Allein ich zweifle, dass ich diese Absicht erhalten werde. Wir fuhren, wie ich gesagt habe, dem ankommenden Schiffe eine halbe Stunde entgegen. Es waren zehn bis zwölf deutsche Reisende auf demselben, und auch etliche Russen. Diese stiegen in unserm Angesichte ans Land und gratulierten dem Herrn Andreas zur glücklichen Ankunft seines Schiffes, weil sie hörten, dass er der Herr davon war. Andreas, der die See stets in Gedanken hatte, hörte ihnen begierig zu. Nur mir ward die Zeit zu lang. Ich trat daher mit meinem mann auf die Seite und bat ihn, dass er wieder zurückfahren möchte. Da ich noch mit ihm rede, so kommt einer von den Passagieren auf mich zugesprungen, umarmt mich und ruft: "Ja, ja, Sie sind es, ich habe meinen Augen nicht trauen wollen; aber Sie sind meine liebe Gemahlin." Er drückte mich einige Minuten so feste an sich, dass ich nicht sehen konnte, wer mir diese Zärtlichkeit erwies. Das Schrecken kam dazu, und ich glaubte nicht anders, als dass ein unsinnig Verliebter mich angefallen hätte. Aber, ach Himmel! wen sah ich endlich in meinen Armen? Meinen Grafen in russischer Kleidung, meinen ersten Mann, den ich zehen Jahre für tot gehalten hatte. Ich kann nicht sagen, wie mir ward. So viel weiss ich, dass ich kein Wort aufbringen konnte. Mein Graf stunde und weinte. Er erblickte endlich seinen ehemaligen Freund als meinen itzigen Mann. Er umarmte ihn; doch von beiden habe ich kein Wort gehört oder vor Bestürzung nichts verstehen können. Unser Wagen hielt gleich neben uns. Nach diesem lief ich zu, ohne meine beiden Männer mitzunehmen; aber beide folgten mir nach. Ich umarmte den Grafen unzähligemal in dem Wagen; was ich ihm aber gesagt habe, das ist mir unbekannt. Wir waren nunmehr in unserer Behausung, und ich fing an, mich wieder selbst zu verstehen. Mein Graf bezeigte eine unendliche Zufriedenheit, dass er mich wiedergefunden hatte, und zwar an einem Orte, wo er mich am wenigsten vermutet. Er sagte mir wohl tausendmal, dass ich noch ebenso liebenswürdig wäre, als da er mich verlassen hätte. Sein Vergnügen war um desto stärker, weil er mich für tot gehalten hatte, da ich ihm auf etliche Briefe nicht geantwortet. Er glaubte, ich hätte es erfahren, dass er noch am Leben wäre. Kurz, er hatte von mir ebensowenig gewusst als ich von seinem Leben. Herr R.. hatte uns verlassen, ohne dass wir es gemerkt. Wir waren also ganz allein. Mein Graf erzählte mir sein gehabtes Schicksal, davon ich bald reden will, und verlangte nunmehr zu wissen, wie es mir gegangen wäre. Er fragte mich hundertmal, und ich konnte ihm mit nichts als Tränen und Umarmungen antworten. Liebe und Scham machten mich sprachlos. Einen Mann hatte ich wiedergefunden, den ich ausnehmend liebte, und einen sollte ich verlassen, den ich nicht weniger liebte. Man muss es fühlen, wenn man wissen will, das es heisst, von zwei Affekten zugleich bestürmt zu werden, von denen einer so gross als der andere ist. Mein Gemahl mutmasste aus meiner Wehmut etwas Widriges für sich. Er hielt noch inständiger an, dass ich ihm mein Herz entdecken und ihm sein Glück oder Unglück wissen lassen sollte. Aber umsonst! Was konnte ich ihm sagen, wenn ich nicht sagen wollte, dass ich verheiratet wäre? Ich schwieg, ich seufzte; doch dieses war genug gesagt. "Sind Sie nicht mehr meine Gemahlin?" fing er an. "Das wolle Gott nicht! Lieber meinen Tod, als diese Nachricht!" In ebendem Augenblicke trat meine kleine Tochter, ein Kind von fünf Jahren, in das Zimmer und vermehrte meine Bestürzung und entdeckte zu gleicher Zeit das Geheimnis, vor welchem ich zitterte. Sie sah mich weinen; sie trat zu mir. "Was fehlt Ihnen denn, liebe Mama," fing sie an, "dass Sie weinen? Ich komme von dem Papa, der weint auch und will gar nicht mit mir reden. Ich habe Ihnen doch nichts getan." – "Mein Gott," sprach der Graf zu mir, "Sie sind verheiratet! Ich unglückseliger Mann! Habe ich Sie darum wiederfinden müssen, damit meinem Herzen keine Art von Marter unbekannt bliebe? Wer ist denn Ihr Gemahl? Sagen Sie mir's nur. Ich will Sie durch meine Gegenwart nicht länger quälen. Ich will Sie gleich verlassen. Sie sind mir nicht ungetreu worden. Sie haben mich für tot gehalten. Ich mache Ihnen keine Vorwürfe. Niemand ist an meinem Unglücke schuld als das Verhängnis. Vielleicht ist dieses die Strafe für die Liebe mit Karolinen. Überwinden Sie sich und reden Sie mit mir", fuhr er fort. "Ich kann es von niemanden als von Ihnen anhören, wer Ihr Mann ist." Ich sprang von dem stuhl auf und fiel ihm in die arme, aber ich sagte noch kein Wort. "Nein," fing er an, "erweisen Sie mir keine Zärtlichkeiten! Ich verdiene sie, das weiss mein Herz; aber Ihr itziger Ehegemahl kann Ihre Liebe allein fordern, und ich muss dem Schicksale und der Tugend mit meiner Liebe weichen." Durch dieses Geständnis brachte er mich nur mehr in Bewegung. Er fragte endlich das kleine Kind, wo der Papa wäre, und warum er nicht hereinkäme? "Er ist ja