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die Hoffnung einer bessern Welt: so sehe ich nicht, womit sie sich aufrichten sollen.

Unser Unglück schien nunmehr besänftiget zu sein. Wir schmeckten die Ruhe eines stillen Lebens nach und nach wieder. Wir kehrten zu unsern Büchern zurück, und die Liebe versüsste uns das Leben und benahm den traurigen Erinnerungen des Vergangenen ihre Stärke. Mein Mann schrieb um diese Zeit ein Buch: "Der standhafte Weise im Unglück". etwa ein Vierteljahr nach Marianens tod starb unser Wirt, und seine Frau hatte auch bereits die Welt verlassen. Dieser Todesfall machte eine grosse Veränderung in unsern Umständen. Wir mussten unsre Kapitale übernehmen, die durch Dormunds Verlassenschaft sehr hoch angewachsen waren. In der Tat war dieses eine sehr grosse Last für uns. Weder ich noch mein Mann noch Karoline wussten recht mit dem Gelde umzugehen. Und ich glaube, wir hätten eher die Hälfte weggeschenkt, als dass wir es in unserer Verwahrung hätten behalten sollen. Andreas, Karolinens Bruder, hatte wieder eine Handlung in dem Haag angefangen. Wir schenkten ihm einige tausend Taler, und von dem übrigen Gelde boten wir ihm die Hälfte in seine Handlung an; mit der andern Hälfte dienten wir guten Freunden. Wenn die Vorsichtigkeit bei dem Gelde eine Tugend ohne Ausnahme ist: so muss ich sagen, dass wir oft nachlässig damit umgingen. Es war uns oft genug, es hinzugeben, wenn wir wussten, dass derjenige, der uns darum bat, ein rechtschaffner Mann war, der das Geld nötiger brauchte als wir. Ein Wort galt bei meinem mann soviel als ein Wechsel. Wir haben in der Tat auf diese Art viel Geld eingebüsst; aber wir sind niemals darum betrogen worden. Unsre Schuldner hatten ein gutes Herz; aber wenig Glück. Sie wollten gern wiederbezahlen, je mehr sie unsere Dienstfertigkeit sahen. Und sie machten uns durch ihre Aufrichtigkeit freigebig, wenn wir es auch von natur nicht gewesen wären. Man glaubt es kaum, was es für ein Vergnügen ist, wenn man wackern Leuten dienen kann. Und es gehört, wie mich deucht, weit mehr Überwindung dazu, das Vermögen, zu dienen, zurückzuhalten als es zu befriedigen.

Endlich verliessen wir aus verschiednen Ursachen Amsterdam und wandten uns mit unserer Tochter nebst Karolinen und Carlsons Tochter nach dem Haag zu dem Herrn Andreas. Unser verstorbener Wirt hatte uns bei seinem tod seine Tochter als die unsrige anbefohlen. Diese nahmen wir also mit uns. Ihr Vermögen blieb in Amsterdam in guten Händen. Dieses Frauenzimmer, welches nunmehr etwa funfzehn Jahr alt war, sah eben nicht schön aus: sie hatte aber sehr gute natürliche Gaben. Sie gefiel, ohne dass sie sich einbildete, gefallen zu haben. Die Artigkeit vertrat bei ihr die Stelle der Schönheit. Und wenn man die Wahl hat, ob man ein schönes Frauenzimmer, das nicht artig ist, oder ein artiges, das nicht schön ist, lieben soll: so wird man sich leicht für das letzte entschliessen. Ich kann ohne Prahlerei sagen, dass ich dieses Kind, welches Florentine hiess, meistens erzogen hatte. Und wenn ich gestehe, dass sie ausserordentlich viel Geschicklichkeit besass: so will ich nicht sagen, dass ich sie ihr beigebracht, sondern ihr nur zur gelegenheit gedienet habe, sich solche zu erwerben. Sie hatte Karolinen und dem Umgange mit meinem mann sehr vieles zu danken. Sie war mehr unter Mannspersonen als unter ihrem Geschlechte aufgewachsen. Dieses halte ich allemal für ein Glück bei einem Frauenzimmer. Denn wenn es wahr ist, dass die Mannspersonen in dem Umgange mit uns artig und manierlich werden: so ist es ebenfalls wahr, dass wir in ihrer Gesellschaft klug und gesetzt werden. Ich meine aber gar nicht solche Mannspersonen, die insgemein für galant ausgeschrien werden, und die sich bemühen, ein junges Mädchen durch niederträchtige Schmeicheleien zu vergöttern; die ihm durch jeden blick, durch jede Bewegung des Mundes und der Hand von nichts als einer abgeschmackten Liebe sagen. Solche Leute müssen freilich nicht die Sittenlehrer der Frauenzimmer werden, wenn man haben will, dass eine junge Schöne keine Närrin werden soll. Mir wäre es am wenigsten zu vergeben gewesen, wenn ich Florentinen nicht so wohl erzogen hätte, als es sein kann, da ich Zeit, gelegenheit und ihre gute Fähigkeit vor mir hatte und seit ihrem siebenten Jahre fast beständig um sie gewesen war. Ihre guten Eigenschaften machten sie nachgehends zur Frau eines Mannes, der in Holland eine der höchsten Ehrenstellen bekleidete, und an dem sein Stand noch das wenigste war, was ihn gross und hochachtungswert machte. Doch ich will von unserer Florentine ein andermal reden!

Wir waren kaum einige Monate in dem Haag: so lief ein Schiff aus Russland mit Waren für unsern Andreas ein. Er bat uns, dass wir mit an Bord gehen und die Ladung ansehen möchten. Wir liessen uns diesen Vorschlag gefallen und fuhren dem ankommenden Schiffe etwa eine halbe Stunde auf der See entgegen.

Nunmehr komme ich auf einen Perioden aus meinem Leben, der alles übertrifft, was ich bisher gesagt habe. Ich muss mir Gewalt antun, indem ich ihn beschreibe; so sehr weigert sich mein Herz, die Vorstellung einer Begebenheit in sich zu erneuern, die ihm so viel gekostet hat. Ich weiss, dass es eine von den Haupttugenden einer guten Art zu erzählen ist, wenn man so erzählt, dass die Leser nicht die Sache zu lesen, sondern selbst zu sehen glauben und durch eine abgenötigte Empfindung sich unvermerkt an die Stelle der person setzen, welcher die Sache begegnet ist.