haben, wenn mir Ihre Entfernung gleichgültig sein sollte. Bleiben Sie wenigstens in Amsterdam, wenn Sie nicht in unserm haus bleiben wollen. Ich werde Sie lieben, ohne es Ihnen weiter zu sagen; und ob ich gleich aufhören werde, die Ihrige zu sein: so untersagt mir doch die Liebe zu meinem Gemahle nicht, Ihnen beständig Zeichen der Hochachtung und Freundschaft zu erkennen zu geben." Er blieb auf unser Bitten auch wirklich in Amsterdam. Er speiste oft mit uns, und seine Aufführung war so edel, als man nur denken kann. Wenn ich auch weniger tugendhaft gewesen wäre: so hätte mich doch sein grossmütiges Bezeigen tugendhaft erhalten müssen. Er tat gar nicht, als ob er jemals mein Mann gewesen wäre. Kein vertrauliches Wort, keine vertrauliche Miene durfte ihm entfahren. Wie er vor meiner Ehe mit mir umgegangen war, so ging er jetzt mit mir um. Er unterhielt mich mit Freundschaft und Hochachtung und beförderte mein und meines Grafen Vergnügen mit Aufopferung des seinigen. Er war oft ganze Tage bei mir allein. Ich glaube